Anschlag in Dortmund

«Ein Signal an die Welt»: Das Fussballspiel, bei dem alles anders war

Die Champions-League-Partie Borussia Dortmund gegen AS Monaco war kein gewöhnliches Fussballspiel. Es war auch ein «Signal an die Welt». Dass Dortmund Monaco mit 2:3 unterlag, verkam zur Nebensache.

Es war noch einmal eine neue Dimension, in die Hans-Joachim Watzke das ohnehin schon mit unberechenbaren Emotionen überladene Spiel des BVB gegen den AS Monaco kurz vor dem Anpfiff hievte. Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund bedankte sich bei der Mannschaft, «dass sie sich zur Verfügung stellt», und fügte an: «Weil unsere Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung auf dem Prüfstand stehen.»

Am Tag nach dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus sollten die Spieler nicht einfach nur ein Fussballspiel absolvieren, die Aufgabe bestand darin «ein Signal an die Welt» zu senden, wie Watzke sagte. 

Doch die Erlebnisse haben wohl doch tiefe Spuren hinterlassen. Der BVB fand lange nicht in dieses Spiel hinein, produzierte ungewohnt schlimme Fehler und verlor am Ende mit 2:3 (0:2). Die Chancen, das Halbfinale zu erreichen, sind eher kleiner geworden in dieser komplizierten Woche.

Da ist es ein schwacher Trost, dass die Dortmunder an einem Tag, an dem sich alle irgendwie nach Normalität sehnten, tatsächlich ein sehenswertes Fussballspiel abliefern konnten. Es sei auch darum gegangen, «uns abzulenken, etwas zu tun und im Fussball aufzugehen», sagte Trainer Thomas Tuchel. Aber sie hatten sehr lange gebraucht, bis sie wirklich in diesem Spiel angekommen waren.

«Nicht so frei wie gewohnt»

Man habe «gemerkt, dass wir am Anfang nicht so frei spielen konnten, wie gewohnt», konstatierte Julian Weigl. Nach 19 Minuten bekamen die Monegassen einen Elfmeter zugesprochen, den sicher nicht jeder Unparteiische pfeift, doch Fabinho setzte den Strafstoss neben den Pfosten.

Drei Minuten später gingen die Monegassen mit 1:0 in Führung, Kylian Mbappé hatte den Ball am Ende eines Konters ins Tor bugsiert, allerdings war dem Treffer eine Abseitsstellung vorausgegangen. Und als Sven Bender kurz darauf ein spektakuläres Eigentor geköpft hatte, war klar, was Tuchel gemeint hatte, als er die Ansetzung der Partie keine 24 Stunden nach dem Anschlag kritisierte.

Bilder des Anschlags:

Denn die Details, die in den 24 Stunden nach dem Anschlag bekannt werden, zeigen immer klarer, dass der Angriff viel schlimmer hätte verlaufen können. Viel mehr Spieler hätten verletzt werden können. Die Glassplitter, die Marc Bartra, den Verteidiger aus Spanien, am Arm trafen, hätten sein Gesicht, seine Augen verletzen können. Die Bomben waren mit Eisenstiften bestückt; Bekennerschreiben wurden gefunden.

Der Trainer und auch die Mannschaft hätten das Vorgehen des Kontinentalverbandes Uefa «als sehr ohnmächtig empfunden», sagte der Tuchel im Fernsehen. Eigentlich wurde das möglichst enge Festhalten am Spielplan ja als Zeichen der Freiheit verkauft, man dürfe sich den eigenen Lebensstil und die eigene Freiheit nicht von den Terroristen zerstören lassen, lautet das Argument, das nach jedem Anschlag vorgetragen wird.

Dass irgendwelche Funktionäre am Verbandssitz in Nyon zu einem Zeitpunkt Entscheidungen trafen, als das ganze Ausmass des Anschlages noch gar nicht absehbar war, empfand der Trainer als ziemlich unfrei. «Wir hätten uns mehr Zeit gewünscht, aber die haben wir nicht bekommen», sagte der Trainer.

Übte scharfe Kritik an der Neuansetzung des Spiels: BVB-Trainer Thomas Tuchel.

Übte scharfe Kritik an der Neuansetzung des Spiels: BVB-Trainer Thomas Tuchel.

Er wirkte aber eher enttäuscht als verärgert und erklärte: «Es geht dabei nicht nur um die Verarbeitung unserer Erlebnisse, sondern auch um unseren Champions-League-Traum, und da fühlen wir uns komplett übergangen.»

Wobei das Gefühl der Ohnmacht in der zweiten Halbzeit mehr und mehr einer bestens vertrauten BVB-Wucht wich. Christian Pulisic und Nuri Sahin waren nun im Spiel, und irgendwie schien die ganze Schwere von den Spielern abzufallen.

Nach knapp einer Stunde traf Ousmane Dembélé zum 1:2 und der französische Tabellenführer stand nun unter Dauerdruck. Jedenfalls bis Lukasz Piszczek ein fürchterlicher Fehlpass unterlief, den Mbappé abfing und zum 1:3 nutzte (79.).

Shinji Kagawa gelang zwar noch das 2:3, über das Sahin später sagte, es sei «Gold wert», aber natürlich schmerzt diese Niederlage, an der es mit der Uefa und den Schiedsrichtern sogar einen externen Schuldigen gibt. Aber das ist natürlich ein ganz schwacher Trost. Der AS Monaco ist schliesslich kein übermächtiger Gegner, die Qualifikation fürs Halbfinale war keinesfalls unmöglich. Doch dieser Abend der Solidarität setzte zu spät beflügelnde Kräfte frei.

Marc Bartras Botschaft

Ein kleiner Trost ist da vielleicht, dass es Marc Bartra besser geht, der bei dem Anschlag verletzt worden war und dessen lädierter Arm erfolgreich operiert worden ist. Vor der Partie twitterte der Spanier ein Bild von sich mit Gips am rechten Arm, aber mit in die Luft gestreckten linken Daumen.

Grüsste die Fans nach seiner Operation aus dem Spital: BVB-Verteidiger Marc Bartra.

Grüsste die Fans nach seiner Operation aus dem Spital: BVB-Verteidiger Marc Bartra.

Seine Botschaft: «Wie ihr sehen könnt, geht es mir schon viel besser.» Torhüter Roman Bürki trug Batras Nummer 5 auf seinem Aufwärmtrikot, und die Feldspieler absolvierten ihre vorbereitenden Übungen in T-Shirts mit der Aufschrift «Wir halten fest und treu zusammen.»

Solidarität für verletzten Mannschafts-Kameraden: Roman Bürki wärmt sich im Bartra-Trikot auf.

Solidarität für verletzten Mannschafts-Kameraden: Roman Bürki wärmt sich im Bartra-Trikot auf.

Mag sein, dass die Erlebnisse das Team mittelfristig wirklich zusammen- schweissen, dass die Gruppe irgendwann Kräfte schöpft aus der gemeinsamen Bewältigung der Anschlagsfolgen. Aber als kurzfristig wirksamer Balsam für die Spielerseelen taugte dieser Abend am Ende nur bedingt.

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