Formel E

Formel E in Bern: Als wäre es das letzte Mal

Sebastian Buemi (l.), Jean-Eric Vergne (M.) und Andre Lotterer beim Probetraining vom Freitag auf der Formel-E-Strecke in Bern.

Die Formel E macht zum zweiten Mal halt in der Schweiz. Die Proteste wachsen, die Zukunft ist ungewiss. Selbst der Schweizer Motorsportverband übt Kritik, es fehle den Veranstalten an Fingerspitzengefühl

Die Aussage von Sébastien Buemi lässt aufhorchen: «Ich versuche, das Rennen in Bern vor allem zu geniessen. Denn wir wissen nicht, ob es noch einmal ein Rennen in der Schweiz gibt.» Auf dem vor einer Woche publizierten offiziellen Rennkalender auf jeden Fall fehlt ein Schweizer Rennen. Andere Veranstaltungsorte sind mit einem Stern markiert,weil man noch nicht weiss, ob man rechtzeitig alle notwendigen Bewilligungen erhält.

Für Zürich, wo mit dem Formel-E-Rennen vergangenes Jahr nach 64-jähriger Pause erstmals wieder ein Rundstreckenrennen in der Schweiz stattfand, scheint das Risiko einer Absage offenbar zu gross, um es überhaupt in den Kalender aufzunehmen.

Der Veranstalter rechnet fest damit, dass es künftig wieder Formel-E-Rennen gibt in der Schweiz. «Wir kennen die Situation. Auch in den Vorjahren hatten wir zu diesem Zeitpunkt im Jahr noch keine Bewilligungen – weder in Zürich vor zwei noch vergangenes Jahr in Bern. Die FIA hat dieses Jahr den Kalender deutlich früher publiziert, deshalb fehlen wir darauf», sagt Formel-E-Veranstalter Pascal Derron. Der Ostschweizer ist optimistisch, dass man von der Stadt Zürich, wo das Rennen nächstes Jahr stattfinden soll, bis zu denSommerferien einen positiven Bescheid kriegt.

Formel E den Stecker ziehen

Der Widerstand wächst. Beim ersten Formel-E-Rennen in Zürich gab es vor allem Klagen von den Anwohnern wegen Lärm und Beeinträchtigungen. In Bern erreicht der Protest neue Dimensionen. Nachdem der Gemeinderat für die Veranstaltung eine Bewilligung erteilte und weder Stadtparlament noch die Bevölkerung dazu befragt wurden, haben sich die Gegner Anfang 2019 im Komitee «Formel E ade» organisiert. Ein Zusammenschluss fast sämtlicher linker Parteien der Stadt. Das Ziel ganz einfach: «Der Formel E den Stecker ziehen!»

Am Donnerstagabend hat das Komitee zur gemeinsamen Velo-Demonstration aufgerufen. Kurz nach halb sieben stehen nur ein paar Fahrräder auf dem Bundesplatz. Kleine Kinder spielen in den Wasserfontänen des Bundesplatzbrunnens. Etwas mehr als eine halbe Stunde später bahnen sich erste Parlamentarier einen Weg durch die Demonstrierenden. Während Bastien Girod, Nationalrat der Grünen, hier und da für einen Schwatz anhält, schlängelt sich der SVP-Fraktionsvorsitzende Thomas Aeschi seinen Weg durch die Leute. Im Gesicht ein süffisantes Lachen.

400 000 Franken Sachschaden

Rund 1000 Velo-Demonstrierende sollen es bis zum Schluss gewesen sein, als der Tross letztlich losfuhr. Angeführtvon zwei Polizisten auf Zweirädern fuhren sie die Rennstrecke ab. Während ein Grossteil friedlich demonstriert, «Formel E, Schnapsidee» skandiert und mit der Veloglocke gegen das Rennen anklingelt, ist das einigen zu wenig. «Protest muss wehtun», sagt einer und reisst ein Werbebanner von einem Betonelement.

Rund 1000 Leute demonstrierten auf ihrem Velo gegen das Formel-E-Rennen.

Rund 1000 Leute demonstrierten auf ihrem Velo gegen das Formel-E-Rennen.

So kommt es, dass die Demonstration eine Spur der Verwüstung nach sich zieht. Neben den zerstörten Werbefolien wurden offenbar zahlreiche Kabel durchschnitten. Von einem Schaden in der Höhe von bis zu 400 000 Franken sprachen die Veranstalter am Freitag. Das Werbematerial musste aus London eingeführt, das Probetraining vom Nachmittag auf den frühen Abend verschoben werden. Ob der Veranstalter rechtliche Schritte einleiten wird, war am Freitag noch nicht bekannt.

Mangelndes Fingerspitzengefühl

«Als ich die Streckenführung sah, habe ich gesagt, das kann doch nicht sein, das geht nicht. Mir war sofort klar, dass das Obstbergquartier eine Woche leiden wird», sagt Paul Gutjahr. Er ist Geschäftsführer von Auto Sport Schweiz, dem Verband, der die nationale Motorsporthoheit innehat. Gutjahr wuchs in Bern auf, wurde bei den letzten Formel-1-Rennen im Bremgartenwald Mitte der 50er-Jahre mit dem Motorsport-Virus angesteckt.

Er kennt die Stadt, er rechnete mit Opposition. Auch wenn er diese Proteste in keinster Weise gutheisst: «Ich schäme mich als Berner dafür, was hier abgegangen ist. Ich habe mit x Leuten aus x Ländern gesprochen. Alle waren erstaunt, dass es so etwas gibt in der Schweiz. Da musste ich leider sagen, dass wir das fast jedes Wochenende in der Reitschule haben.»

Auch in Zürich wächst der Widerstand

Obwohl er kein Verständnis für die Zerstörung hat, versteht er den Ärger der Anwohner. Da wirft er dem Veranstalter mangelndes Fingerspitzengefühl vor. Andernorts, zum Beispiel in Rom, wo er selbst beim Formel-E-Rennen präsent war, finden die Rennen nicht im Stadtzentrum statt. Er findet, dass es auch in Bern möglich gewesen wäre, eine Streckenführung zu finden, welche die Anwohner weniger beeinträchtigt hätte. «Wir haben dem Veranstalter angeboten, jemanden zur Verfügung zu stellen, der den Rennsport kennt und der hätte helfen können. Aber er wollte keine Hilfe.»

Ob es etwas geändert hätte, ist unklar. Denn auch in Zürich wächst der Widerstand. Wie am Donnerstag bekannt wurde, fordert dort ein Bürger in einer Einzelinitiative, dass sämtliche Autorennen, auch mit Elektroautos, in Zürich verboten werden. Jetzt muss der Kantonsrat entscheiden. Die Veranstalter zeigen sich trotz allem positiv. Sollte Zürich 2020 nicht klappen, wollen sie die Formel E 2021 nach Genf holen. Die Vorbereitungen laufen. Bei den Fahrern aber sind Zweifel aufgekommen. Das zeigen nicht zuletzt die Aussagen von Buemi. Er geht in dieses Rennen, als wäre es das letzte in seiner Heimat.

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