Europameisterschaft
Hält stark für Tschechien: Ex-FCB-Goalie Tomas Vaclik ist auf Bewerbungstour

Tomas Vaclik reitet mit Tschechien auf der Erfolgswelle. Vor der EM hat noch wenig darauf hingedeutet.

Raphael Gutzwiller
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Tomas Vaclik ist für Tschechien ein sicherer Rückhalt, zugetraut hat ihm das fast niemand.

Tomas Vaclik ist für Tschechien ein sicherer Rückhalt, zugetraut hat ihm das fast niemand.

Carl Recine / Pool / EPA

Es ist eine Glanztat. EM-Achtelfinal Tschechien gegen die Niederlande, Spielstand 0:0. Der niederländische Offensivspieler Donyell Malen dribbelt sich durch die tschechische Hintermannschaft und taucht alleine vor Tomas Vaclik auf. Es ist der Moment, in dem Vaclik zum Helden wird. Der Torhüter bleibt ruhig und erinnert sich daran, was er in der Vorbereitung gelernt hat: Malen ist Rechtsfuss. Vaclik spekuliert richtig. Als Malen einen Haken schlägt, um den Keeper zu umkurven, schmeisst sich Vaclik in den Ball und fischt diesen vom Fuss des Gegners.

Tomas Vaclik fischt den Ball von den Füssen von Donyell Malen.

Tomas Vaclik fischt den Ball von den Füssen von Donyell Malen.

Attila Kisbenedek / Pool / EPA

Es ist die auffälligste, aber gleichzeitig eine sinnbildliche Aktion für Vaclik an dieser Europameisterschaft. Er strahlt wieder jene Sicherheit aus, mit der er beim FC Basel jahrelang geglänzt hatte. Und das, obwohl er sich in einer ungemütlichen Situation befindet: Vaclik steht ohne Klub da. Sevilla hat seinen Vertrag nicht verlängert, dieser lief Ende Juni aus. Die Europameisterschaft verkommt zu einer Bewerbungstour. Und sie soll weitergehen. Heute Samstag trifft Vaclik mit Tschechien im Viertelfinal auf Dänemark und damit auf ein weiteres Überraschungsteam. Eines, das für viele seit dem tragischen Vorfall rund um Christian Eriksen schon als Europameister der Herzen feststeht. Vielleicht allerdings doch. Hält Tomas Vaclik weiterhin so stark, kann er sich für weitere Aufgaben empfehlen. Und seinem Land zu historischem Erfolg verhelfen.

Tschechien: Eine Mannschaft lebt vom Teamgeist

Mit Herz spielen aber auch die Tschechen. Es sind Auftritte, die an die grossen Generationen 1996 und 2004 erinnern – beide blieben aber ohne Titel. Dieses Mal definiert sich das Team nicht über phänomenale Einzelkönner wie damals, dafür über den Teamgeist. Tomas Vaclik beschreibt es so: «Wir ziehen alle gemeinsam an einem Strang. Das hat man gegen die Niederlande eindrücklich gesehen: Wir haben gekämpft, und auch die Offensivspieler haben verteidigt.»

Im guten Kollektiv stechen einige hervor: Vladimir Coufal als Spielgestalter auf der Position des Rechtsverteidigers, der Mittelfeldspieler Tomas Soucek oder der Goalgetter Patrik Schick. Und vor allem Tomas Vaclik im Tor. «Tomas ist nicht nur die Nummer eins, sondern einer der besten Spieler des Turniers. Was er zeigt, ist hervorragend», lobt der ehemalige tschechische Nationaltrainer und heutige Fussballexperte Dusan Uhrin.

Tomas Vaclik hat die Kritiker überzeugt.

Tomas Vaclik hat die Kritiker überzeugt.

Petr David Josek / AP

Dass Vaclik zu einem so sicheren Rückhalt werden würde, hatte man vor der EM nicht für möglich gehalten. Weil Vaclik bei Sevilla seinen Stammplatz verloren und nur fünf Ligaspiele bestritten hatte, erklärte Nationaltrainer Jaroslav Silhavy den Kampf um die Torhüterposition für offen. Das Glück von Vaclik: Verletzungen der Konkurrenz. Ondrej Kolar von Slavia Prag fiel immer wieder aus und fehlte schliesslich ganz im EM-Kader. Und Jiri Pavlenka von Werder Bremen glänzte zwar im Testspiel gegen Italien nicht, hätte sich aber durchaus Chancen auf den Stammplatz ausrechnen können, hätte er sich nicht zum dümmsten Zeitpunkt verletzt. Wegen Rückenproblemen konnte er bisher nicht einmal auf der Bank Platz nehmen. Und so startete Vaclik als Nummer eins in das Turnier.

In Tschechien heisst es, Vaclik sei ein solider Torhüter. Nicht mehr und nicht weniger. Vielen bleibt in Erinnerung, dass er 2014 mit Sparta Prag das Double gewonnen hatte, bevor er für vier Jahre zum FC Basel gewechselt war.

Vier Jahre lang spielte Tomas Vaclik für den FC Basel.

Vier Jahre lang spielte Tomas Vaclik für den FC Basel.

Urs Lindt/Freshfocus

In der Schweiz und später in Sevilla verfolgte man ihn aber kaum. Er tauchte nur im Trikot des Nationalteams wieder auf. Seit 2016 ist er Stammtorhüter, unbestritten aber nie. Das liegt auch an den Fusstapfen seines Vorgängers, die schlicht zu gross sind. Petr Cech hatte den tschechischen Fussball jahrelang geprägt, 2005 war er Welttorhüter. Nachfolger Vaclik spielte auf anständigem Niveau, von Weltklasse aber weit entfernt. Bis zu dieser EM, an der der 32-Jährige alle überrascht.

Die tschechische Goalielegende Petr Cech.

Die tschechische Goalielegende Petr Cech.

Darko Vojinovic / AP

Napoli, Real Madrid oder doch Sparta Prag?

Wo Vaclik seine Karriere fortsetzen wird, ist unklar. In Italien schreiben die Medien, Napoli wolle ihn verpflichten. In Spanien heisst es, Real Madrid möchte ihn als Ersatztorhüter. Und in Tschechien hoffen die Fans auf eine Rückkehr zu Sparta Prag. Vaclik selber sagt dazu: «Meine Situation ist kompliziert, aber ich möchte mich nicht damit befassen. Ich konzentriere mich nur auf die Europameisterschaft, um hier erfolgreich zu sein. Was danach passiert, werden wir sehen. Beeinflussen kann ich das nicht.»

Hält Vaclik weiter so stark, drängt er sich für weitere Vereine auf.

Hält Vaclik weiter so stark, drängt er sich für weitere Vereine auf.

Tamas Kovacs / EPA

Vielleicht allerdings doch. Hält Tomas Vaclik weiterhin so stark, kann er sich für weitere Aufgaben empfehlen. Und seinem Land zu historischem Erfolg verhelfen.