Nach dem Spiel

Ein «neuer Shaqiri», ein Chef-Wechsel ohne Folgen und viele Spieler im Hoch –  fünf Erkenntnisse

Verdientes Lachen: Vladimir Petkovic ist stolz auf die Leistung seines Schweizer Teams beim 1:1 gegen Deutschland.

Verdientes Lachen: Vladimir Petkovic ist stolz auf die Leistung seines Schweizer Teams beim 1:1 gegen Deutschland.

Nach dem 1:1 gegen Deutschland - welche Brennpunkte beschäftigen die Nationalmannschaft? Fünf Erkenntnisse nach einem aussergewöhnlich erfreulichen Schweizer Fussball-Abend.

Es war einer der schöneren Fussballabende, die das Schweizer Nationalteam in den letzten Jahren seinen Zuschauern geboten hat, auch wenn diese nur vor dem Fernseher sassen. Ein Abend, der resultatmässig zwar nicht gerade nach einer Gala aussah, aber dieses 1:1 der Schweiz gegen Deutschland ist mehr Wert, als es die Zahlen ausdrücken können. Weil die Art und Weise, wie es zustande kam, ein schönes Indiz ist dafür, was in diesem Team steckt. Doch welche konkreten Erkenntnisse nimmt Nationaltrainer Vladimir Petkovic mit, bevor es im Oktober zu den Spielen gegen Kroatien, Spanien und Deutschland kommt?

1. Der Captain Lichtsteiner geht – und die Ordnung bleibt

Wenn in einer Mannschaft der Captain das Boot verlässt, so ist das normalerweise eine grosse Sache. Es entsteht eine Lücke, sportlich und menschlich, das Team muss sich zuerst finden, eine neue Hierarchie entstehen. In diesem Sommer ist Stephan Lichtsteiner vom Spitzenfussball zurückgetreten. Der Nati-Captain hätte sich die EM als letztes Highlight gewünscht, es kam wegen Corona anders.

Nun zeigt sich: Lichtsteiners Absenz ist kaum spürbar. Damit sollen nicht seine Verdienste und seine Rolle geschmälert werden, vielmehr soll betont sein, wie gut Lichtsteiner seinen Nachfolger als Captain Granit Xhaka bereits ans Amt herangeführt und wie sehr Lichtsteiner als Teamplayer agiert hat – und darum eine sehr intakte Gruppe hinterlässt.

Alter Captain, neuer Captain: Stephan Lichtsteiner und Granit Xhaka, hier in Lugano kurz vor der WM 2018.

Alter Captain, neuer Captain: Stephan Lichtsteiner und Granit Xhaka, hier in Lugano kurz vor der WM 2018.

Auch Xhaka bekommt die Rolle als echter Captain offensichtlich ganz gut. Er führt die Mannschaft auf dem Feld an, spürbar für alle, aber gleichwohl nicht überdreht. Seine beiden Auftritte gegen die Ukraine und Deutschland waren verheissungsvoll. Vermutlich weiss er ganz genau: Nie hat ihn die Schweiz so sehr gebraucht wie jetzt. Die Zeit seiner Lehrjahre in Führungsrolle sind definitiv vorbei. Gut möglich, dass er noch einmal daran wächst.

2. Der Zweikampf um die Position hinten rechts ist lanciert

Bleiben wir gleich auf der Position des Rechtsverteidigers. Es ist in der Nati traditionell eine Position, wo grosser Konkurrenzkampf herrscht. Auch jetzt ohne Lichtsteiner.

Kevin Mbabu.

Kevin Mbabu.

Sein designierter Nachfolger Kevin Mbabu hat wohl die verheissungsvollsten Anlagen. In Wolfsburg hat er sich nach einem schwierigen Start durchgesetzt. Je länger die Saison dauerte, desto besser kam er in Fahrt. Sein Problem ist aber, dass er in der Nati mit Ungenauigkeiten und leichtsinnigen Fehlern immer wieder am Ursprung von Gegentoren stand.

Silvan Widmer.

Silvan Widmer.

