Wohin nur mit dem neusten Meisterpokal? Das Regal mit den Trophäen ist voll. Beneidenswert, wer solche Probleme hat. Von den letzten zehn Handball-Meisterschaften haben die Kadetten aus Schaffhausen acht gewonnen. Und weil auch die Nationalmannschaft drauf ist, sich aus der Anonymität zu befreien, lohnt es sich, die Sache etwas genauer anzuschauen. Wer Ursachenforschung betreibt, stösst zwangsläufig auf einen Namen: Giorgio Behr, 70, der Präsident des Serienmeisters.

Die Schweizer Handballer gehörten mal zum erweiterten Kreis der Weltspitze. 4. Platz an der WM 1993. Olympia-Teilnahme 1996 in Atlanta. Danach ging nicht mehr viel. Selbst die Heim-EM 2006, die letzte Endrunde mit Schweizer Beteiligung, wirkte sich nicht nachhaltig aus. Im Gegenteil. Die Katerstimmung akzentuierte sich dermassen, dass man sogar in Erwägung zog, die Junioren-Nationalteams abzuschaffen. Ein Grounding auf Raten zeichnete sich im Schweizer Handball ab.

Tempi passati: Das Schweizer Nationalteam, notabene die jüngste Equipe Europas, füllt mittlerweile sogar unsere Eishockeystadien. Aber vor allem hat es vor den beiden abschliessenden Qualifikationsspielen gegen Kroatien (am Mittwoch in Zug) und in Serbien (am Sonntag) beste Chancen, sich für die Europameisterschaft im kommenden Jahr zu qualifizieren. Und die Kadetten avisieren die ab 2020 auf 16 Teams abgespeckte Champions League, den elitären Zirkel der Ballkünstler – schöne Perspektiven.

Die BBC-Arena in Schaffhausen. Der Ort, wo der Platz für neue Pokale derzeit begrenzt ist. Der Ort auch, wo der Schweizer Handballszene neues Leben eingehaucht wurde. Allein in der Nationalmannschaft stehen sieben bis neun Akteure, die in der Schaffhauser Handball-Academy ausgebildet wurden. Und in der abgelaufenen Saison spielten 20 Academy-Abgänger in fünf NLA-Klubs. Giorgio Behr, der Hausherr, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und sagt: «Wenn wir die Champions League erreichen, vergrössern wir die Kapazität um 500 Plätze auf 4000.»

Wegbegleiter nennen Behr einen Visionär. Er selbst bezeichnet sich eher als Zufallsmenschen, der «einfach immer einen Schritt vorwärtsgehen will». Behr wächst in einer kleinen Arbeiterwohnung in Schaffhausen auf. Die Mutter ist Tessinerin, der Vater stirbt früh. «Tschingg» rufen sie ihm hinterher. Als 1974 die zweite Überfremdungsinitiative die ausländer- und italienerfeindliche Stimmung anheizt, reicht er mit 25 seine Dissertation an der Uni Zürich ein.

Der Aufstieg, der nach der Hochzeit und der Familiengründung folgt, ist atemberaubend. Wirtschaftsprofessor in St. Gallen, Übernahme eines Mischkonzerns (BBC Group), Aktionär bei Grossfirmen (Georg Fischer), Mitgründer der Bank am Bellevue und Mitglied der Programmkommission von Avenir Suisse. Sein Vermögen wird auf über 400 Millionen Franken geschätzt. Damit gehört Behr zu den 300 reichsten Schweizern.

Giorgio Behr: Geld und Geist

Was Behr trotz seines sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs immer geblieben ist: der Handballer Giorgio. Er war Spieler, Spielertrainer, Trainer und wurde Präsident, als die Not in Schaffhausen besonders gross war. Die Kadetten standen Anfang der 90er-Jahre vor dem Ruin. Irgendeines morgens um 2 Uhr sagte Behr zu, das Amt des Präsidenten zu übernehmen. Erst baut er für 2,4 Millionen eine neue Halle. 2011 für 25 Millionen eine neue Arena, angegliedert die Academy mit Wohnbereich für jene Talente, die nicht aus der Region stammen. Zu dieser Zeit sind die Kadetten in der Schweiz bereits unangefochten an der Spitze. Aber das Nationalteam krankt.

«Damit der positive Trend nachhaltig wirkt, braucht es neben der Nati ein zweites Flaggschiff.» Giorgio Behr, Kadetten-Präsident

«Damit der positive Trend nachhaltig wirkt, braucht es neben der Nati ein zweites Flaggschiff.» Giorgio Behr, Kadetten-Präsident

Als sich Europa nach 1989 verändert, wächst die Konkurrenz rapide. Allein Jugoslawien splittet sich in sechs ernstzunehmende Handball-Nationen auf. Kommt dazu, dass eine Handball-Karriere im Westen für einen Osteuropäer gleichbedeutend ist mit Reichtum. In der Schweiz indes sieht kaum jemand im Handball die Chance zum sozialen Aufstieg. Nein, Handball ist der Akademikersport, den man neben dem Studium betreibt. Damit verdient man etwas Geld und es macht ausserdem mehr Spass, als nach den Vorlesungen in irgendeinem Büro oder Laden einem Brotjob nachzugehen. Und wenn man mit 26, 27 das Studium abschliesst, bietet sich die Chance, im Beruf Karriere und Geld zu machen. Für Handball ist dann kein Platz mehr.

