Eishockey

«Wir hoffen, dass Nino in der NHL zum regelmässigen Torschützen wird»

Ist mit Nino Niederreiter zufrieden: Der GM der Minnesota Wild, Chuck Fletcher.

Ist mit Nino Niederreiter zufrieden: Der GM der Minnesota Wild, Chuck Fletcher.

Chuck Fletcher, der General Manager der Minnesota Wild, erklärt im Interview, warum man sich im Sommer die Dienste von Nino Niederreiter gesichert und welche Pläne man mit dem Schweizer Nationalstürmer hat.

Chuck Fletcher, wie beurteilen Sie Nino Niederreiters bisherige Leistungen im Minnesota-Dress?

Nino spielt gut. Er ist immer noch ein junger Mann, der lernen muss, konstante Leistungen zu erbringen. Dazu gehört, nicht nur in der Offensive zu glänzen, sondern auch in jedem Match defensiv gut zu spielen. Er hat auf jeden Fall gezeigt, dass er vor dem gegnerischen Tor produktiv sein kann. Das hat ihm Selbstvertrauen verliehen.

Sie sind beim Trade auch Risiken eingegangen. Sie haben mit Cal Clutterbuck einen Fan-Favoriten weggegeben und mit Nino Niederreiter einen Spieler geholt, der in den drei Jahren in New York sein Selbstvertrauen verloren hat. Was erwarteten Sie von Niederreiter?

Wir haben auf jeden Fall den Preis bezahlt und einen guten Eishockeyspieler verloren. Cal war nicht nur ein langjähriger Publikumsliebling, sondern ein Spieler, der stark im Penaltykilling war, physisch spielte und in seiner besten Saison 19 Tore schoss. Wir hatten aber das Gefühl, dass wir in unserer Entwicklung an einem Punkt angekommen waren, wo wir einen Stürmer wollten, der eine Top-6-Rolle einnehmen kann. Es ist nicht so, dass wir bereits diese Saison darauf angewiesen wären, dass Nino zur vollen Reife kommt. Wir stellen es uns aber vor, dass er in den nächsten drei oder vier Jahren sehr gut zu unseren anderen aufstrebenden jungen Spielern passen wird. Der Deal macht für uns vor allem längerfristig Sinn. Kurzfristig haben wir aber mit Cal Clutterbuck einen sehr guten Spieler abgegeben.

Was trauen Sie Nino längerfristig zu? Wo ist sein Limit?

Das ist eine interessante Frage. Nino hat bislang auf jedem Level Tore geschossen - bis auf die NHL. Er skorte bei den Junioren in Portland, er skorte in der AHL, er skorte sowohl an den Junioren-WM als auch an der A-WM. Jetzt steht ihm ein grosser Test bevor. Wir hoffen, dass er ein regelmässiger Torschütze in der NHL werden kann. Er ist gross und stark, er ist bereit, sowohl physisches Eishockey zu spielen, als auch vors gegnerische Tor zu gehen. Aber wir haben ihn auch darum geholt, weil wir in ihm das Potenzial zum Skorer sehen.

Haben da Ninos Leistungen an der WM in Stockholm letztlich den Ausschlag gegeben, ihn via Trade zu holen?

Nein, das denke ich nicht. Wir haben ihn schon lange vorher beobachtet. Im Jahr, als ihn die Islanders drafteten, hatten wir ihn bereits sehr hoch eingestuft. Wir haben ihn schon damals interviewt und ihn vermehrt spielen gesehen. Er ist ein sehr talentierter Spieler. Es ist nichts Aussergewöhnliches, einen 19-, 20- oder sogar 21-Jährigen zu sehen, der im Profieishockey plötzlich Mühe bekundet. Das sieht man in AHL, NHL oder in Europa immer wieder. Es gibt Spieler, die sofort im Profieishockey ankommen, andere brauchen ein paar Jahre. Wir haben ihm sofort nach dem Trade gesagt: «Es gibt keinen Druck für dich, bei uns sofort ein grosser Spieler sein zu müssen. Komm und spiele einfach!» Wir waren ehrlich mit Nino. Wir sagten ihm, dass er eine Chance habe, es ins Team zu schaffen, aber auch, dass die Chance besteht, dass er es vorerst eben nicht schafft. Ich halte ihm zugute, wie hart er im Sommer gearbeitet hat. Unsere Coaches haben ihm die Chance gegeben, neben guten Spielern zu spielen. Und er hat diese Chance bislang genutzt.

Nino hat in zwei «Problembereichen» grosse Fortschritte gemacht: Schlittschuhlaufen und Defensivarbeit. Sind Sie von dieser schnellen Entwicklung überrascht worden?

Das Skating wurde wirklich besser. In seinem Draftjahr war das noch ein Fragezeichen. Er war ein grosser Kerl, der Tore schiesst, aber noch beweglicher werden musste. Das Skating war für mich grundsätzlich immer okay, sobald er in Fahrt gekommen ist. Es ging um den Antritt, die Wendigkeit. Defensiv muss er aber immer noch besser werden. Da ist er noch ein «Projekt». Das gilt aber für die meisten 21-Jährigen. Sie wollen den Puck und wollen Tore schiessen. Er muss noch in der Defensivzone an den Banden besser werden, den Puck schneller aus der Zone bekommen, die richtigen Entscheide treffen. Auch das Spiel ohne Puck muss er noch lernen. Grundsätzlich gilt: So lange der Einsatz stimmt, ist es okay, wenn er dabei ein paar Fehler macht.

Minnesotas grösster Plan dürfte aber sein, Niederreiter zu einem offensiv starken Stürmer zu machen.

Natürlich. Darum spielt er auch neben talentierten Spielern. Er ist aber auch einer jenen Spieler, die wir herumschieben zwischen den Linien. Er kann auch in der dritten Linie spielen. Ein paar Spiele hat er sogar bereits in der vierten Linie absolviert. Er weiss, dass er mal linker Flügel und mal rechter Flügel sein wird. Wir haben ihm auch klar gesagt: Er soll weder zu euphorisiert sein, wenn er in der ersten Linie spielt, noch zu enttäuscht sein, wenn er mal in der vierten Linie spielt. Nino scheint das gut aufzunehmen. Er lässt sich nicht verunsichern, denkt nicht zu viel darüber nach, sondern spielt einfach. Er kann diverse Positionen in verschiedenen Linien spielen. Und das ist eine gute Sache. Längerfristig sehen wir ihn in einer Top-6-Rolle. Ob ihm das gelingt, liegt an Nino selber. Das Talent dazu hat er jedenfalls.

Wie beurteilen Sie seine letzte, schwierige Saison bei den New York Islanders?

Rückblickend wird er in ein paar Jahren sagen können, dass dieses Jahr ein Segen für ihn war. Er musste sich mit vielen Dingen herumschlagen. Und doch hatte er in der AHL statistisch ein sehr gutes Jahr. Er hat viel gelernt, auch dass es oft viele Ups und Downs gibt. Und er hat viel über sich selbst gelernt. Vielleicht bist du nicht immer einverstanden mit den Entscheidungen, die gefällt werden. Du musst versuchen zu begreifen, dass dich diese Entscheidungen besser machen. Und das hat Nino getan.

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