Olympia-Serie
Ein Buch wie eine Seelenmassage – Lena Häcki findet in Mustern ihren Ausgleich

Biathletin Lena Häcki zeichnet Mandalas – in ihr ganz persönliches Notizheft. Sie erzählt wie sie sich aus dem Alltag eines Spitzensportlers zurückzieht und ihre eigenen Kunstwerke erstellt.

Rainer Sommerhalder
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Lena Häcki beim Mandala-Zeichnen und aktiv beim Biathlon

Lena Häcki beim Mandala-Zeichnen und aktiv beim Biathlon

rs/key

Das Leben einer Spitzensportlerin ist aufregend, oft hektisch und verläuft meistens hochtourig. Nicht immer sind dabei unkontrollierte Gedanken und ein pulsierender Körper von Vorteil. Eine Biathletin zum Beispiel sollte Nervosität und Emotionen spätestens am Schiessstand im Griff haben.

Ein Ausgleich jenseits jeglicher Hektik ist ein gutes Rezept dafür. Auch Lena Häcki findet ihre Kraft bisweilen in der Ruhe. Als Ablenkung zu Training und Wettkampf zeichnet sie seit knapp zwei Jahren Mandalas, geometrische Muster fernöstlicher Herkunft. «Es geht mir dabei aber nicht um den religiösen Faktor im Hinduismus oder Buddhismus. Darauf gestossen bin ich, als ich verschiedene Motive für ein Tattoo selber entwerfen wollte», sagt die 22-Jährige aus Engelberg.

Auch der Tag unseres Treffens beginnt für Lena Häcki wieder einmal aufregend. Zwar liegen die Olympischen Winterspiele zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne, dafür stehen morgens um 6 Uhr die Dopingkontrolleure schon vor der Türe. «Am einzigen Tag in dieser Woche, an dem ich hätte ausschlafen können», sagt die Innerschweizerin mit einem Lächeln.

Es ist die achte Kontrolle allein im Jahr 2017. Lena Häcki nimmt es gelassen, denn sie weiss, dass diese Prozedur Teil ihres Sportlerlebens ist.

Ein Mandala von Lena Häcki.

Ein Mandala von Lena Häcki.

Rainer Sommerhalder

Radiergummi für Perfektionistin

Später, nach dem morgendlichen Training, bietet sich Gelegenheit zur Entspannung für die aufstrebende Athletin. Auf ihrem Handy befindet sich die Vorlage zum Mandala, die sie hoch konzentriert und akribisch genau abzeichnet. Der Radiergummi ist dabei ihr bester Freund. «Ich bin beim Zeichnen eine absolute Perfektionistin, deshalb dauert es manchmal ziemlich lang, bis ich mit dem Resultat zufrieden bin», sagt Häcki.

Die Resultate indes beeindrucken. Verschiedenste komplexe Mandalas zieren ihr Notizheft. Es ist nicht irgendein Büchlein. Es ist ein ganz spezielles Werk. Neben den Zeichnungen finden sich dort Notizen zu den Trainingseinheiten. Etwa, wie viele Kilo sie im Kraftraum gestemmt hat. Aber auch ganz persönliche, berührende Texte.

Die Passion der Olympia-Hoffnungen

Was machen Spitzensportler, wenn der Fokus noch nicht ganz auf die Olympischen Spiele ausgerichtet ist? Wir haben zwölf Schweizer Olympia-Hoffnungen im Sommer bei ihrer «anderen» Leidenschaft begleitet und eine ganz neue Seite der Athleten kennen gelernt.

«Meine Mentaltrainerin hat mir geraten, Dinge aufzuschreiben, die mich bewegen oder bedrücken», sagt Häcki. Einerseits Dinge zum Abhaken, anderseits auch zum Nachlesen. Etwa den perfekten Ablauf im Schiessstand.

Noch vor kurzem empfand sie ihre grosse Nervosität vor Wettkämpfen als hemmend. Heute hat sie gelernt, damit umzugehen. Spätestens nach ihrem vierten Rang beim letztjährigen Weltcup in Östersund ist sie in der absoluten Weltspitze angekommen. Lena Häcki ist eine extrovertierte Athletin, die ohne Scheu und Scham, dafür mit viel Charme und Herz, von sich erzählt.

Nun sitzt sie zuhause in den privaten Räumen des Hotel Garni Hostatt in Engelberg und zeichnet. «In diesem Zimmer bin ich auf die Welt gekommen», sagt die 22-Jährige. Im Kreise der Familie tankt sie Kraft. Wenn es das Trainingsprogramm und die Müdigkeit zulassen, hilft sie im elterlichen Betrieb, macht für die Gäste das Zimmer und saust mit dem Staubsauger durch die Gänge. Man packt an im Hause Häcki.

Oder sie zeichnet. «In meinen Gedanken geht es zumeist um den Sport. Beim Zeichnen kann ich für einige Zeit die Perspektive ändern. Ich bin in diesen Momenten ganz bei mir.» Es sind Momente jenseits von Druck und Stress. «Man hat auf einmal viel Zeit», beschreibt sie die mentale Wirkung. Zeit etwa, um im Kopf schon mal die olympischen Strecken von Pyeongchang abzulaufen. Und auch dabei ein beruhigendes Gefühl zu entwickeln.