Weltcup Adelboden
Die Schweiz ist im Riesenslalom eine Macht: Marco Odermatt beendet die Durststrecke

Marco Odermatt wird im Riesenslalom von Adelboden Dritter. Und richtet den Blick bereits auf das Rennen vom Samstag.

Claudio Zanini
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Der Star einer starken Equipe: Marco Odermatt.

Der Star einer starken Equipe: Marco Odermatt.

Sven Thomann/Freshfocus

Es ist nicht lange her, da kannten Schüler die Startzeiten von Vreni Schneider und Pirmin Zurbriggen auswendig und waren pünktlich zu Hause, wenn der Fernseher an den Mittagstisch gerollt wurde. Die Athleten eilten von Erfolg zu Erfolg, ein Land hatte das Skifahren für sich gepachtet. Egal in welcher Disziplin die Schweizer im Einsatz standen, es passierte immer etwas Besonderes.

Der Star einer starken Equipe: Marco Odermatt.

Der Star einer starken Equipe: Marco Odermatt.

Sven Thomann/Freshfocus

Heute rollt niemand mehr einen Fernseher an den Tisch. Und keine Skifirma ist so zahlungskräftig wie früher. Und Fans sind schon gar nicht vor Ort. Dennoch erlebt der Schweizer Skisport eine nächste Blütezeit. Wie 2008 etwa, als Marc Berthod und Daniel Albrecht in Adelboden einen Doppelsieg feierten. Sie zierten am Tag danach Titelseiten aller Art. Die «Ski-Zwillinge» kannten auch diejenigen, die nichts vom Skifahren wissen wollten. Nebst Berthod und Albrecht gab es noch die beiden Didiers, Cuche und Défago, die damals noch im Riesenslalom mitmischten. Alle vier standen im zweiten Lauf, alle vier hatten den Speed für das Podest.

Das Rennen von 2008 wurde mit den Jahren bedeutungsschwerer. Es war das letzte Mal, als ein Schweizer am Chuenisbärgli auf dem Podest stand. Seit gestern muss sich niemand mehr mit der Durststrecke beschäftigen. Marco Odermatt wurde Dritter. Auch er hat eine formstarke Equipe um sich. Fünf Schweizer standen im zweiten Lauf, drei von ihnen schafften es unter die ersten sechs. Nebst Odermatt noch Justin Murisier (5.) und Loïc Meillard (6.). Daniele Sette (24.) fuhr noch in die Punkte. Semyel Bissig schied im zweiten Lauf aus, Gino Caviezel im ersten. Die beiden wurden unter Wert geschlagen. Caviezel ist an guten Tagen auch ein Mann fürs Podest.

Eingeschlafen im zweiten Lauf

Immer wieder wird in diesen Tagen die Geschichte erzählt, wie Odermatt als 4-Jähriger als Zuschauer in Adelboden gewesen sei, weil sein Vater mit dem Militär als Pistenarbeiter im Einsatz stand. Den zweiten Lauf habe der Kleine damals verschlafen. Seit der frühen Kindheit war das Chuenisbärgli ein Sehnsuchtsort für ihn. Seine Karriere startete er nicht wie so viele mit dem Ziel, eines Tages Olympiasieger und Weltmeister zu werden. Nein, er wollte irgendwann einmal in Adelboden gewinnen.

Odermatt vor der Einfahrt in den berüchtigten Steilhang.

Odermatt vor der Einfahrt in den berüchtigten Steilhang.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Abwegig ist das längst nicht mehr. Odermatt ging mit der roten Nummer als Führender der Disziplinenwertung an den Start. Nach dem ersten Lauf hatte er aber bereits eine knappe Sekunde Rückstand auf Alexis Pinturault. Die Fahrt des Franzosen kam einer Machtdemonstration gleich. Angesichts der zeitlichen Differenz sagte Odermatt zur Rennhälfte: «Es wird schwierig, ihn noch abzufangen.» Die Aussage ist unmissverständlich. Odermatt fährt um Siege. In dieser Saison ist ihm das bereits einmal gelungen. Seine Mimik nach dem zweiten Lauf liess nicht viel Interpretationsspielraum zu. Er verzog das Gesicht. Und sagte: «Nach diesem ersten Lauf war ein Podestplatz das Maximum, was ich erreichen konnte. Alexis fuhr in einer eigenen Liga.»

Keiner hatte Pinturault etwas entgegenzusetzen. Der Führende der Gesamtwertung gewann nun nach Alta Badia auch in Adelboden. Es sind die beiden schwierigsten Riesenslaloms überhaupt. Zweiter wurde der Kroate Filip Zubcic. Auch das ist keine Überraschung. Odermatt, Pinturault und Zubcic belegen die ersten drei Plätze der Riesenslalom-Wertung. Odermatt berichtete auch, dass ihm das Vertrauen ein wenig fehlte. In Adelboden scheint nach wie vor viel mitzuschwingen, auch ohne den vollen Tribünenkessel im Zielraum. Es ist auch im Pandemiewinter kein gewöhnliches Rennen. Doch in diesem Jahr existiert ein entscheidender Vorteil im Vergleich zu den Vorjahren: Es gibt ausnahmsweise zwei Riesenslaloms und so auch für alle eine zweite Chance.

Es hängt von Pinturault ab

Odermatt richtete seinen Fokus im Zielraum bereits auf den nächsten Tag. Aber er sagte auch: «Die Ausgangslage wird nicht einfacher.» Von einem möglichen Sieg mochte er nicht reden. Es dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob Pinturault seine überirdische Performance wiederholen kann.

Vor zwei Jahren war das Aufsehen in Adelboden gross, als Seriensieger Marcel Hirscher sagte, Odermatt könne alles gewinnen. Auch den Gesamtweltcup. Solche Erwartungen gibt es schon seit seinem Karrierebeginn. Sie scheinen ihn nach wie vor nicht verrückt zu machen. In den entscheidenden Momenten ist Odermatt bereit und liefert ab. Am Samstag geht die Geschichte weiter. Die Durststrecke ist nun zwar beendet. Doch der Hunger bleibt.