Freitauchen
Wenn sich Faszination und Risiko vermischen – wie der Taucher Daniel Röttgermann Weltrekorde knackt

Er stösst in die ewige Dunkelheit vor. Er bricht Weltrekorde. Der Zürcher Freitaucher Daniel Röttgermann verschiebt Grenzen. In Ägypten kam der 36-Jährige nun seinem grossen Traum einen Atemzug näher.

Thomas Renggli
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Freuen sich über den Weltrekord in der Disziplin «No Limits, tandem»: Daniel Röttgermann (links) und Tito Zappala.

Freuen sich über den Weltrekord in der Disziplin «No Limits, tandem»: Daniel Röttgermann (links) und Tito Zappala.

Alice Cattaneo

Eine sanfte Brise kräuselt das Wasser. Die Sonnenstrahlen verleihen dem unendlichen Blau einen silbernen Glanz. Am Himmel kreisen Möwen. In Scharm El-Scheich scheinen die Sorgen dieser Tage weit weg.

Der Wahlschweizer Daniel Röttgermann gleitet in einem silbernen Neoprenanzug von einer kleinen Pontoninsel ins warme Wasser. Mit ihm der Italiener Tito Zappala.

Zusammen wollen sie etwas erreichen, das noch keinem Mensch gelungen ist – zu zweit in eine Tiefe von 130 Metern vorstossen: ohne elektronische Hilfsmittel, ohne Sauerstoffflasche – mit der Luft aus einem einzigen Atemzug und dem Vertrauen in die eigene Stärke und dem Gefühl fürs nasse Element.

Daniel Röttgermann

Daniel Röttgermann

PD

Wie vom Wasser verschluckt

Mit einem kräftigen Stoss tauchen sie an einem Schlitten in die Tiefe. Es ist, als würden sie vom Wasser verschluckt. An der Oberfläche sind ein paar Luftblasen die einzigen Indizien dieser waghalsigen Übung.

Bei den Begleitern geht der Blick immer wieder zur Uhr. Alles läuft nach Plan – obwohl die Taucher schon über zwei Minuten unter Wasser sind. Was sie machen, hat schon vielen das Leben gekostet.

Die Spannung nagt an den Nerven. Was, wenn sie nie mehr auftauchen – wie im Film «Le Grand Bleu», der Anfang der 1988 die Szene der Freediver mehrheitsfähig machte?

Doch dann die Erlösung: Der Schatten im Meer wird immer grösser, Röttgermann und Zappala kehren zurück: nach exakt 3:05 Minuten. Sie haben ihr Ziel erreicht und dürfen sich nun Weltrekordhalter in der Disziplin «No Limits, tandem» nennen.

Es begann eher aus Zufall

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die vor rund zehn Jahren eher aus Zufall begann. Röttgermann, geboren und aufgewachsen in Oberhausen im deutschen Ruhrgebiet, kam in seinem Beruf als Informatiker nach Zürich. Die damalige Cablecom hatte in ganz Europa Fachpersonal gesucht.

Als er eines Tages mit seiner Freundin in einem Ruderboot über den Zürichsee gondelte, suchte er nach einer Möglichkeit, um den Kursschiffen nicht ins Gehege zu kommen: «Die Lösung war eine Ankerkette. So hätten wir unsere Position fixieren können – ohne ständig zu rudern.»

Röttgermann suchte ein Fachgeschäft auf. Es war eine Entscheidung, die sein Leben prägen sollte. Zwar kaufte er keine Ankerkette, doch allein der Gedanke an dieses Utensil weckte in ihm Fantasien:

«Ich stellte mir vor, wie ich daran in die Tiefe tauchen würde.»

Dabei erinnert er sich auch an seine Kindheit. Mit seinem Vater hatte er einst einige Tauchgänge im Mittelmeer unternommen. Und nun entwickelte er ausgerechnet im Binnenland Schweiz die Passion für dieses Metier von neuem.

Aus dem Hobby wird der Beruf

Marco Melileo, ein erfahrener Freediving-Instruktor, führte ihn in die Materie ein. Vor sechs Jahren machte Röttgermann sein Hobby schliesslich zum Beruf. Mit seiner Firma «Kaluna Freediving» (freedivingshop.ch) bietet er Kurse und Reisen zu Veranstaltungen und Wettkämpfen auf der ganzen Welt an.

