Er passte so gar nicht hier hin, wirkte in seinem Hemd fast ein wenig verloren, auf der stilvoll dekorierten Bühne des Forum Fribourg, wo die besten Eishockey-Spieler der vergangenen Saison ausgezeichnet wurden. Er, der im Davoser Sertig-Tal, fernab von allem Glamour aufgewachsen ist und noch heute lebt. Er, dessen liebstes Wort bei Interviews ein mit Dialekt durchtränktes «hübsch» ist, welches er benutzt, wenn er über etwas Gelungenes reden muss. Über Gelungenes durfte Andres Ambühl in den vergangenen Monaten oft reden – zumindest in Zusammenhang mit dem HC Davos. Dem Klub, der im April seinen 31. Meistertitel feierte und dessen Captain der Mann aus dem malerischen Seitental ist.

Stets ein Schlüsselspieler

Dass Andres Ambühl im Alter von 32 Jahren erstmals als wertvollster Spieler der NLA ausgezeichnet wird, ist gleichermassen erstaunlich wie logisch. Erstaunlich deshalb, weil er schon seit vielen Jahren sowohl in Davos (2000 bis 2009 und ab 2014) als auch in Zürich (2010 bis 2013) zu den treibenden Kräften auf dem Weg zu seinen sechs (!) Meistertiteln war. Lorbeeren in Form einer persönlichen Auszeichnung heimste er dafür nie ein – nicht, dass ihm das wirklich wichtig gewesen wäre. Und doch war er stets einer der Schlüsselspieler in seinen Meisterteams.

Logisch ist die Auszeichnung als «MVP» aber auch, weil Ambühl den Typ «harter Arbeiter» verkörpert, der primär durch seinen Einsatz und weniger durch technische Kabinettstückchen auffällt. Wobei gerade Letzteres durchaus auch zu seinem Repertoire gehört. Wegweisend war etwa sein atemberaubender Sololauf im dritten Finalspiel auf dem Weg zum wichtigen Auswärtssieg des HCD, der damit in der Finalserie gegen die ZSC Lions mit 2:1 in Führung ging und schliesslich den Meistertitel gewann. Dieser Treffer war so etwas wie der Wendepunkt für den HCD, der den Zürchern auf dem Papier eigentlich klar unterlegen war. Ambühl ging für einmal nicht nur als unermüdlicher Antreiber seiner Mannschaft voraus, sondern zeigte plötzlich auch ungeahnte Skorerqualitäten.

Es ist wenig überraschend, dass das sportliche Wohlergehen des HC Davos in den letzten Jahren eng mit der Person Andres Ambühl verknüpft war. Nach seinem Abgang in Richtung Nordamerika im Sommer 2009 und während des nach seinem missglückten Übersee-Aufenthalt folgenden, drei Jahre dauernden Gastspiels in Zürich, gewann der Rekordmeister, der mit Ambühl fast im Zweijahresrhythmus Meisterpokale eingeheimst hatte, nur noch einen Titel (2011), danach aber während dreier Jahren keine einzige Playoff-Serie mehr.

2014 kehrte «Büehli» wieder in seine Heimat zurück, doch die Davoser scheiterten erneut im Viertelfinal. Vor allem deshalb, weil ihr Leader im dritten Viertelfinal-Duell gegen die Kloten Flyers mit einer Gehirnerschütterung ausschied. Ohne Ambühl verloren die Bündner vier Spiele in Serie und schieden trotz einer 2:0-Führung nach zwei Partien letztlich chancenlos aus. Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte: Der Leader, der stets in den Playoffs zur Hochform aufzulaufen pflegt, fehlte seiner Mannschaft an allen Ecken und Enden.

Wohin führt der Weg?

Im kommenden Sommer läuft der Vertrag von Andres Ambühl in Davos aus. Es ist aber absehbar, dass der 213-fache Nationalspieler seinem Stammklub auch in Zukunft treu bleiben wird – auch wenn das Werben aus dem Unterland auf dem Transfermarkt um ihn massiv sein wird. Zum einen besitzt er eine Option, den Vertrag automatisch um eine Saison zu verlängern. Zum anderen ist da die starke heimatliche Verbundenheit: Als der Sertiger sich 2013 entschloss, den Verlockungen der Grossstadt Zürich (und dem lukrativen Angebot der ZSC Lions) zu widerstehen und in die Heimat zurückzukehren, da war das auch ein Entschluss des Herzens.

Ambühl ist und bleibt ein Mann aus den Bergen, der in dieser Umgebung die Energie schöpft, die er für seinen hingebungsvollen Stil auf dem Eis benötigt. Der Mann, der eben noch mit seinen Hunden in der Natur unterwegs war oder seinen Schwestern beim «Heuen» half, braust schon am nächsten Tag unwiderstehlich über die Gegner hinweg. Wenn man ihn, wie gestern in Fribourg, in dieser ungewohnten Umgebung und im schicken Tenue beobachtet, ahnt man nicht, wie viel Kraft aus den hohen Bergen in Andres Ambühl steckt.