Nationalmannschaft
Charmeoffensive: Die Nati kommt nun auch in die Kinderstube

Mit einem Kinderbuch wollen die Schweizer Fussballerinnen und Fussballer die Kleinsten erreichen. Es ist der nächste Schritt einer Imagekampagne, so darf man das ruhig formulieren. Dahinter steckt aber auch mehr.

Christian Brägger Jetzt kommentieren
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Ruben Vargas, Xherdan Shaqiri und Cheftrainer Murat Yakin (von links) bei der Präsentation des Kinderbuches «Hopp Schwiiz» der Schweizer Nationalmannschaft.

Ruben Vargas, Xherdan Shaqiri und Cheftrainer Murat Yakin (von links) bei der Präsentation des Kinderbuches «Hopp Schwiiz» der Schweizer Nationalmannschaft.

Bild: Gian Ehrenzeller/KEYSTONE

«Wer hat die Karikatur gezeichnet? Ich wollte mich schon mit dem Künstler in Verbindung setzen», sagt Murat Yakin. Gelächter in Bad Ragaz. Für seinen Schalk ist der Nationaltrainer bekannt, auch diese Pointe am Mittwochmorgen sitzt. Die Frage davor lautete, ob Yakin denn zufrieden ist, wie er im Kinderbuch gemalt worden sei.

«Hopp Schwiiz» heisst dieses und ist das offizielle Fussballbuch der Schweizer Nati für Gross und Klein. Vor dem WM-Start in Katar bringt es der Atlantis-Kinderbuchverlag auf Initiative des Schweizerischen Fussballverbands SFV in den Sprachen Deutsch und Französisch heraus, ab heute ist es im Buchhandel erhältlich. Auflage 15000, der Preis 28 Franken.

Mit den Nationalspielerinnen Lia Wälti und Gaëlle Thalmann, mit den Nationalspielern Xherdan Shaqiri und Ruben Vargas sowie Yakin als Protagonisten; sie beschreiben in kindergerechten Illustrationen und Texten ihren Werdegang, wie sie reisen und trainieren, wie die Nati funktioniert und wer ihr im Hintergrund alles hilft, was die WM ist oder eine Schiedsrichterin zu tun hat. Kurzum: Man will den Schweizer Fussball in die Kinderstube bringen.

Die Imagekorrektur ist längst eingeleitet worden

Das also ist der nächste Schritt einer Charmeoffensive des SFV, um die Herzen der Fans zu erreichen, in diesem Fall der Kleinsten. Das ist jetzt gerade nicht unbedingt notwendig, zumal die Nationalmannschaft schon weiter entfernt, ja fast entfremdet schien. Die Imagekorrektur ist längst eingeleitet worden, spätestens mit Yakins Ernennung und Auftreten auf der Bühne als Nationalcoach. Er sagt:

«Ich bin nicht so ein Buchleser, das ist schon eine Ewigkeit her. Aber meine Töchter sind Bücherfresser, egal wo sie sind.»

Shaqiri kennt aus seiner Kindheit Globi oder Tim & Struppi, lesen tut er nicht gross. Doch jetzt habe er ein Geschenk für seinen Neffen, «und wir wollen den Kindern Spass mitgeben mit dem Buch». Vargas hat es womöglich mitgeholfen, das Elfertrauma gegen Spanien im EM-Viertelfinal 2021 zu verarbeiten. «Ich erzähle darin, wie man sich fühlt, wenn man einen Penalty verschiesst», sagt er.

«Hopp Schwiiz»: Die Schweizer Nati als Kinderbuch

Video: Laura Zimmermann / Keystone-SDA

Shaqiri gilt als Idol vieler Kinder, für ihn selbst war dies Roger Federer. Dem Schweizer Tennisstar flogen die Herzen nur so zu, er musste gar nicht so viel dafür tun, ausser sich selbst sein. Die Schweizer Nationalmannschaft, in der verschiedene Sprachen, Kulturen und Ethnien zusammenkommen, hat da bisweilen eine andere Klaviatur zu bespielen, vor allem muss sie sich immer wieder um die Gunst des Publikums bemühen.

Welten zwischen Petkovic und Yakin

Mit Vladimir Petkovic als Nationaltrainer war ihre Beziehung zur Öffentlichkeit nicht gerade einfach, einige seiner Bestrebungen schauten eher hölzern aus, und wenn er einmal nicht selbst dazwischenfunkte, dann war es am Ende seiner Amtszeit die Pandemie, die den SFV diesbezüglich Terrain verlieren liess.

Mit Yakin wirkt der Aufbau von Nähe zu den Fans wie aus einem Guss, und der Nationalcoach in seinem Element. Bei jedem Zusammenzug ist mindestens eine Trainingseinheit der Schweizer öffentlich, Bälleverteilen und Autogrammstunde inklusive, es gab seinen Besuch einer Schulklasse in Zürich, als diese ihm Fragen stellen durften. Oder eine Pressekonferenz in Lugano mit den Jugendlichen vom Team Ticino.

Neben einem Weihnachtsfilmchen ist Yakins Video-Grussbotschaft an die Nordiren vor knapp einem Jahr schon nahezu legendär, in der Nationaltrainer 9,4 Kilogramm Schokolade auf die Insel schickt, weil die «Green and White Army» 94 Minuten lang gegen Italien kein Gegentor erhielt. Und die Schweiz nun an die WM in Katar fahren darf. Auch sammelten die Schweizer Nationalspieler für ukrainische Flüchtlinge, sie taten dies selbst und mit dem Freundschaftsspiel gegen den Kosovo, mehrere Zehntausend Franken kamen da zusammen.

Die Charmeoffensive hat Erfolg

«Meine Töchter können dank diesem Kinderbuch nun ihren Mitschülerinnen besser erklären, was ich genau tue», sagt Yakin. Nicht nur sie. Die Charmeoffensive hat durchaus Erfolg, mit Instagram und Facebook erreicht die Schweizer Nationalmannschaft mehr als eine halbe Million Menschen. Yakins Kunstschuss in Rom vor der EM-Qualifikationspartie gegen Italien, als er einen Ball lässig mit den Händen im Trainingsanzug von hinter der Seitenlinie ins Tor schiesst, klickten mehr als eine Million Menschen an.

Die Protagonisten begutachten «ihr» Werk.

Die Protagonisten begutachten «ihr» Werk.

Bild: Gian Ehrenzeller/KEYSTONE

Die Pflege der Fans funktioniert, wenngleich ein Spieler wie Shaqiri ein Vielfaches an Followern hat. Natürlich erhält der SFV so über seine sozialen Kanäle auch eine gewisse Deutungshoheit, die Berichterstattung der traditionellen Medien wird etwas zurückgestuft. Yakin aber sagt:

«Wir müssen das nicht künstlich aufziehen, wir lieben es, für die Nati tätig zu sein. Wir sind sympathisch, volksnah – das ist nicht gespielt.»

Vielleicht findet Shaqiri ja nach dem Meisterschaftsende mit Chicago Zeit, das Kinderbuch zu lesen. Und ja, Yakin ist darin ganz passabel getroffen.

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