Marathon-Spiel

Eishockey nach Mitternacht? Bitte mehr davon!

Um 0.28 Uhr war es soweit: Denis Hollenstein und der EHC Kloten durften den Sieg bejubeln.

Der EHC Kloten und die Rapperswil-Jona Lakers mussten in die dritte Verlängerung, ehe ein Sieger ihres Duells feststand. In der 103. Spielminute erzielte Klotens Denis Hollenstein den entscheidenden Treffer. So lange dauerte hierzulande noch kein Eishockeyspiel. Ein Plädoyer für das endlose Nachsitzen.

Um 23.45 ist Einsendeschluss. Die 100 Zeilen Text, die man auf den letzten Drücker geschrieben hat, kann man – zumindest für die gedruckte Zeitung – in den Kübel schmeissen. Unten auf dem Eisfeld beackern sich der EHC Kloten und die Rapperswil-Jona Lakers seit dreieinhalb Stunden unablässig gegenseitig. Es läuft bereits die zweite Verlängerung.

Noch vor einem Jahr unmöglich

Noch vor einem Jahr wäre dieses Szenario hierzulande unmöglich gewesen. Vor der aktuellen Saison wurden die Playoff-Spiele im Eishockey nach einer regulären Verlängerung über 20 Minuten und einer «kleinen» über fünf Minuten mit drei gegen drei Feldspielern jeweils mit einem Penaltyschiessen entschieden. Jetzt geht es so lange, bis das erste Tor fällt.

0.28 Uhr: Hier entscheidet Hollenstein die Partie.

Erst um 0:28 Uhr, also weit nach Mitternacht, ist es im Klotener Schluefweg so weit. Denis Hollenstein trifft in der dritten Minute der dritten Verlängerung zum 3:2 für das Heimteam. Von den knapp 7000 Zuschauern im Stadion ist der Grossteil immer noch anwesend – und liegt sich, sofern die Sympathien beim Heimteam liegen, jubelnd in den Armen.

Oben auf der Medientribüne hat sich die Hektik längst verabschiedet. Zumindest bei jenen Journalisten, die den Redaktionsschluss schon lange verpasst haben und wissen, dass sie dem Geschehen auf dem Eis nun nur noch mit einer Mischung aus Entspannung, Neugierde und Belustigung zusehen können.

Die Essenz des Playoff-Hockeys

Belustigung nicht in dem Sinn, dass man sich über die immer müder werdenden Helden auf dem Eis amüsiert. Nein: wenn es, weit nach Mitternacht auf der glatten Unterlage um Sein oder Nichtsein geht – so wie für den EHC Kloten, der für die Wahrung der reellen Chancen auf den Klassenerhalt unbedingt einen Heimsieg benötigt – dann kann man als Zuschauer die Essenz des Playoff-Eishockeys in vollen Zügen geniessen.

Diese unvergleichliche Dramaturgie, die in der Vergangenheit ein Penaltyschiessen jeweils schnöde abgewürgt hatte. Das nächste Tor entscheidet. Ganz einfach. Schwarz oder weiss. Und sei es erst weit nach Mitternacht. 

Wobei 0:28 Uhr ja noch heilig ist. In Norwegen duellierten sich im März 2017 zwei Mannschaften bis morgens um 2:32 Uhr (Spielbeginn war 18 Uhr), nach 217 Minuten und 14 Sekunden fiel die Entscheidung. Also über doppelt so lange wie das Spiel in Kloten.

Wer Eishockey liebt, muss die endlosen Verlängerungen lieben

Kein Essen mehr in den Verkaufsständen? Keinen ÖV-Anschluss mehr? Ungesund für die Athleten? Unzumutbar für das arbeitende Personal in den Stadien? Alles Pippifax-Argumente. Wer das Eishockey wirklich liebt, der muss auch diese endlosen Verlängerungen lieben. Schön, haben wir es jetzt auch in der Schweiz geschafft!

PS: Es würde allerdings nichts dagegen sprechen, dass die Spiele bereits um 19.45 Uhr beginnen und die Drittelspausen wieder nur noch 15 statt 18 Minuten dauern – dann wäre die Partie auch noch am Dienstagabend, genauer gesagt um 23.43, fertig gewesen. Und mein Matchbericht hätte es auch noch in die Zeitung geschafft!

Die SBB reagieren sympathisch

Die SBB zeigen sich spontan und reagieren äusserst sympathisch: Sie schicken nach Spielende kurzerhand fünf Gelenkbusse, welche die Lakers-Fans nach Rapperswil-Jona bringen. Die letzte offizielle Verbindung nach Fahrplan wäre die S7 um 0.06 Uhr ab Bahnhof Kloten gewesen.

Die Lakers bedanken sich bei den SBB für den spontanen Einsatz

«MySports» bestellt Pizzen in Sendung

Beim TV-Sender «MySports» weiss man sich zu helfen – und bestellt live auf Sendung nach der ersten Verlängerung Pizza:

Und die wird direkt ins TV-Studio geliefert:

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