National League

«Ein erfahrener Spieler sollte dazu in der Lage sein»: Reto Berra handelte seinen neuen Vertrag ohne Agent aus

Selbst ist der Mann: Reto Berra ist bei seinen Vertragsverhandlungen unkompliziert, einen Spielervermittler braucht er nicht (mehr).

Torhüter Reto Berra ist an Gottérons zwei Startniederlagen unschuldig und auch bei Vertragsverhandlungen ein Nonkonformist. Anders als viele andere Spieler lässt er sich bei Vertragsverhandlungen nicht von einem Spielervermittler beraten.

Reto Berra (32) ist mit ziemlicher Sicherheit der talentierteste Goalie der Liga. Postur, Winkelspiel, Reflexe, Erfahrung und Persönlichkeit machen ihn zu Gottérons Hoffnungsträger auf dem Weg zurück in die Playoffs. An den zwei Startniederlagen gegen Biel (1:3) und Langnau (2:3) ist er mit einer Fangquote von über 90 Prozent unschuldig. Der WM-Silberheld von 2013 und 2018 ist auf eine sympathische Weise ein cooler Nonkonformist.

Er mahnt in seinem authentischen, entspannten Auftreten eher an einen Künstler – was ja ein Goalie im Grunde auch ist. Er nennt die Dinge beim Namen und verzichtet auf die sonst üblichen Floskeln und Sprüchlein, die Profisportler bei der Medienausbildung im Klub auswendig lernen.

Ein neuer Trend – selbst verhandeln und Geld sparen

Und ungewollt ist er im vergangenen Spätsommer auch ein wenig ein Pionier geworden: Er dürfte der Erste der ganz Grossen der Liga sein, der seinen neuen Vertrag persönlich, also ohne Agenten, ausgehandelt hat. Früher bezahlten die Klubs die «Agent Fee». Also die Provision, die ein Spielervermittler für das Aushandeln eines Vertrages bekommt. Sie liegt in der National League zwischen zwei und sieben Prozent des Jahreslohnes und ist jedes Jahr fällig.

Vor drei Jahren haben die Klubs entschieden, diese Agentenprovision nicht mehr zu bezahlen. Seither bekommen die Spieler die Rechnung. Reto Berra bestätigt auf Anfrage, dass er den neuen Vertrag bei Gottéron (er verlängerte vorzeitig bis 2024) mit Sportchef Christian Dubé selbst ausgehandelt hat und nicht mehr mit seinem Agenten André Rufener zusammenarbeitet.

«Bei Verträgen in Nordamerika ist ein Agent unerlässlich. Aber in der Schweiz sollte ein erfahrener Spieler eigentlich dazu in der Lage sein, einen Vertrag selbst auszuhandeln.» Man kenne ja die Leute und den eigenen Marktwert.

Trotzdem Freunde geblieben

War es ein langes Feilschen mit dem Gottéron-Sportchef? «Nein, überhaupt nicht. Ich hatte meine Vorstellungen und er auch. Wir sind zwei-, dreimal eine Viertelstunde zusammengesessen, und dann waren wir uns einig.» Zuvor hatte er sich von André Rufener, einem der Erfahrensten der Branche, vertreten lassen.

«Rufi» ist Inhaber einer NHL-Lizenz und unter anderem der Architekt der Karrieren von Nino Niederreiter, Mirco Müller, Sven Bärtschi und Luca Sbisa – und ein wenig auch von Reto Berra. Zwischen den beiden ist über die Jahre sogar eine Freundschaft entstanden. Ist es da nicht fast ein wenig Verrat, beim Abschluss des neuen Vertrages den Freund aussen vor zu lassen? «Nein», sagt Reto Berra. «Wir sind Freunde geblieben.»

André Rufener kann es sicherlich verschmerzen. Er vertritt in der NHL mit seinen Klienten eine jährliche Salärsumme von mehr als 10 Millionen Dollar. Da bleibt bei einer Agent Fee zwischen drei und sechs Prozent des Salärs genug für eine warme Mahlzeit nicht nur an Sonn- und Feiertagen.

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