Olympia 2018

Du bist ein Sportler für die Ewigkeit: Simon Amman gibt seinen Abschied von der Olympiabühne

Simon Ammann: «Ich bin so dankbar, dass ich diesen Moment noch einmal erleben durfte.»

Simon Ammann: «Ich bin so dankbar, dass ich diesen Moment noch einmal erleben durfte.»

Eine Hommage an Skispringer Simon Ammann. Er gibt in PyeongChang seinen Abschied von der Olympiabühne. Über sein Privatleben, seinen Abschied, erste Begegnungen und schlaflose Nächte:

Du hast uns alle überrascht am Samstagabend an der Olympiaschanze von Pyeongchang. Anstatt – wie üblich – von Rotation und Absprungwinkel, sprachst du auf einmal von Frau und Kindern. Du hast Dich bei Deiner russischen Lebenspartnerin Jana bedankt, dass sie Dir «diesen grossen Traum nochmals erlaubte». Du hast uns erzählt, wie Dein dreijähriger Sohn Théodore mit seinem Kindertelefon imaginär mit dir spricht, dich fragt, wie es Dir geht, und Dir erzählt, wie es ihm geht. «Ich gehe zurück in eine heile Welt», hast Du diese Anekdote kommentiert.

Privatleben unter Verschluss

Persönliche Dinge erfuhr man in all den Jahren wenig von Dir. Du hast uns Dein Herz als Sportler geöffnet, aber Dein Leben jenseits der Schanze für Dich behalten. Es gibt wenige Athleten, von denen ich weder eine Telefonnummer noch eine Mailadresse besitze. Du bist einer davon.

Simon Ammann mit den beiden Goldmedaillen von den Olympischen Spielen in Vancouver 2010.

Simon Ammann mit den beiden Goldmedaillen von den Olympischen Spielen in Vancouver 2010.

   

Du hast am Samstag eine Viertelstunde praktisch ohne Unterbruch geredet. Für mich tönte es nach Abschied. Ich rechne damit, Dich im nächsten Winter nicht mehr als Skispringer in Aktion zu erleben. Du hast es Deiner Jana versprochen. Selbst wenn für Dich in diesen Tagen das Wort «Rücktritt» gedanklich noch meilenweit entfernt ist – es wird schwierig, eine starke und selbstbewusste russische Frau umzustimmen.

Oder wie Du es am Samstag mit Deinem unverwechselbaren Esprit ausgedrückt hast: «Wann ich diese Verhandlungen mit meiner Frau haben werde, ist jetzt absolut sekundär.»

«Dieser Heugümper soll endlich abtreten!»

Sollte ich mich dennoch irren, verstehe mich bitte nicht falsch. Wir sehen Dir auch in der nächsten Saison gerne beim Schanzenspringen zu. Schliesslich bist Du ein Sportler für die Ewigkeit. Und noch lieber lauschen wir Deinen Ausführungen über die Sprünge. Deshalb weigere ich mich an dieser Stelle auch ausdrücklich, den Auftrag eines 83-jährigen Aargauer-Zeitung-Lesers auszuführen und Dir, wie befohlen, Folgendes persönlich mitzuteilen: «Dieser Heugümper soll endlich abtreten!»

Simon Ammann nach der Flower-Ceremony, bei der er für den Gewinn auf der Normalschanze in Salt Lake City 2002 ausgezeichnet wurde.

Simon Ammann nach der Flower-Ceremony, bei der er für den Gewinn auf der Normalschanze in Salt Lake City 2002 ausgezeichnet wurde.

    

Im Gegenteil. Bei Deinem (Olympia-)Abschied wurde sogar mir als Journalist ein wenig warm ums Herz. Es war schön zu spüren, dass vis-à-vis immer noch der gleiche Mensch steht wie 2001, als ich Dich kennen lernen durfte. Natürlich um einige Jährchen und Wehwehchen erfahrener sowie um unzählige und unbezahlbare sportliche Erlebnisse reicher. Aber als Person doch stets authentisch und bescheiden geblieben. Unabhängig vom Zeitpunkt Deines allerletzten Wettkampf-Sprungs werde ich die journalistischen Herausforderungen mit Dir missen.

Erste Begegnung beim Morgenessen

Ich erinnere mich noch genau, als ich Dir zum ersten Mal begegnete. Es war im Dezember 2001 im Frühstücksraum des Hotels Europe in Engelberg. Ich beging eine journalistische Todsünde, checkte mit meiner Frau und meinen zweijährigen Zwillingsmädchen im selben Hotel ein wie die Schweizer Skispringer. Und es kam noch dicker: Für meine Kinder war es der allererste Aufenthalt in einem Hotel.

Der Anfang: Mit 16 in den Weltcup und als jüngster Schweizer Olympiateilnehmer in Nagano.

Der Anfang: Mit 16 in den Weltcup und als jüngster Schweizer Olympiateilnehmer in Nagano.

   

Sie schrien praktisch die ganze Nacht durch. Und Du hattest das Zimmer neben uns und am nächsten Tag einen wichtigen Weltcup-Wettkampf. Beim Morgenessen sprach ich Dich an und wollte mich in aller Form für den nächtlichen Lärm entschuldigen. Und wie hast Du reagiert? Du hast mich herzlich angelacht und gesagt, du seist dir solches von den vier Geschwistern zuhause gewöhnt. Dein Schlaf in dieser Nacht war formidabel.

In Salt Lake City zur Schweizer Sportlegende

Drei Monate später hast Du dann bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City die ganze Welt angelacht. Ich stand an der Schanze und freute mich riesig, als Du nach dem Springen zuerst zu mir zum Interview kamst. Deine herzerfrischende Art blieb künftig ein unnachahmliches Markenzeichen.

Simon Ammann nach dem Sieg auf der Normalschanze bei der Siegerzeremonie am 10. Februar 2002 in Salt Lake City.

Simon Ammann nach dem Sieg auf der Normalschanze bei der Siegerzeremonie am 10. Februar 2002 in Salt Lake City.

    

Von diesem Moment an warst Du eine Schweizer Sportlegende. Doch Ruhm und Erfolg haben Dich als Menschen nicht verändert. Später kamen sportlich schwierige Jahre, Deine Sprüche wurden ernster, aber nicht schlechter. Wie ein «Kartoffelsack» seist du über die Schanze gesprungen, hast Du einmal an einem kalten Januartag 2005 im Auslauf der Schanze gesagt.

Es kommt schon gut

In den vergangenen Jahren wurde es zunehmend kompliziert. Auf der einen Seite bewunderte ich Deine grenzenlos scheinende Zuversicht, nochmals ganz an die Weltspitze zu springen. Man nahm Dir ab, dass nur ganz wenig fehlt und Du den Schlüssel zum Erfolg kennst. Aber Deinen technischen Ausführungen konnte ein Skisprung-Laie kaum mehr folgen. Es kommt schon gut, dachte ich mir mehr als einmal als Fazit eines unverstandenen Gesprächs.

Simon Ammann gibt in PyeongChang seinen Abschied von der Olympiabühne.

Simon Ammann gibt in PyeongChang seinen Abschied von der Olympiabühne.

    

Und, ist es gut gekommen? Ein 11. und ein 13. Platz bei Deinen sechsten und letzten Olympischen Spielen sind auf den ersten Blick für einen vierfachen Olympiasieger keine Resultate, für die es sich lohnt, rund um die Welt zu fliegen. Aber wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass es sich für Dich dennoch gelohnt hat. Du hast ihn am Samstagabend an der Schanze erbracht.

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