Fussball

Frühstarterinnen gegen Spätzünderinnen - In Lyon steigt ein WM-Final der Gegensätze

Jubeln Alex Morgan (rechts) und die USA auch im WM-Final?

USA gegen Holland, Weltmeister gegen Europameister und trotzdem ist die Favoritenrolle klar verteilt. Die beiden WM-Finalistinnen im Direktvergleich.

Es lohnt sich, den TV am Sonntag rechtzeitig einzuschalten (Spielbeginn: 17 Uhr). Denn die Amerikanerinnen starten meist fulminant. In allen sechs WM-Spielen erzielten sie in der Startviertelstunde das Führungstor und legten damit den Grundstein zum Sieg. Irgendwie sinnbildlich für die Rolle der USA im Frauenfussball. Anders als bei den Männern zählten die Amerikanerinnen bereits früh zu den Topteams. 1991 wurden sie die ersten Weltmeisterinnen, 1999 und 2015 doppelten sie nach.

Die Stars

Alex Morgan schoss ihr Team mit dem 2:1-Siegtor gegen England in den Final. Es war bereits ihr sechster Turniertreffer. Viel mehr gab aber ihr Jubel zu reden. Sie imitierte eine Tee trinkende Engländerin. Auch abseits des Platzes sorgt die Stürmerin für Schlagzeilen. Sie ist Autorin von Kinderbüchern und spielte im Teenager-Film «Alex and me» sich selber. Auf Instagram hat sie 7,2 Millionen Follower und damit eine Million mehr als Roger Federer.
Der andere grosse Star ist Megan Rapinoe, die am Freitag ihren 34. Geburtstag feierte. Bei den beiden 2:1-Siegen im Achtelfinal gegen Spanien und im Viertelfinal gegen Frankreich traf sie jeweils doppelt. Im Halbfinal fehlte sie wegen einer Verletzung am Oberschenkel, im Final soll sie voraussichtlich wieder spielen können. Sie setzt sich für die Rechte der Homosexuellen ein und lehnt sich gegen US-Präsident Donald Trump auf. 2016 nahm sie sich ein Vorbild an Footballstar Colin Kaepernick und kniete bei der Nationalhymne nieder gegen Polizeigewalt gegen Schwarze. Zwar steht Rapinoe inzwischen wieder, sie singt die Hymne aber nicht mehr.

Die Trainerin

Jill Ellis, 52, könnte Geschichte schreiben. Mit der Titelverteidigung könnte sie die erste Trainerin werden, die zweimal den Weltmeistertitel holt. Selbst bei den Männern hatte das nur Vittorio Pozzo 1934 und 1938 mit Italien geschafft. Doch die brittisch-amerikanische Doppelbürgerin wird für ihre Arbeit auch kritisiert. Die ehemalige Starkeeperin Hope Solo ist nicht die Einzige, die ihr vorwirft, dass sie in der gesamten K.-o.-Phase Mittelfeldstar Lindsey Horan nur auf die Bank setzte.

Die Taktik

Die Amerikanerinnen werden von der ersten Sekunde an Vollgas geben. Die frühen Führungstore rühren daher. Falls es im Final anders kommt, wird es spannend sein, wie sie damit umgehen. Auf dem Papier organisieren sich die US-Frauen in einem 4-3-3-System. Im Viertelfinal und im Halbfinal glich die Formation aber auch einem 5-4-1-System. Trainerin Ellis weiss, dass das Prunkstück die Offensive ist, mit mehr Spielerinnen hinter dem Ball will sie die Defensive stärken.

Die Fans

Wer derzeit in Lyon spaziert, der sieht sie überall: die US-Fans. Das Dress des Teams ist in diesem Jahr das meistverkaufte Nike-Trikot überhaupt. Und auch auf den Rängen machen die amerikanischen Fans einen Grossteil aus. Mehrere Zehntausend Zuschauer sollen für Halbfinal und Final angereist sein.

Hollands neue grosse Liebe

Schreiben Sie niemals die Holländerinnen ab. Sie haben an dieser WM in Frankreich in jedem Spiel in der Schlussviertelstunde getroffen – ausser im Halbfinal gegen Schweden. Dort erlöste Jackie Groenen die Holländerinnen erst in der Nachspielzeit. Das passt irgendwie: Der Frauenfussball in Holland erlebte in den letzten fünf bis zehn Jahren einen riesigen Aufschwung. 2015 qualifizierten sich die «Oranje-Leeuwinnen» erstmals für eine WM, zwei Jahre später wurden sie Europameisterinnen, jetzt stehen sie im WM-Final.

Die Stars

Der Zeh der Nation – er gehört Barcelonas holländischer Ballkünstlerin Lieke Martens. Die Verletzung am linken Fuss behindert sie. Vor dem Spiel gegen Italien wärmte sie sich nur auf dem Fahrrad auf, dank einer Schmerztablette spielte sie trotzdem. «Wenn das Adrenalin durch den Körper fliesst, kann man vieles schaffen», sagt sie. Gegen Schweden verliess sie das Feld in der Halbzeit. Für den Final ist sie fraglich. Wetten, dass das ausverkaufte Stadion Adrenalin freisetzt?
Weit weniger verspielt, aber dafür viel effizienter sind die Auftritte von Vivianne Miedema. Die Stürmerin ist mit Arsenal Meister geworden und wurde zur besten Spielerin Englands ausgezeichnet. Zudem hat sie in 81 Länderspielen bereits 61 Tore erzielt – und das mit 22 Jahren. Sie ist schnell, zielstrebig, kopfballstark. «Wir sind im Flow», sagt die Vollblutstürmerin. Sie hat mit ihrem Team die letzten elf Spiele an EM und WM gewonnen.

Die Trainerin

Sarina Wiegmann kam zwar in Den Haag zur Welt, ging dann aber in den USA aufs College. Dort erlebte sie, was Frauenfussball für eine Bedeutung haben kann. Wiegmann übernahm die Oranje-Frauen nach der WM 2015 und führte sie 2017 zum Europameistertitel – eine Riesenüberraschung. Unaufgeregt, kompetent und mit viel Erfahrung führt sie ihr Team. Auf Erfahrung setzt Wiegmann auch im Team, rotiert hat sie nur selten und sie geriet in Kritik, weil sie den Fussball ihrer Frauen nach dem EM-Titel von Hurra auf Effizienz getrimmt hat.

Die Taktik

Holland ist Holland. Im 4-3-3 schieben sich die Oranje-Frauen den Ball zu. Manchmal betörend schnell und vertikal, dann wieder einschläfernd und quer. Das Team hat in allen Spielen (ausser gegen Kanada) mehr Ballbesitz gehabt. In der Defensivbewegung wechseln sie oft in ein 4-5-1. Das wird gegen die USA kaum anders sein. Aus Respekt vor der Aufgabe. Zu stark ist der Gegner, zu gross die Gelegenheit.

Die Fans

Sie haben Campingplätze geflutet und bringen Trompetenklänge ins Stadion: Die Fans der «Oranje-Leeuwinnen» strömen zu Tausenden zu den Spielen. Auch in der Heimat sind die Löwinnen ein Renner. Den Halbfinal haben 5 Millionen am TV verfolgt. Die Holländerinnen brauchen die Unterstützung, sie sind krasse Aussenseiterinnen. Auch wenn Halbfinal-Heldin Jackie Groenen kämpferisch sagt: «Wir haben schon Geschichte geschrieben, und das wollen wir jetzt wiederholen.»

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