Der Abstand zur europäischen Elite wird zusehends grösser. Bis Behr kommt. Die Academy hatte er schon 1974 in seiner Diplomarbeit als Handballinstruktor thematisiert. Damals aber hatte er weder Geld noch Zeit. Aber was er damals skizzierte, setzte er 37 Jahre später um: eine Talentschmiede für 40 Junioren aus der ganzen Schweiz. Kürzlich erweitert durch eine Goalkeeper-Academy.

Als Leiter der Academy stellt Behr Michael Suter ein, was sich für die gesamte Szene als Glücksfall erweist. Suter, Olympia-Teilnehmer 1996, Leistungsträger in der grossen Equipe von Pfadi Winterthur um den Südkoreaner Kang und später als Lehrer tätig, versucht «das Ding umzudrehen. Ein Handballer hat zwischen 25 und 35 seine besten Jahre. Ich habe kein Problem damit, wenn einer mit 26 die Prioritäten anders setzt und mit Handball aufhört. Aber das hat nichts mit internationalen Standards zu tun. Handball hat sich zu einer Weltsportart entwickelt. Der Sport boomt in vielen Ländern. Ich hatte immer die Vision, dass wir Schweizer in diesem Konzert mitspielen können.»

Schluss mit Larifari

Während Behr die Kadetten-Spiele in einen Event verwandelt, seinen Klub professionell vermarktet und viel Geld und Energie investiert, damit Handball wieder ins Fernsehen kommt, arbeitet Suter an der Denkweise und Einstellung der neuen Spielergeneration. Und siehe da: Die Handballer, die Behr mit Neid und Missgunst begegnen, nehmen ab und die Nachahmer zu. Und Suter schafft es innert kürzester Zeit, im Nachwuchs die Lücke zu den grossen Nationen zu schliessen. Von 2010 bis 2016 qualifiziert er sich mit diversen Junioren-Nationalteams für zehn Endrunden, wobei sich die Schweiz fünfmal in den Top 6 klassiert.

«Ich hatte immer die Vision, dass wir Schweizer in diesem Konzert mitspielen können.» Michael Suter, Nationaltrainer

«Ich hatte immer die Vision, dass wir Schweizer in diesem Konzert mitspielen können.» Michael Suter, Nationaltrainer

2016 steigt Suter zum Nationaltrainer auf. Parallel dazu leitet er die Academy weiter. Denn für ihn ist klar: «Es braucht eine Horde verrückter Typen. Typen, die bereit sind, hart und konsequent zu arbeiten. Hätten die jungen Spieler diese Mentalität nicht verinnerlicht, hätten sie nicht diesen Biss und Willen entwickelt, wäre Andy Schmid (fünfmal zum besten Bundesliga-Spieler gekürt; die Red.) nie in die Nationalmannschaft zurückgekehrt. Auf Larifari hat Schmid definitiv keine Lust.»

Einer dieser verrückten Typen ist Dimitrij Küttel, 25. Mit 18 spielt er bereits im NLA-Team des HSC Suhr Aarau. Als er mit dem Angebot aus Schaffhausen konfrontiert wird, wo man ihm einen Platz in der Academy und bei den Espoirs (NLB) offeriert, überlegt Küttel nicht lange. Nimmt die Offerte an, wechselt Klub, Wohnort und Schule, um ein «kompletter Spieler zu werden». Mittlerweile ist er Captain in Schaffhausen, ist 50 Mal in der Nationalmannschaft aufgelaufen und macht ein Fernstudium in Wirtschaft.

«Ich würde auch lieber an der HSG in St. Gallen studieren», sagt Küttel. «Denn so ein Fernstudium erfordert sehr viel Selbstdisziplin und eine gute Planung. Aber ich ordne alles dem Handball unter, wie es viele andere Spieler in meinem Alter auch tun. Dass im Schweizer Handball mittlerweile professionell gearbeitet wird, ist vor allem das Verdienst von Michael Suter. Und glauben Sie mir: Von uns jungen Nationalspielern hört keiner frühzeitig auf.»

«Ich würde auch lieber an der HSG in St. Gallen studieren, statt ein Fernstudium zu absolvieren.» Dimitrij Küttel (r.), Nationalspieler

«Ich würde auch lieber an der HSG in St. Gallen studieren, statt ein Fernstudium zu absolvieren.» Dimitrij Küttel (r.), Nationalspieler

Schön und gut. Doch Behr warnt. Denn der Aufschwung ist noch eine zarte Pflanze. «Es ist gut, wenn die besten Schweizer Akteure im Ausland spielen. Wenn aber alle guten Schweizer ins Ausland wechseln, wir kein Flaggschiff mehr haben, das Champions League spielt, droht uns dasselbe wie dem Fussball.

Damit der positive Trend nachhaltig wirkt, braucht es neben der Nationalmannschaft ein zweites Flaggschiff. Dieses kann nur Kadetten Schaffhausen heissen. Und wenn uns das gelingt, haben wir, was weder Fussball noch Eishockey bieten können: Eine erfolgreiche Nati und einen Klub, der in einem ernstzunehmenden internationalen Wettbewerb eine wichtige Rolle spielt.» Und dann wird sicher auch wieder Platz für die Pokale in der BBC-Arena geschaffen.