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Eine Hommage an den «grün-weissen» Fussball, der diese Saison geprägt hat: Wir gegen den Rest der Schweiz

Cédric Itten: Einer der Gründe für den Höhenflug des FC St.Gallen. Einst von Basel verkannt, entwickelt er sich immer weiter zum nächsten Schweizer Klasse-Stürmer. Note 5,5

Cédric Itten: Einer der Gründe für den Höhenflug des FC St.Gallen. Einst von Basel verkannt, entwickelt er sich immer weiter zum nächsten Schweizer Klasse-Stürmer. Note 5,5

Der FC St.Gallen war ein Aussenseiter. Nun spielt er mitreissend und belegt den zweiten Rang in der Super League. Und der FC St.Gallen auf dem Platz ist das Ebenbild seiner Führung. Er zeigt die Freude seines Präsidenten Matthias Hüppi und die Leidenschaft seines Trainers Peter Zeidler.

Die Stadt St.Gallen liegt peripher, versteckt zwischen zwei Hügeln, mit dem Rücken zu den Alpen und ein wenig auch zur Wand. St.Gallerinnen und St.Galler werden nachgeäfft ob ihres Dialekts. Wenn Basler, Berner oder Zürcher nach St.Gallen kommen, sagen sie manchmal von oben herab: «Ihr habt es noch schön hier.»

Einige St.Galler erliegen irgendwann den Reizen der grösseren Städte. Sie gehen nach Zürich in den Ausgang oder zur Arbeit. Viele pendeln oder kehren irgendwann zurück. Weil sie ausserhalb der Stadt- und Kantonsgrenzen Aussenseiter bleiben. Im Fussball war es dasselbe. Der FC St.Gallen war ein Aussenseiter. Bis jetzt.

Er spielt mitreissend und belegt den zweiten Rang in der Super League. Gewinnt er heute Abend gegen Xamax und verliert YB zeitgleich in Sion, kann er am Montagabend im Direktduell gegen YB Schweizer Meister werden, zum ersten Mal seit 20 Jahren und zum dritten Mal überhaupt. Und doch gibt es in St.Gallen Menschen, die sagen: «Das ist nicht mehr mein FCSG.»

Der vertraute FCSG stieg 2008 und 2011 in die Challenge League ab. Der vertraute FCSG stand vor 22 Jahren letztmals im Cupfinal; kein anderer Klub der Super League wartet länger auf eine Finalteilnahme. Der vertraute FCSG war in den letzten Jahren aber zu gut, um abzusteigen, und zu schlecht, um etwas zu erreichen. Er verlor verlässlich, wenn es etwas zu gewinnen gab. Und er gewann verlässlich, wenn es etwas zu verlieren gab. Diese Beliebigkeit prägte die Leute.

Sie durften nicht hoffen und mussten nicht fürchten. Jede Saison war eine Übergangssaison. Ein Verharren im Unbestimmten. Was blieb, war die Fähigkeit der Fans, sich selber zu genügen. Und eine Melancholie, die über dieser Stadt liegt, wenn der Bodensee Nebel bringt.

Vielleicht liebt die Ostschweiz die aktuelle Mannschaft auch deshalb, weil sie ein wenig spielt, wie viele Menschen in St.Gallen selbst gerne wären: mutig, leidenschaftlich, neugierig. Von Angst befreit. Wir gegen den Rest der Schweiz. Es sind 90-minütige Revolten gegen Städte und ihre Vereine, die grösser sind. Gegen Städte und ihre Vereine, die sich zumindest grösser fühlen.

Der FC St.Gallen auf dem Platz ist das Ebenbild seiner Führung. Er zeigt die Freude seines Präsidenten Matthias Hüppi und die Leidenschaft seines Trainers Peter Zeidler. Er, Zeidler, 57 Jahre alt, lehrte früher in Deutschland Französisch und Sport. Er erinnert an den grossartigen Robin Williams im Film «Club der toten Dichter». Williams unterrichtet Jugendliche an einer strengen Schule. Er bringt ihnen entgegen dem Lehrplan bei, selbstständig zu denken, kreativ zu sein. Und er erlaubt ihnen, Fehler zu machen.

Der FC St.Gallen stürmt und kreiert. Ganz egal ob auswärts in Basel oder zu Hause gegen Thun. Es ist ein wildes Durcheinander, indem auch Fehler geschehen. Nur bei Absteiger Xamax kommen durchschnittlich weniger Pässe an als beim FC St.Gallen. Doch das liegt kaum an Zeidlers pädagogischer Nachsicht, sondern ist vielmehr Teil seines Spiels. Bei Ballgewinnen spielt seine Mannschaft oft nach vorne und kaum einmal den sicheren Pass nach hinten. Seine Gegner haben nie eine Sekunde Ruhe. Müssen stets fürchten, erdrückt zu werden. Sogar dem Liga-Krösus aus Bern ging es nicht anders.

Der FCSG ist eine ganze Saison lang wie ein Sturm über seine Gegner gefegt. Es sind traumwandlerische Siege entstanden – und selten auch einmal heftige Niederlagen. Weil Mut zum Risiko immer auch mit Rückschlägen verbunden ist.

Zwei Spiele stehen also noch an in dieser denkwürdigen, weil coronaverseuchten Meisterschaft. Einer Meisterschaft, die egal wie sie endet, auch ein bisschen als «grün-weiss» bezeichnet werden darf. Die erstmals seit langem wieder von Überraschungen und Spannung geprägt war. Zu einem grossen Teil wegen des FC St.Gallen. Zwei Spiele, in denen Grün-Weiss noch einmal stürmen und kreieren wird. Es ist ein bisschen wie in der letzten Schulwoche vor den Sommerferien. Robin Williams musste im Film die Schule verlassen. Peter Zeidler bleibt in St.Gallen. Doch ein paar Schüler werden gehen. Und eine neue Gemeinschaft muss sich entwickeln.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch liegt die Vorfreude auf dem Abschlussball vom ­Montag in Bern.

Egal, wer nun Meister wird. Es hat sich etwas verändert in St.Gallen. Eine Region wagt es, wieder zu träumen.

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