Eigentlich wollte er gar nie weg von zu Hause, weg aus Wien, aus Österreich. «Ich möchte nicht herumreisen, in  anderen Ländern leben. Das brauche ich nicht», erinnert sich Marc Janko (33) an damals, an seine Jugend.

Er wächst in einem Vorort von Wien auf. Die Mutter Speerwerferin, der Vater Hochspringer, die Leichtathletik in den Genen. Doch die Liebe zum Ball ist stärker. Janko besucht ein Sportgymnasium. Am Morgen spielt er  Tennis, am Nachmittag Fussball. Er ist zwölf Jahre alt, als die Eltern finden, er müsse sich entscheiden. Also Fussball. «Vor allem weil es ein Mannschaftssport ist», erzählt er.

Nach der Matura spielt er in der zweiten Mannschaft von Admira Wacker Mödling, wenige Kilometer ausserhalb Wiens. Er ist Amateur, jobbt nebenher, beginnt mit einem Jus-Studium. Eine «Karteileiche» sei er gewesen, bloss zwei-, dreimal wirklich an der Uni, sagt er heute. Dann kam die Chance, in der ersten Mannschaft zu trainieren.

Janko packt sie, setzt sich durch. Doch der Verein darbt. Präsident damals: ein gewisser Majid  Pishyar, später auch Präsident von Servette. Beide Klubs führt der Iraner in den Ruin. Janko: «Sportlich war es eine gute Zeit für mich, aber  finanziell war es echt schlimm. Uns wurde das Wasser abgedreht, noch während wir am Duschen waren.»

Surreale Türkei

Janko wechselt 2005 zu Red Bull Salzburg, ein Jahr später erleidet die Admira Schiffbruch. Doch Jankos Karriere nimmt jetzt erst richtig Schwung auf. 75 Tore schiesst er in 108 Spielen zwischen 2005 und 2010 für den  Retortenverein, wird zu einem der meistumworbenen Stürmer Europas. Seine Wanderjahre beginnen.

Der Fussball treibt ihn raus, raus in die weite Welt. Via Twente Enschede und Porto landet er 2012 bei Trabzonspor Istanbul in der Türkei. In Porto hatte man ihm den Kolumbianer Jackson Martinez vor die Nase gesetzt. Er wäre die Nummer 2 gewesen, will weg. Nur noch eine Woche bleibt zum Transferschluss und die Türken holen ihn im Privatjet ins Land. Alles wunderbar?

«Schon das erste Gespräch mit dem Trainer war surreal», erinnert er sich. Mit einem Übersetzer zitiert ihn Şenol Güneş in sein Kämmerlein, fragt: «Wer bist du, wo kannst du spielen, zeichne mir das auf der Tafel auf.» Janko traut seinen Ohren nicht: «Ich dachte, ich sei der dümmste Mensch, dass ich Porto aufgegeben habe für so ein Abenteuer. Und so kam es auch.»

Seine nächste Station hiess FC Porto. Dort spielte er nur acht Monate im Jahr 2012.

Seine nächste Station hiess FC Porto. Dort spielte er nur acht Monate im Jahr 2012.

Er hat wenige Einsätze, will eigentlich nur noch weg. Doch dann der Trainerwechsel. Man wolle nun auf ihn bauen. Janko bleibt. Aber als das Team kurz nach Jahreswechsel im Derby gegen Fenerbahçe 0:3 untergeht, macht ihn Tolunay Kafkas zum Hauptverantwortlichen, schmeisst Jankoaus dem Team. Er wird zum Aussätzigen. Trainiert das Team am Morgen, schwitzt er am Nachmittag. Von den gemeinsamen Essen wird er verbannt.

Umgehend informiert er Nationaltrainer Marcel Koller. Der sagt ihm, dass er weiter auf ihn baue, er solle durchbeissen, er brauche ihn im Spiel gegen Schweden, vier Monate später. Dieses Spiel ist das Licht am Ende des Tunnels, das ferne Ziel, die Motiva tion, um die mentale Tortur der Isolation durchzustehen. «Ohne Koller hätte ich die letzten drei, vier Jahre meiner Karriere nicht erlebt, hätte nicht mehr auf diesem Niveau Fussball spielen können», sagt Janko.