Nun hat Silvan Widmer gegen Deutschland gezeigt, dass es der Kampf um die Position offener denn je ist. Widmer spielt in Basel vielleicht so gut wie nie zuvor. Er ist defensiv verlässlicher als Mbabu und hat gleichwohl eine starke Präsenz gegen vorne – sein Tor gegen Deutschland war nicht das einzige Beispiel. Widmer hat schon mehrfach in allerletzter Sekunde ein grosses Turnier verpasst, folgt jetzt seine Zeit? Michael Lang, zuletzt Lichtsteiners erster Stellvertreter, ist in der Hierarchie derzeit nur an dritter Stelle.

3. Steffen als möglicher Shaqiri-Ersatz

Wirblig, bissig, kluge Pässe: Renato Steffen.

Wirblig, bissig, kluge Pässe: Renato Steffen.

Auf dem Papier trennt die beiden ein einziger Zentimeter. Renato Steffen misst 1,70 Meter, Xherdan Shaqiri 1,69 Meter. Wenn es nach Titeln geht, ist der Unterschied etwas grösser. Und wenn es ums Standing in der Schweizer Nati geht, dann sowieso.

Nur stellt sich wegen der ständigen Abwesenheit von Shaqiri (letztes Länderspiel am 9. Juni 2019) die Frage, ob es auch eine Alternative zu ihm gäbe, ohne das System anzupassen. Der gestrige Abend hat einen ersten Hinweis darauf geliefert, dass es vielleicht nicht unmöglich ist, Shaqiri in einer ähnlichen Art zu ersetzen: dank Steffen. Und auf die Gefahr hin, dass ein einziges Spiel etwas wenig ist für ein abschliessendes Urteil.

Doch die Art und Weise, wie Steffen seine Rolle gegen Deutschland interpretiert hat, gefällt. Nach einer Phase des Herantastens, die logisch ist, schliesslich kam er erst zum dritten Länderspieleinsatz von Anfang an, fühlte sich Steffen mit jeder Minute wohler. Er war wirblig, spielte kluge Pässe, brachte Tempo ins Spiel und ist mit seiner bissigen Art für jeden Gegner unangenehm. Die Vermutung sei erlaubt: Es wird weitere Nati-Spiele geben mit Steffen alias Shaqiri.

4. Rodriguez in der Innenverteidigung

Stark am Ball: Ricardo Rodriguez

Stark am Ball: Ricardo Rodriguez

Lange Jahre war eines in der Nati so sicher wie das Amen in der Kirche: Ricardo Rodriguez verteidigt links hinten. Seit die Schweiz mehrheitlich mit Dreierkette spielt, hat Rodriguez gependelt zwischen linkem Aussenläufer und linkem Innenverteidiger. Nun zeigt sich je länger desto deutlicher: Rodriguez gehört in die Innenverteidigung. Seine Ruhe am Ball und seine gute Spieleröffnung kommen dort am besten zur Geltung. Auf dieser Position wiegt auch seine Tempo-Limite nicht allzu schwer. Auf die Dauer braucht die Schweiz ohnehin vier Innenverteidiger, weil während einer Saison oder auch während eines Turniers meistens einer verletzt oder gesperrt ist. Das Quartett Schär, Akanji, Elvedi und Rodriguez genügt höchsten Ansprüchen.

5. Die zweite Reihe bringt sich in Position

Es gibt viele Schweizer Spieler, die sich gegen Deutschland eine Extraportion Lob verdient haben. Angefangen bei Sommer, der in einem grossen Spiel wie gewohnt da war, als er gebraucht wurde. Weiter ganz nach vorne zu Seferovic, der sich seiner Topform wieder nähert und für seine Kollegen immer unermüdlich rackert. Oder Elvedi, der so abgeklärt spielt, dass man sich manchmal in Erinnerung rufen muss, dass er erst 23 ist.

Es hätten alle eine Nennung verdient. Und es ist vielleicht die schönste Erkenntnis, dass niemand abgefallen ist. Dass die zweite Reihe endlich gezeigt hat, dass sie bereit ist, wenn sie gebraucht wird. Loris Benito hat wohl sein bestes Länderspiel gezeigt. Aber auch Djibril Sow hat im Vergleich zum matten Auftritt in der Ukraine nun ein ganz anderes Gesicht gezeigt. Es ist ihm gelungen, zusammen mit Xhaka die Kreise des deutschen Duos Kroos/Gündogan entscheidend zu stören. Und darum gilt für ihn wie für das ganze Schweizer Team: Es darf gerne so weiter gehen.

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