Kommentar

Die tägliche Pille als Vorbild für das Doping des Freizeitsportlers

Rainer Sommerhalder

Rainer Sommerhalder

Die grosse Doping-Razzia im Freizeitsport von letzter Woche offenbart vor allem eines: Der eigene Körper soll eine Hochleistungsmaschine sein.

Ecstasy für die nächste Party, Beta-Blocker vor der wichtigen Uni-Prüfung, Antidepressiva gegen die schlechte Stimmung und Botox zur Glättung der ersten Falten – Medikamente gehören in unsere auf Perfektion getrimmte Leistungsgesellschaft wie der notorische Blick aufs Handy. Wir wachsen mit der Pille für jede Gelegenheit auf. Krankheiten werden mit Chemie abgewürgt, die körperliche Energie mit Aufputschmitteln gesteigert. Die grosse Doping-Razzia von letzter Woche ist nicht mehr als ein Spiegelbild unseres Lebensstils.

3,8 Millionen unerlaubte Medikamente, 24 Tonnen Steroidpulver und neun illegale Dopinglabore haben die Ermittler aus 33 Ländern in einer gemeinsamen Aktion sichergestellt. 17 kriminelle Gruppen in ganz Europa wurden im Zuge der «Operation Viribus» zerschlagen, 234 Personen festgenommen. Beeindruckende Zahlen eines in der Geschichte des Freizeitsports einmaligen Polizeieinsatzes.

Millionen von Pillen wurden bei der Polizeiaktion beschlagnahmt.

Millionen von Pillen wurden bei der Polizeiaktion beschlagnahmt.

Potenzmittel für den Schwellkörper
und Aufbaupräparate für die Muskeln

Der Handel mit illegalen Substanzen ist ein boomender Markt, dies zeigt die Statistik des deutschen Zolls. Dort hat sich die Beschlagnahmung von unerlaubten Medikamenten innerhalb von vier Jahren verzehnfacht. Auch die Schweizer Zollverwaltung weist für 2018 Rekordzahlen aus: 483 abgefangene Sendungen gingen an Antidoping Schweiz, 3203 an Swissmedic, die Aufsichtsbehörde für Arzneimittel. An erster Stelle stehen Erektionsförderer und Schlankmacher.

Im Freizeitsport dominieren Anabolika-Präparate und Wachstumshormone. Es geht in erster Linie um Körperkult und Eitelkeiten. Der perfekte Body wird im Fitnessstudio geformt und das Werk mit dem Griff zur Pille abgerundet. Der Hobbyläufer prahlt mit seinem neuen Rekordlauf im Marathon, der Velofahrer will auch mit 50 im Aufstieg zum Gotthard eine gute Figur machen. Der Breitensport war schon immer ein Sammelbecken für übertriebenen Ehrgeiz. Dort zu brillieren ist auch ohne Hochleistungstraining möglich. Die Chemie muss stimmen. Sie ist zwar illegal, aber ohne grosse Umwege erhältlich. Auf der Packung fehlt einzig der übliche Hinweis auf Risiken und Nebenwirkungen.

Wo kein Arzt oder Apotheker Auskunft gilt, da fängt die Selbstverantwortung an. Und hört offensichtlich schnell einmal wieder auf. Welches Gesundheitsrisiko der Freizeitsportler mit dem Konsum dieser Medikamente eingeht, ist ihm offensichtlich nicht bewusst. Er sieht nur den Effekt. Die Qualität der in düsteren Hinterhof-Labors gemixten Produkte und die Nebenwirkungen der oft zur Bekämpfung von schweren Krankheiten entwickelten Wirkstoffe werden viel zu wenig hinterfragt. Es ist ein Spiel mit der Gesundheit.

Doping hat viele Gesichter. Und die Gefahr ist gross, dass dabei Äpfel mit Birnen verglichen werden. «Es sind nicht immer nur die Russen», war mehrfach in den Kommentarspalten der News-Meldungen zur Polizeiaktion zu lesen. Doch diesmal ging es nicht um die Verhinderung von Sportbetrug, wie er beim Doping im Leistungssport im Vordergrund steht. Hier handelt es sich höchstens um Betrug am eigenen Körper.

Was die Sportverbände aus
der Operation Viribus lernen können

Ungeachtet dessen hat die Operation Viribus durchaus Strahlkraft in Richtung Spitzensport. Sie ist der Beweis dafür, dass der Kampf gegen Doping dank den Ermittlungsbefugnissen staatlicher Behörden und einer internationalen Zusammenarbeit der Polizei ungleich wirkungsvoller wird als mit den Methoden, welche der Sport alleine aufbringen kann. Es ist an der Zeit, dass die grossen Sportverbände ihren Widerstand gegen diese «Eingriffe» in ihre Welt aufgeben.

Zurück zum Freizeitsport. Die tägliche Lösung in Pillenform hat in unserer Gesellschaft eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber den Risiken geschaffen. Das Kleingedruckte im Vertrag interessiert auch hier nicht. Solange diese Einstellung vorherrscht, bleibt jeder Schlag gegen den Schwarzmarkt ein Sturm im Wasserglas. Die Nachfrage an verbotenen Substanzen entscheidet über das Angebot. Der verhaftete Dopingdealer von gestern ist heute bereits ersetzt. Denn es gibt noch viele Muskeln zu stählen.

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