Die Australier haben es dieser Tage wirklich nicht leicht. Da mussten sie nicht nur ihren geliebten Haudegen Lleyton Hewitt in die Tennisrente verabschieden, sondern sich auch noch gleichzeitig damit abfinden, dass seine sportlichen Nachkommen noch viel schlimmere Rotzlöffel sind, als es Hewitt selbst in seinen ärgsten Flegeljahren jemals gewesen ist.

Nick Kyrgios überweist regelmässig Geldbussen an die ATP, beleidigte zuletzt Stan Wawrinka mit obszönen Bemerkungen und versprach jetzt aber, sich einen Psychologen zu suchen, damit er seine dauernden Aggressionsanfälle in den Griff bekomme. Ja, geredet hat Kyrgios mit seinen 20 Jahren schon viel. Und eigentlich hatte er mit seinen dauernden Eskapaden dem drei Jahre älteren Bernard Tomic längst den Rang abgelaufen als neuer Bad Boy aus Down Under.

Doch weit gefehlt: Tomic ist seinem Rüpel-Image treu geblieben und spaltet weiterhin die Nation: Man liebt ihn oder man hasst ihn. Und doch müssen sie ihm heute gegen Andy Murray die Daumen drücken, schliesslich ist er ihr letzter verbliebener Lokalmatador bei den Australian Open – aber ausgerechnet im Vorfeld liefert sich Tomic auch noch eine Schlammschlacht mit Publikumsliebling Roger Federer.

Verbaler Schlagabtausch

Der Baselbieter war beim Vorbereitungsturnier in Brisbane nach seiner Meinung zu Tomic befragt worden. Der hatte dort nicht schlecht gespielt, ist mittlerweile auf Platz 17 der Weltrangliste vorgedrungen. Sei Tomic da nicht auf dem Sprung in die Top Ten? Aber Federer sagte, was jeder sagen muss, der die schon chronisch mangelnde Arbeitseinstellung des Australiers beobachtet: «Bernard ist gut, aber die Top Ten sind eine ganz andere Geschichte. Das Jahr ist nicht nur einen Monat oder eine Woche lang. Es sind 52 Wochen.

Es ist jeder Tag.» Mit der Disziplin hat es Tomic nicht so, weder auf dem Platz und schon gar nicht ausserhalb. Aber eine grosse Klappe, die hatte der Australier dafür schon immer. «Wir haben jetzt so viele Jahre von ihm gehört, dass die Top Ten sein Ziel seien», sagte Federer, «aber er hat es jedes Mal um Längen verpasst. Er zeigt es nicht. Also sollte er sich vielleicht besser erst kleinere Ziele stecken.»

In Melbourne bekam Tomic nun Wind von Federers Aussagen und setzte sofort zum Verbal-Return an: «Gut, er hat seine Prognosen. Aber wenn er glaubt, dass ich sehr weit von den Top Ten weg bin, dann glaube ich auch meiner Prognose, dass er im Moment nicht einmal annähernd an Novaks Tennis dran ist.»

Es klang mehr nach dem beleidigten Nachtreten eines trotzigen Kindes. Doch Tomic hat sich seine eigene Wahrheit, seinen eigenen Kosmos geschaffen, in dem er lebt. Und in dem nur seine Regeln gelten. So lieferte er sich in seinem schicken Ferrari schon wilde Verfolgungsjagden mit der Polizei, frönte Alkoholexzessen und pöbelt auf Partys, wenn er nicht genug beachtet wird. Sein Vater John wurde wegen Gewalttätigkeit schon bei Turnieren gesperrt, ein gutes Vorbild ist er nicht.

Ein schlampiges Genie?

Trainieren tut Tomic so wenig wie möglich, Diät hält er auch nicht. Er glaubt ohnehin, dass sein Talent allein ausreicht. «Wenn ich gut spiele, bin ich ein Top-acht-Spieler», meinte er grossspurig, «und mein Ranking bringe ich dort auch hin. Und da bleibe ich dann die nächsten Jahre.» Man kann die Australier gut verstehen, dass sie so ihre Probleme damit haben, mit Tomic warm zu werden. Von klein auf wurde er als nächstes Supertalent gehandelt, stand immer im Fokus. Das tat ihm nicht gut. Spielerisch könnte er es sicher in die Top Ten schaffen, doch nicht auf die leichte Tour. Denn ohne Arbeit hätte auch Federer keinen Erfolg gehabt. Arbeitet Tomic denn hart genug? «Um ehrlich zu sein, ich müsste lügen, wenn ich sage, dass ich jetzt härter arbeite», meinte er vor dem Turnier, «20 Minuten im Fitnessraum müssen reichen.» Die Australier müssen sich wohl damit anfreunden, dass sie so bald keinen neuen Liebling bekommen, der ihnen nach Jahrzehnten wieder den Titel in Melbourne holt.