Gestern sind Sean Simpson (54) und sein Assistent Colin Muller (50) in aller Herrgottsfrühe um 02.00 Uhr in Jaroslawl losgefahren. «Wir mussten so früh weg, um vor dem grossen Verkehrsstau rechtzeitig durch Moskau zum Flughafen zu kommen», schildert Simpson seine Heimreise. «Besser zwei Stunden im Flughafen warten als gestresst im Stau bangen.» Gegen 11.00 Uhr kamen die beiden in Zürich an.

Finanziell hat sich das Russland-Abenteuer gelohnt. Sean Simpson mag es zwar nicht bestätigten, aber die Behauptung, er sei mit lediglich neun KHL-Partien Millionär geworden, dürfte der Wahrheit nahe kommen. Er sagt: «Aber ich hätte lieber zwei Jahre lang in Jaroslawl gearbeitet.» Immerhin sei er nach seiner ersten Entlassung nach 23 Jahren endlich ein richtiger Coach. «Man sagt ja, man sei erst ein richtiger Coach, wenn man entlassen wurde.»

Enttäuschung sitzt tief

Aber die Enttäuschung sitzt tief. Dass er nur neun Spiele Zeit bekommen hat, kann er ja noch akzeptieren. «Die KHL ist eine sehr professionelle und sportlich hochstehende Liga. Wir haben die gewünschten Resultate nicht erreicht und deshalb sind wir gefeuert worden. So sind die Regeln in diesem Geschäft. In Russland ist man halt ein bisschen ungeduldiger als anderswo.»

Aber es hat ihn schwer im Ego getroffen, dass bereits am Tag, an dem er entlassen worden ist, sein Nachfolger Dave King in der Stadt eingetroffen ist. «Das heisst, dass unsere Zeit wohl schon vor dem 9. Spiel abgelaufen war.»

Der Nothelfer ist zurück

Dave King hatte Jaroslawl nach der Olympiapause als Nothelfer bis Ende Saison übernommen. Zu einem Zeitpunkt, als Sean Simpson schon unterschrieben hatte. King brachte das Team gerade noch in die Playoffs und dann sensationell bis ins Halbfinale. «Die Erwartungen waren hoch, das hat unsere Arbeit nicht erleichtert», blickt Simpson zurück. Er konnte nicht aus dem Schatten seines Vorgängers treten.

Gescheitert sei er wohl in erster Linie an Kommunikationsproblemen. «Alles, was ich zu den Spielern sagte, ist in den ersten vier Wochen von einem Spieler übersetzt worden. Erst dann bekamen wir einen Übersetzer als Assistenten. Weil ich der russischen Sprache nicht mächtig bin, war es auch nicht möglich, die im Hockey übliche tägliche Konversation zu machen. Ich konnte die meisten Spieler nicht einmal fragen, wie es denn so geht. Das machte es für uns noch schwieriger.»

Nun wieder in die NLA?

Wie geht es weiter? Simpson weiss es noch nicht. «Ich muss mich jetzt erst einmal finden und die Dinge ordnen. Es ist das erste Mal seit 23 Jahren, dass ich im Oktober keine Arbeit im Eishockey habe. Ich werde vorerst die NLA-Spiele am TV verfolgen.» Er werde auf jeden Fall in der Schweiz bleiben.

Im Hintergrund ist das freudige Bellen des Hundes von Sean Simpson nicht zu überhören. Der Golden Retriever freut sich mächtig, dass Herrchen wieder da ist. Weniger dürften sich die Coaches unserer Krisenklubs freuen. Welch eine Versuchung für die Manager: Der WM-Silberheld, der Triumphator der Champions Hockey League, der Sieger über die Chicago Black Hawks, ist wieder da und wartet auf Arbeit.