Wolframplatz, Zürich Binz. An der Sihl sind die Mittagsjogger unterwegs. Eine Frau führt ihren Hund spazieren. Im Bahnhof Giesshübel fährt eine S-Bahn quietschend ein. Das Haus mit der Nummer 16 erinnert weder an ein Fitnesszentrum noch an einen Leistungsstützpunkt. Doch der Schein trügt. Im zweiten Stock befindet sich die sportlichste WG der Stadt: «Willkommen – hereinspaziert».

Nina Derron (24) öffnet die Tür. Ihre jüngeren Schwestern Michelle (22) und Julie (20) bilden fröhlich lachend die Nachhut des Empfangskomitees. Nur der starke Händedruck des Trios lässt erahnen, dass hier drei der härtesten Schweizer Sportlerinnen wohnen.

Vom Wohnzimmerfenster aus sieht man über die Gleise der Sihltal-Bahn, dahinter erhebt sich der Uetliberg: «Wenn wir steile Anstiege trainieren, eine unserer bevorzugten Laufstrecken», sagt Michelle. «Das Radtraining absolvieren wir oft am Zürichsee und über Hirzel und Albis», ergänzt Nina den Fahrplan. Im geordneten Chaos des Sportlerinnen-Haushalts fühlt man sich fast wie in der Wechselzone eines Triathlons: Drei Rennvelos stehen am Fenster, zwei Trainingsrollen lassen erahnen, dass im Esszimmer nicht nur getafelt und getrunken wird: «Wenn es regnet, spulen wir die Kilometer hier im Trockenen ab», sagt Julie.

Die Ziele sind gesetzt

Zum Triathlon kamen die Schwestern eher zufällig – eine gewisse genetische Basis bestand aber. «Unser Grossvater wurde als Schwimmer Schweizer Meister», erzählt Michelle. Die Initialzündung lieferten die Eltern Marianne und Marc, die Nina zum «Iron Kids» in Zürich anmeldeten. «Ich war vier Jahre alt und ging mit Flügeli und Stützrädli an den Start», erinnert sich die Frühgeförderte.

Es sollte der Startschuss zu einem erstaunlichen Sister-Act werden. Nina, Michelle und Julie trieben sich gegenseitig an, profitierten von der hausinternen Leistungskultur und kletterten Stufe um Stufe höher. Auf Junioren-Ebene gewannen sie zusammen ein Dutzend Meistertitel. Fast auf dem ganzen Globus fuhren sie in Nachwuchs-Rennen schon an die Spitze. Die familieneigene Medaillensammlung würde jede Vitrine sprengen – deshalb ist sie in einer Truhe untergebracht.

Die Triathletinnen Julie, Michelle und Nina Derron: Ihre Medaillensammlung ist zur gross für jede Vitrine.

 

Doch das soll erst der Anfang gewesen sein: Michelle und Julie haben auf der Kurzdistanz die Olympischen Spiele 2020 in Tokio im Visier. Nina, die nach hartnäckigen Rückenproblemen auf die Langdistanz umstellte, strebt mittelfristig die Teilnahme am Ironman auf Hawaii an. Eiserne Disziplin ist von allen drei schon jetzt gefordert: «Das Talent im Triathlon besteht darin, konsequent zu leben, hart zu trainieren und eine gewisse Leidensbereitschaft zu entwickeln», erklärt Nina. Wille, Disziplin, Leiden: Das tönt nicht unbedingt nach der jugendlichen Leichtigkeit des Seins: «Dafür essen wir umso mehr Schokolade – und letztlich macht uns der Triathlon grossen Spass», sagt Julie. Gewisse Alternativen standen ohnehin nicht zur Debatte: «Als Ballsportlerinnen oder Sängerinnen wären wir nicht zu gebrauchen», sagt Michelle.

Für die taktische und trainingstechnische Feinabstimmung ist bei den Derrons der australische Trainer Brett Sutton verantwortlich – quasi durch Fernsteuerung. Per «WhatsApp» schickt er am Abend jeweils das Programm des nächsten Tages. Nach absolviertem Training rapportieren die Schwestern – und erhalten postwendend den Fahrplan für den folgenden Tag.

Brett Sutton ist einer der erfolgreichsten Triathlon-Trainer. Er schickt das Trainingsprogramm per Whatsapp.

