Eishockey
Wird Damien Brunner der erste Schweizer Feldspieler im Stanley-Cup-Final?

Beinahe hätte einst Damien Brunner seine Schlittschuhe an den Nagel gehängt. Zum Glück tat er es nicht. Er könnte sogar bald als erster Schweizer Feldspieler in den Stanley-Cup-Final einziehen.

Nicola Berger, Detroit
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Mit Detroit auf Erfolgskurs: Damien Brunner

Mit Detroit auf Erfolgskurs: Damien Brunner

Keystone

Es ist elf Jahre her, da war Damien Brunner 16 Jahre alt und spielte in Bülach bei den Elite-Junioren in der fünften (!) Linie. Manchmal gab es zu Hause Tränen, weil die angestrebte Profi-Karriere in endloser Ferne schien. Es hätte damals nicht viel gefehlt, und Brunner hätte die Schlittschuhe vorzeitig an den Nagel gehängt.

Hin und wieder denkt er darüber nach, wie alles ablief. Wie aus der Bohnenstange von Bülach der erfolgreichste Stürmer der Schweizer Eishockeygeschichte wurde.
Heute ist so ein Tag. Brunner sitzt in einer Bar in Detroit, knöpft sich die Krawatte auf und sagt: «Es hätte alles ganz anders kommen können.»

Gerade hat er vor 20 066 Zuschauern gespielt; die Red Wings gewannen gegen Chicago mit 2:0 und benötigen bloss noch einen Sieg zum Einzug in den Western-Conference-Final. Der Stanley-Cup-Final, die grösste Hockey-Bühne der Welt, ist noch fünf Erfolge weg. Brunner winkt die Chance, als erster Schweizer Feldspieler in diesen einzuziehen. Bisher kam bloss den Goalies Martin Gerber (2002/03 mit Anaheim und 07/08 mit Carolina) sowie David Aebischer (2001, mit Colorado) diese Ehre zuteil.

Für Brunner sind es aufregende Zeiten. Während die Helden der Nationalmannschaft längst in den Ferien weilen, bestritt er in der Nacht auf heute seinen 93. Ernstkampf der Saison. Die hohe Belastung machte ihm zwischenzeitlich zu schaffen, zwischen Februar und März verlebte er schwierige Wochen. Während 15 Spielen traf er das Tor nicht mehr, worauf ihn Coach Mike Babcock gar für eine Partie auf die Tribüne setzte. Die Baisse war vorprogrammiert, und sie hätte sich verhindern lassen. Er sagt: «Rückblickend würde ich den Spengler-Cup und die Länderspiele wohl auslassen. Ich fühlte mich ausgebrannt, hatte keine Energie mehr.»

Aber wer konnte das schon wissen, damals, als noch nicht einmal gesichert war, ob die NHL ihren Spielbetrieb überhaupt aufnehmen würde? Die Sache beschäftigt Brunner wenig. Er sagt: «Klar hätte meine Saison besser laufen können, aber für mein erstes Jahr war es ordentlich.» Wer den ehrgeizigen Zürcher kennt, weiss, dass er nicht ruhen wird, bis er auch in der NHL einen Punkt pro Spiel produziert.

Derzeit ist das schwierig. Brunner bildet mit den gleichfalls jungen, unerfahrenen Gustav Nyquist und Joakim Andersson zwar eine glänzende dritte Linie und wird auch im Powerplay eingesetzt, aber er spielt eben nicht mehr neben den Lichtfiguren Dazjuk oder Zetterberg.

In den letzten beiden Spielen erhielt Brunner weniger als zehn Minuten Eiszeit, aber seine Produktivität hat das kaum beeinträchtigt: Mit acht Punkten (vier Tore/vier Assists) aus elf Partien ist er hinter dem Zuger Lockoutstar Henrik Zetterberg (32) Detroits zweitbester Playoff-Skorer.

Er berichtet, das Playoff-Hockey sei «schneller und härter». «Es wird extrem auf den Körper gespielt. In jedem Spiel gibt es unglaublich viele verdeckte Stockschläge.» Da hilft es, dass Brunner mit der ruppigeren Gangart in Übersee immer besser klarkommt: Beim Saisonstart lag sein Körpergewicht bei 82 Kilo, jetzt sind es 86. Mit dem Fliegengewicht aus Bülach hat er nicht mehr viel gemein.

Brunner holt sich seine Energie auch an der eigenen Begeisterung daran, die schlicht daraus rührt, dass er in der NHL spielt. «Hier zu spielen, ist einfach der Wahnsinn. Ich habe auf der Bank regelmässig Gänsehaut, weil die Stimmung in Detroit so überragend ist», sagt er.

Brunner geniesst das Spektakel - und er tut gut daran. Schliesslich weiss ja auch er nicht, wie lange er noch in Detroit aktiv ist. Zu seiner Zukunft sagt er nichts, aber es ist klar, dass er bei den Red Wings nicht vorzeitig verlängern wird. Er ist im Sommer vertragslos und kann sich seinen Arbeitgeber frei aussuchen. Der Markt gibt an freien Spielern wenig her, und darum gibt es in der Branche kaum noch Beobachter, die daran zweifeln, dass Brunner einen mit mindestens 3,5 Millionen Dollar pro Jahr dotierten Mehrjahresvertrag unterschreiben wird.

Ja, es hat sich gelohnt, damals in Bülach nicht aufzugeben.