US-Open
Früher war nur Wawrinka nervös - heute zittert auch Federer

Roger Federer und Stan Wawrinka spielen heute um den Einzug in den US-Open-Final: Federer hat Respekt vor Wawrinka und dieser ist selbstbewusster denn je.

Petra Philippsen, New York
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US Open 2015: Federer und Wawrinka gewinnen ihre Viertelfinal-Spiele und stehen im Halbfinal - dort treffen sie aufeinander
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Roger Federer zeigt wiederum eine ausgezeichnete Leistung
Federer mit einem Volley
Den New Yorkern gefällts: Sie feiern den Schweizer nach Spielende, der sich beim Publikum bedankt
Gasquet hat gegen den Maestro keinen Stich und geht in drei Sätzen unter
Gasquet hat gegen Federer keine Chance
André Agassi bei der Federer-Show
Auch Hollywood-Stars lassen sich Federer nicht entgehen
Auch Stan Wawrinka überzeugt gegen Kevin Anderson
Wawrinka ist immer einen Schritt schneller
Anderson muss sich gegen Wawrinka strecken, doch auch das bringt nichts
Anderson genervt, Wawrinka zu gut
Der Romand pusht sich
Wawrinka bei einem Rückhand-Volley
Stan Wawrinka und Roger Federer dürfen die Faust ballen

US Open 2015: Federer und Wawrinka gewinnen ihre Viertelfinal-Spiele und stehen im Halbfinal - dort treffen sie aufeinander

HO

Das Louis-Armstrong-Stadium lag Stan Wawrinka zu Füssen. Die 10 000 Fans waren berauscht vom Schweizer, der wie entfesselt gegen Kevin Anderson aufgespielt hatte. Der Südafrikaner unterlag chancenlos mit 4:6, 4:6 und 0:6. Endlich war Wawrinka aus sich herausgekommen an diesem US Open, und endlich hatte der 30 Jahre alte Lausanner im Viertelfinal sein bestes Tennis gespielt.

Wawrinka signierte jedes seiner Handtücher und warf sie der tosenden Menge zu, dann noch seine Schweissbänder, Bälle – er verschenkte einfach alles, was er finden konnte. «Ich bin so glücklich darüber, wie ich gespielt habe», sagte Wawrinka sichtlich erleichtert auf dem Platz und genoss, wie die Fans ihn immer noch feierten. Und als ob er ahnte, welche Frage nun kommen würde, fügte er schnell und verschmitzt hinzu: «Jetzt sagt mir aber bitte nicht meine Statistik gegen Roger.»

Tatsächlich scheint die 3:16-Bilanz gegen Roger Federer ernüchternd, allerdings hatte Wawrinka ihn zuletzt im Viertelfinal der French Open glatt geschlagen und danach sensationell gegen Novak Djokovic den Titel gewonnen. Umso prickelnder lässt sich heute das 20. Schweizer Duell an, es dürfte – so hoffen alle – ein grosses Match werden.

Federer überrascht sich selbst

«Wenn Stan gut drauf ist, kann er unter Druck wahnsinnig gutes Tennis spielen», sagte Federer, «das wird eine echte Herausforderung für mich.» Gefordert hatte ihn Richard Gasquet dagegen in seinem Viertelfinal überhaupt nicht, der französische Weltranglistenzwölfte lieferte eine geradezu blamable Vorstellung ab. Ohne jeden Mumm fügte er sich zum zehnten Mal in einem Best-of-Five-Match gegen Federer in sein Schicksal und verlor nach 87 Minuten mit 3:6, 3:6 und 1:6. Der Baselbieter zelebrierte dafür vor den prominenten Schwergewichten aufden Rängen des Arthur-Ashe-Stadiums wie Bradley Cooper, Alec Baldwin oder Justin Timberlake fantastisches Tennis in teilweise atemberaubendem Tempo.

In seinen ersten drei Aufschlagspielen traf Federer 12 von 13 ersten Aufschlägen, acht davon waren Asse. 50 Winner haute er Gasquet um die Ohren, der brachte es auf magere acht. «Es ist ein tolles Gefühl, so gewinnen zu können», freute sich der 34-jährige Federer, «manchmal überrasche ich mich selbst ein bisschen, dass das in meinem Alter noch so geht. Aber die harte Arbeit zahlt sich jetzt aus.»

Wawrinka lernt von Federer

So waren beide Schweizer mit Vollgastempo in diesen Halbfinal eingezogen und beide hatten ihre bisher beste Leistung im Turnierverlauf geboten. Vielleicht trieb sie das angekündigte Unwetter so an, wohl eher aber reizte sie die Aussicht auf ein erneutes Duell.

Und es ist ihr erstes, das auf Augenhöhe stattfindet. «Ich bin höchstens ein ganz kleines Bisschen der Favorit»,sagte Federer, «Stan hat es längst allen bewiesen und es könnte ein super Match werden. Aber es wird komisch sein, weil jeder vom anderen eigentlich vorher ahnt, wo er hinspielen wird.»

Doch vielleicht wartet gerade deshalb Wawrinka heute mit einer Überraschung gegen seinen Freund auf. Denn gegen Anderson spielte auch er kess einen «Sabr», Federers neuen, aggressiven Halbvolley-Return – mit Erfolg. «Ich schaue mir immer genau an, was die Besten machen, um so gut zu sein», sagte der Lausanner, «das versuche ich dann auch und deshalb habe ich mich in den letzten zwei Jahren so verbessert.» So glaubt der amtierende French-Open-Champion nun auf Hartplatz an seine Siegchance gegen Federer. Bisher war er nur auf Sand gegen ihn erfolgreich.

Und Federer hat grossen Respekt davor, wie akribisch sich Wawrinka in den letzten Jahren verbessert hatte. «Ich habe früher schon gedacht, er ist eigentlich ein viel besserer Spieler, als er es war», sagte Federer, «irgendetwas hielt ihn zurück, ihm fehlte das Selbstvertrauen. Aber er hat so hart trainiert und ich freue mich sehr für ihn, dass er jetzt auf diesem Level spielen kann.»

Wawrinka, der bereits vor zwei Jahren im Halbfinal der US Open stand und erst in einem Fünfsatzthriller an Novak Djokovic scheiterte, spürt, dass Federer ihn als Gegner inzwischen anders wahrnimmt. Die Kräfteverhältnisse mit dem 17-maligen Major-Champion haben sich merklich angeglichen. «Früher war nur ich nervös, wenn wir gespielt haben, weil ich wusste, dass ich nicht ebenbürtig war», sagte Wawrinka, «aber jetzt sehe ich, dass Roger auch nervös ist, weil ich mittlerweile auf seinem Niveau spielen kann. Das ist der grosse Unterschied.»

So oder so, es wird ein weiteres Highlight ihrer gemeinsamen Karriere werden.