Im Alltag trainiert er aber in weniger exotischen Gefilden – mit den Kolleginnen und Kollegen von Freediving Zürich im See vor Herrliberg, im Winter im Hallenbad Oerlikon oder im Trockenen zuhause. 64 Meter führte ihn der tiefste Tauchgang im Zürichsee hinunter, in Ägypten waren es nun 133 Meter.

Unvorstellbare Zahlen: Eineinhalb Minuten sinken, zwei Minuten aufsteigen.

Unvorstellbare Zahlen: Eineinhalb Minuten sinken, zwei Minuten aufsteigen.

Grafik: Kaluna Freediving

Der Tandem-Rekord soll «nur» ein weiteres Zwischenziel gewesen sein. Er sagt:

«Ich möchte die 150-Meter-Grenze knacken.»

Die Faszination für diesen Sport vermischt sich mit dem Risiko. Denn tief unter der Wasseroberfläche herrscht ein Druck, der normalerweise Trommelfelle zum Platzen und die Lungen an ihre Belastungsgrenzen bringt.

Und nur, wer den Atemreiz bis zum Äussersten kontrollieren und die innerliche Entspanntheit wahren kann, schafft es in jenen Bereich, in dem die Grenzerfahrung zwischen Triumph und Tragödie wartet: «Es geht bei unserem Sport darum zu merken, wenn man ans Limit stösst», sagt der Tauch-Instruktor.

Eine Risikosportart

Dem Zufall wird aber nichts überlassen: Beim Weltrekordtauchgang in Ägypten waren mehrere Sicherungstaucher, ein Arzt und diverse Sicherheitssysteme im Einsatz. Röttgermann kennt die Gefahren seines Sports ganz genau:

«Freitauchen ist eine Risikosportart. Aber mit den nötigen Vorkehrungen kann man sie sicher ausüben.»

Das Risiko lauert in den physikalischen Sachzwängen. Während jedes Tauchgangs sinkt der Sauerstoffpartialdruck in den Lungen kontinuierlich – unterschreitet er einen gewissen Wert, kommt es zu einer Sauerstoff-Unterversorgung des Gehirns. Dies kann zur Bewusstlosigkeit und verheerenden Konsequenzen führen.

Denn ohne Unterstützung schafft es der Taucher nicht mehr nach oben. Deshalb nennt Röttgermann die wichtigste Regel: «Tauche nie alleine». So wird es ihm möglich, in eine völlig neue Welt einzutauchen – und den ultimativen Beweis zu liefern, dass einem ein einziger Atemzug weit bringen kann, sehr weit – sogar zu sportlichen Höchstleistungen.

Fast neun Minuten unter Wasser

Im Apnoetauchen (Freitauchen) tauchen die Sportler von einer Boje aus entlang eines Seiles, an dessen Ende eine Lampe befestigt ist, in die Tiefe vor: «Wir tauchen ins Licht», erklärt Daniel Röttgermann. Gesichert ist der Taucher mit einer Bodyline – für den Fall, dass er das Bewusstsein verliert oder sich im Seil verheddert. Aufgrund der schnell sinkenden Wassertemperatur ist das Tragen eines Neoprenanzuges unablässig – vor allem in Schweizer Gewässern. Röttgermann führt aus: «Wenn die Temperatur an der Wasseroberfläche 24 Grad beträgt, sind es in 15 Metern Tiefe noch 15 Grad. Ab 30 Meter ist es im Wasser stockdunkel. Und im Bereich von 50 Metern unter der Oberfläche sinkt die Temperatur auf zirka sechs Grad.» Je nach Disziplin sind die Taucher mit zwei Flossen, einer Flosse oder ohne unterwegs.

Die ersten 15 bis 20 Meter eines Tauchgangs seien extrem anstrengend, so Röttgermann. Danach werde der Druck auf den Körper so gross und das Lungenvolumen so klein, dass der Körper automatisch zu sinken beginne. Der Freitaucher spricht von «Free fall». In dieser Phase konzentriere er sich nur noch auf den Druckausgleich sowie auf die ideale Körperposition und auf die Entspannung. Entscheidend für einen erfolgreichen Tauchgang ist vor allem die Vorbereitung. Man müsse ruhig und kontrolliert atmen, die Muskulatur lockern und sich in einen Zustand der totalen Entspannung versetzen. Als Massstab gilt Alexei Moltschanow. Der 33-jährige Russe hat die Sportart perfektioniert und hält sechs Weltrekorde, darunter mit 250 Metern im «No-Limit-Tauchen». Am 29. Juni 2013 blieb er in Belgrad sagenhafte 8 Minuten und 33 Sekunden unter Wasser. (tr)