Er zahlt das Vertrauen zurück, schiesst Österreich gegen Schweden im Sommer 2013 mit seinem Tor zum 2:0 (Endstand 2:1), zum Sieg. Trotzdem schafft Österreich die Qualifika tion für die WM in Brasilien nicht – und Janko zieht sich kurz nach seinem Tor einen Muskelbündelriss zu. Nichts ist mit einem Wechsel im Sommer. Ein ganzes weiteres Jahr sollte verstreichen, ehe er zu Sydney geht. Australien, Sonne, glückliche Menschen. «Neben Basel war das meine schönste Zeit. Das Wetter, das Essen, die Menschen, der Lifestyle – ein extrem schönes  Erlebnis.»

Er wäre gern geblieben, aber er wollte auch weiter für Österreich spielen.Das ging für den Klub nicht. Man hätte ihn gebraucht für die Spiele in der  asiatischen Champions League. Zu oft hätte er gefehlt wegen Länderspielen. Und so liess man ihn ziehen, obschon er Torschützenkönig war.

Neue Heimat in Basel

Zum Glück für Basel. Hier fand Janko eine neue Heimat. «Ich mag die Leute hier, die Grenzstadt-Kultur, das Multikulturelle», sagt er. Auch seiner Frau gefällt das Leben in der Schweiz. Seit vergangenem Mai sind sie Eltern. «Ein Schwager von mir hat mal gesagt,  Kinderkriegen sei das Schönste, aber gleichzeitig auch das Forderndste, was man im Leben machen kann», sagt er und lacht. Denn so hat er das auch empfunden in den letzten Monaten. Aber ein einziges Lächeln der Kleinen und all die Müh ist vergessen.

Zwar ist der Klub im Umbruch, seine Rolle seit dieser Saison eine andere als letzte, wo er – sofern gesund – gesetzt war. Sporar und Doumbia buhlen um den gleichen Platz. Zuletzt kam immer häufiger der Slowene zum Zug. Janko kann mit der Situation leben, auch weil Urs Fischer immer mit offenen Karten spielte, ihnen allen sagte, wie er mit der Situation umzugehen gedenkt. Janko: «Ich schätze seine Ehrlichkeit. Er spricht die Dinge offen an, auch wenn es unangenehm ist.» So erstaunt es nicht, dass er gerne in Basel bleiben würde, auch wenn er nicht mehr die Nummer 1 wäre.

Das Toreschiessen hat der Österreicher nicht verlernt. Alle 83 Minuten trifft er das Tor, ein Wert der sogar noch besser ist als letzte Saison. Im Winter lief er den besten Ausdauertest seiner Karriere. Und Fitnesscoach Werner Leuthard sagt: «Wenn er weiter so zu sich schaut, kann er noch fünf Jahre auf diesem Niveau spielen.»

Nun ist er in Basel ein Torgarant.

Nun ist er in Basel ein Torgarant.

Noch hat Janko nicht genug von  diesem Leben als Fussballer. Am liebsten in Basel, das für ihn zu einer zweiten Heimat wurde. Wenn nicht, dann zieht er weiter. Selbst China würde ihn nicht abschrecken. Er hat Freude gefunden am Fremden, ist offen geworden, ein Fussballer von Welt.

Wer hätte das gedacht, damals in Wien in seiner Jugend. Viele Türken lebten in seinem Quartier. «Einige waren teils sehr aggressiv, einmal verdroschen ein paar meinen Bruder», erinnert er sich. Aus den negativen Erfahrungen wurden Vorurteile. Es kamen die schlechten Erinnerungen bei seinem Klub in Istanbul dazu. Und trotzdem sagt er heute: «Die Menschen ausserhalb des Vereins waren so herzlich. Mein Bild der Türken hat sich komplett gewandelt.»