Donnerstag der 5. April. Früher Abend. Nach Wochen der Nässe und der Kälte, des ungeduldigen Wartens klart es auf. Glasklare Sicht. Am Horizont erblicken die Menschen, die am frühen Abend von Burgdorf und Zürich und aus dem Solothurnischen herauf gegen  Bern eilten, das wunderbare Panorama der majestätischen Berner Alpen.

Ganz in weiss, als hätte ihnen der Herrgott das Sonntagskleid angelegt, erstrahlen Eiger, Mönch und Jungfrau, die berühmtesten Gipfel der Alpen, in der Abendsonne. Milde die Luft und endlich, nach so vielen Regentagen und sorgenvollen Blicken der Bauern in die leere Heubühne, das erste Grün an den Hängen. Ganz einfach ein Tag, viel zu schön für den SCB, um zu sterben. Bei einer weiteren Niederlage gegen die ZSC Lions wäre die Saison für die Berner gestern zu Ende gewesen.

An Dramatik kaum zu überbieten

Die Hockeygötter waren auch der Meinung, dass es nicht sein kann, dass die Berner an einem so wunderbaren Frühlingabend den Titel verlieren. Sie haben den dem Meister deshalb den Sieg ermöglicht. Die Berner spielten nicht viel besser als in den bisherigen vier Partien in diesem Halbfinale, von denen sie drei verloren haben. Aber im Wissen um die allerletzte Chance arbeiteten sie härter, ruhiger und konzentrierter. Aber besser? Nein. Sie brauchten ein bisschen die Hilfe der Hockeygötter, um am Ende doch als Sieger vom Eis zu gehen. In einer Partie, die an Dramatik kaum mehr zu überbieten war. Nach einem «normalen» Auftakt (1:0 für den SCB) folgt eine Szene, die für rote Köpfe auf den Rängen sorgt: SCB-Leitwolf Andrew Ebbett trifft bei nummerischer Unterlegenheit zum 2:0 (12.).

Der Puck war unter Lukas Flüelers Schoner verschwunden – und rutscht dann auf einmal doch über die Linie. Nach Video-Konsultation annullieren die Schiedsrichter den Treffer. Der heranrauschende Kanadier hatte nicht den Puck getroffen (der ja verdeckt war), sondern die die Schoner des Torhüters. Durch den Schlag bekam der Puck erst die Rutschenergie. Der Entschied der Schiedsrichter ist richtig – und der Beweis ist erbracht: es gibt keinen «SCB-Bonus». Auch in einer so extremen Situation wird nach Reglement und nicht nach politischem Einfluss entschieden. Der Treffer hätte nur gezählt, wenn Abbott den Puck getroffen hätte.

Eine Brause für die Zürcher

Aber es ist letztlich viel Aufregung um «nichts». Zwar gelingt den Zürchern noch im ersten Drittel das 1:1 (17.). Aber noch vor «Halbzeit» führt der Meister durch Treffer von Mark Arcobello (2) und Simon Moser 4:1. Topskorer Adrew Ebbett hatte nach der dritten Niederlage am Montag gefordert, es sei jetzt an der Leadern, aufzustehen, Verantwortung zu übernehmen, die Mannschaft auf die Schultern zu nehmen und zu tragen und nannte unter anderem Moser, Arcobello und sich selbst. Und was er gesprochen hatte, war geschehen. Mark Streit, Berns berühmtester Hockeyspieler, wird hinterher sagen: «Da dachte ich, jetzt gibt es für die Zürcher eine Brause.»

Aber kalt geduscht werden die Berner. Sie spielten auch gestern nicht viel besser als in den vorangegangenen vier Partien. Das SCB-Spiel war seit der Ankunft von Trainer Kari Jalonen im Sommer 2016 ein hell erstrahlendes Licht des Talentes, der Taktik, der Intelligenz, des Tempos, der Wucht und des Selbstvertrauens. Aber inzwischen ist es oft nur noch ein im Wind des gegnerischen Widerstandes flackendes Kerzenlicht des Talentes, der Taktik, der Intelligenz, des Tempos, der Wucht und des Selbstvertrauens.

Schlägerei nach Spielschluss

41 Sekunden vor der zweiten Pause trifft Mike Künzle zum 4:3. Alles beginnt wieder fast von vorne. Die Berner waren zu passiv geworden und nun geraten sie wieder ins Wanken. Und allen im Stadion ist klar: der Meister würde den Beistand der Hockeygötter brauchen, um diesen Vorsprung über die Zeit zu bringen. Und Leonardo Genoni, der bisher in diesem Halbfinale bis auf die zweite Partie in Zürich (4:3 n.V. für den SCB) ein gewöhnlicher Torhüter war, in der Rolle eines «Hockey-Gottes.»

Und jetzt, da es um alles oder nichts geht, erfüllt er den Auftrag und hält alles. Auch im turbulenten Finale mit Garnitur (Time-Out ZSC 114 Sekunden vor Schluss, Torhüter raus, nach Video annullierter Ausgleich 90 Sekunden vor dem Ende weil Puck nicht über der Linie war) un einer von Tristan Scherwey und Reto Schäppi angezettelten Schlägerei nach Spielschluss hält der SCB stand. Morgen geht es im Hallenstadion weiter. Der ZSC braucht noch einen, der SCB noch zwei Siege fürs Finale.