Brett Sutton ist einer der erfolgreichsten Triathlon-Trainer. Er schickt das Trainingsprogramm per Whatsapp.

Sutton gilt als erfolgreichster Trainer der Triathlon-Szene und Schlüsselfigur in der Karriere von Nicola Spirig. Die 35-jährige Zürcher Unterländerin sorgte an den Olympischen Spielen in London (Gold) und Rio de Janeiro (Silber) für Schweizer Sternstunden. Sie kennt vor allem Michelle und Julie aus gemeinsamen Trainingseinheiten: «Michelle besitzt die mentalen Fähigkeiten um hart zu trainieren und sich der Spitze weiter anzunähern. Julie verfügt über viel Talent. Jetzt muss sie aber zeigen, dass sie den Willen hat, um weiter hart zu arbeiten.»

Die harte Arbeit endet für die Schwestern nicht mit dem Sport. Ihr Horizont geht weit über das Hinterrad der Konkurrenz hinaus. Alle drei absolvieren ein Studium: Nina befindet sich im ersten Jahr des Masters in Biomedical Engineering, Michelle studiert im sechsten Semester Jus und Julie im zweiten Semester Lebensmittelwissenschaften: «Das hilft mir auch im Sport», sagt sie lachend – und greift zu einer Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure.

Julie Derron hat bereits einige Titel geholt. Hier den Traithlon in Locarno 2016.

Julie Derron hat bereits einige Titel geholt. Hier den Traithlon in Locarno 2016.

35 000 Franken pro Jahr

«Die geistige Ablenkung ist für uns sehr wichtig», sagen die drei Frauen unisono, «würden wir nur an den Sport denken, wäre das schwierig.» Die Verbindung von Studium und Sport sei vor allem eine Frage des Zeitmanagements. Nicola Spirig nahm diese Doppelbelastung ebenfalls auf sich. Parallel zu ihrer Sportlerinnenlaufbahn schloss sie ein Jurastudium erfolgreich ab: «Dies war Motivation für den Sport – und Lebensabsicherung zugleich», sagt sie heute. Brett Sutton sei zu Beginn zwar wenig begeistert gewesen, als er aber gemerkt habe, dass sich Nicola Spirig nicht vom Erfolgsweg abbringen liess, akzeptierte der Trainer ihre akademischen Ambitionen.

Die Derron-Schwestern werden ihre studentische Karriere ebenfalls kaum dem Sport opfern – auch weil sie wissen, dass es schwierig ist, als Triathletinnen finanziell selbsttragend zu sein. Auf rund 35 000 Franken schätzen sie die jährlichen Auslagen. Nur die Hälfte können sie durch Sponsoren, Preisgelder und die Sporthilfe refinanzieren. «Die wichtigsten Geldgeber sind unsere Eltern», sagt Nina.

Eine Olympia-Medaille oder der Sieg am Ironman würde freilich vieles ändern: «Wohl nur dann kann man als Triathletin in der Schweiz vom Sport leben», sagt Michelle. Ob es soweit kommt, wird sich weisen. Doch die Unwägbarkeiten und Hindernisse sind in diesem Sport gross. Zuletzt wurde auch Michelle von Verletzungssorgen (Müdigkeitsfrakturen) gebremst.
Nicola Spirig ist in ihrer Prognose vorsichtig: «Michelle und Julie haben Chancen, sich für Tokio zu qualifizieren – wenn sie gesund bleiben.» Aber auch ein Scheitern müsse nicht das Ende aller Träume bedeuten: «Im Triathlon ist der Zeithorizont viel grösser als beispielsweise im Kunstturnen oder Eiskunstlaufen», sagt Spirig.

«Michelle und Julie haben Chancen, sich für Tokio zu qualifizieren – wenn sie gesund bleiben.»

Triathletin Nicola Spirig:

«Michelle und Julie haben Chancen, sich für Tokio zu qualifizieren – wenn sie gesund bleiben.»

Das beste Beispiel liefert sie gleich selber. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes denkt sie bereits über die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio nach. Dann könnte sie ihren persönlichen Medaillensatz komplettieren – im Alter von 38 Jahren. Mit anderen Worten: Die Derron-Schwestern haben noch das ganze Triathlon-Leben vor sich. Der letzte Zug am Bahnhof Giesshübel fährt noch lange nicht ab.