Formel 1

Frischer Wind in Hinwil: Ex-Renault-Teamchef Vasseur wird Kaltenborns Nachfolger

Monisha Kaltenborn wurde am Dienstag bei Sauber entlassen.

Monisha Kaltenborn wurde am Dienstag bei Sauber entlassen.

Der 49-jährige Franzose Frederic Vasseur wird Nachfolger der am Dienstag entlassenen Teamchefin Monisha Kaltenborn im Hinwiler Formel-1-Rennstall Sauber-Ferrari. Für den Standort Hinwil wird sich nicht viel ändern.

Wenn am Samstag auf dem Stadtkurs in Baku die Motoren wieder aufheulen und die Sauber-Fahrer sich im Qualifying um einen guten Startplatz bemühen, wird sie fehlen in der Boxengasse. Nach 17 Jahren bei Sauber musste Monisha Kaltenborn am Dienstag ihren Platz als Teamchefin räumen.

Ihr Nachfolger wird Frédéric Vasseur. Der zu Beginn des Jahres bei Renault als Teamchef entlassene Franzose schaute sich schon am Donnerstag die Sauber-Fabrik in Hinwil an. Bereits vor Wochen lag dem 49-Jährigen ein Angebot als Rennleiter vor, das er aber abgelehnt hatte. Die Rolle als Nummer 1 bei Sauber hat ihn nun aber mehr gereizt. Pascal Picci, Verwaltungsratspräsident der Sauber-Besitzer Longbow Finance SA, bestätigte die Verpflichtung Vasseurs am Freitag.

Sauber-Teammanager Beat Zehnder (51) in Baku.

Sauber-Teammanager Beat Zehnder (51) in Baku.

Vasseur hat eine grosse Motorsport-Erfahrung und führte in der 2005 gegründeten GP2-Serie Nico Rosberg und Lewis Hamilton zu den ersten zwei GP2-Titeln. Auch wenn der Vertrag noch nicht unterschrieben ist, wird Vasseur beim nächsten Rennen am 9. Juli im Grand Prix von Österreich in Spielberg bereits auf der Kommando-Brücke stehen und versuchen, Sauber aus der Krise zu führen.

Die erste Frau an der Spitze

«Unterschiedliche Sichtweisen», so der Sauber-Besitzer um den milliardenschweren Schweden Finn Rausing, sollen den Ausschlag gegeben haben für die überraschende Trennung mit Kaltenborn. Angeblich wehrte sich die 46-jährige Österreicherin mit indischen Wurzeln gegen eine teaminterne Stallorder: Pascal Wehrlein und Marcus Ericsson sollten mit den gleichen Voraussetzungen fahren können.

Sauber seit 1993:

Der 61-jährige Rausing unterstützt schon lange Ericsson und hatte zu Beginn der letzten Saison dafür gesorgt, dass der Wirbel um den Holländer Giedo van der Garde aussergerichtlich mit einer zweistelligen Millionensumme beendet werden konnte. Da sind gewisse Forderungen verständlich. 2016 hatte schon Felipe Nasr öffentlich Vermutungen ausgesprochen, dass sein 26-jähriger schwedischer Teamkollege bevorzugt würde.

In Baku wehrte sich Ericsson gegen die Theorien bezüglich einer Bevorzugung: «Das nervt nicht nur mich im Team. Diese Storys sind ein Schlag ins Gesicht für jeden bei uns, der Tag und Nacht schuftet, um wieder Erfolg zu haben. Mein Verhältnis zu Wehrlein ist so, dass wir alles offen diskutieren können, was das Auto betrifft. Zusammen Ferien machen würden wir aber nicht.» Ob schlussendlich wirklich die Differenzen um die Fahrer den Ausschlag gegeben haben für die Entlassung, bleibt also fragwürdig. Vielmehr dürften der ausbleibende sportliche Erfolg und die technischen Versäumnisse Grund gewesen sein für die Entlassung von Kaltenborn.

Frederic Vasseur wird der neue Teamchef im Sauber-Ferrari-Team.

Frederic Vasseur wird der neue Teamchef im Sauber-Ferrari-Team.

Mit dem Abgang von Kaltenborn verliert die Formel 1 auch die einzige Frau an der Spitze eines Rennstalls. 2000 wechselte die Juristin in die Rechtsabteilung des Schweizer Unternehmens. Nur ein Jahr später wurde sie in die Geschäftsleitung aufgenommen, und als sich BMW Ende 2009 aus dem Rennstall zurückzog, offerierte der Gründer Peter Sauber der Österreicherin den Posten als Geschäftsführerin. Zwei Jahre später übertrug Peter Sauber einen Drittel der Anteile an sie: Kaltenborn war jetzt nicht nur Geschäftsführerin, sie war auch Besitzerin. Nur fünf Monate später wurde sie als Teamchefin installiert.

Standort Hinwil ist ungefährdet

Kaltenborn erlebte auch gute Zeiten mit Sauber, so zum Beispiel den zweiten Platz in der Konstrukteuren-Wertung 2007. Sie musste während ihrer Zeit in Hinwil aber vor allem auch das Chaos verwalten. Nach dem Absprung des bayerischen Autoherstellers BMW zeigte nicht nur die sportliche Leistungskurve nach unten: Der ganze Hinwiler Rennstall stand vor dem Aus: Die Mitarbeiter mussten zum Teil über Monate auf ihre Löhne warten, die Betreibungen häuften sich, sogar das Geld für die Kehrichtentsorgung fehlte. 450 Mitarbeitern am Standort Hinwil drohte die Kündigung.

Der Standort in Hinwil ist nicht gefährdet.

Der Standort in Hinwil ist nicht gefährdet.

Erst mit der Übernahme durch die Aktiengesellschaft Longbow Finance SA mit Sitz im Kanton Waadt im vergangenen Sommer kehrte wieder Ruhe ein in Hinwil. Der neue Besitzer kündigte auch sogleich an, den Standort im Zürcher Oberland auch in Zukunft beizubehalten. Verwaltungsratspräsident Pascal Picci sprach nach der Übernahme von einem «enormen Potenzial», das in Hinwil liege.

«Das Know-how in Hinwil ist einzigartig»

Neben dem Formel-1-Team verfügt die Sauber-Gruppe über einen hochmodernen Windkanal, in dem nicht nur die Aerodynamik der Sauber-Autos verfeinert wird, auch andere Drittparteien verpassen in Hinwil ihren Autos eine windschnittige Figur. «Bereits heute profitieren verschiedene, auch namhafte Kunden aus der Automobilindustrie davon», sagte Picci und betonte dabei, dass man nicht nur in ein Formel-1-Team investiere, sondern in die Sauber-Gruppe als Ganzes – und besonderes in den Standort Hinwil: «Das Know-how in Hinwil ist einzigartig.»

Während die sportlichen Leistungen in der Formel 1 stagnierten, konnte die Sauber-Gruppe in den letzten Jahren das Drittkundengeschäft deutlich ausbauen. In einem Interview kurz vor ihrer Absetzung betonte Kaltenborn: «Wir sind nach wie vor in den unterschiedlichsten Bereichen tätig. Was wir liefern im Drittparteiensystem, ist Engineering auf allerhöchstem Niveau. In diesem Bereich ist es uns gelungen, grosse Aufträge einzuholen.»

Meistgesehen

Artboard 1