Fechten
Führungslos, kopflos, chancenlos

Fechten: Die Schweizer Degenfechter scheitern gegen Italien bereits in der ersten Runde.

Klaus Zaugg, rio de Janeiro
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Enttäuscht ziehen die Schweizer Max Heinzer, Benjamin Steffen und Peer Borsky (von links) ab. KEystone

Enttäuscht ziehen die Schweizer Max Heinzer, Benjamin Steffen und Peer Borsky (von links) ab. KEystone

KEYSTONE

Am Schluss stürmt Max Heinzer tollkühn vorwärts und verschrottet bei seinen heftigen Attacken gar noch zwei Degen. Es ist ein Schlussfeuerwerk, das nichts an einer der schmählichsten Niederlagen in unserer ruhmreichen olympischen Fechtgeschichte ändert. Der temperamentvolle Luzerner gewinnt zwar das 9. und letzte Gefecht. Aber bei ihrem Sturm auf Gold scheitern die Schweizer bereits in der ersten Runde gegen Italien krachend mit 32:45. Nie lagen sie in Führung. Nie hatten sie eine Chance. Nie gab es den geringsten Zweifel an der Niederlage.

Wie war das möglich? Benjamin Steffen, Fabian Kauter und Max Heinzer war alles zuzutrauen. Dieses Selbstvertrauen ist kein Irrtum. Sie haben das Talent für eine Medaille. Warum scheiterten sie doch in der ersten Runde und durften schliesslich nur noch um Platz 5 statt um eine Medaille fechten? Nun, es gibt ein Beispiel aus der Geschichte, das uns die Antwort liefert. Immerhin geht es um Fechten. Also dürfen wir einen Vergleich aus der militärischen Historie heranziehen.

1854 reitet die leichte britische Kavallerie wegen unklarer Befehlsausgabe bei Balalaika einen wahnwitzigen Sturmangriff gegen die gut ausgebauten Stellungen der Russen. Der französische General Pierre François Joseph Bosquet kommentierte diese Aktion mit den noch heute berühmten Worten: «C’est magnifique, mais ce n’est pas la guerre, c’est de la folie.» – «Das ist grossartig, aber Krieg ist das nicht, es ist Wahnsinn.» Mit General Bosquet können wir über den spektakulären Untergang unserer Fechtgenossen ausrufen: «Das war grossartig, aber Fechten ist das nicht, es ist Wahnsinn!» Und es passt ins Bild, dass damals die kühnen britischen Reiter miserabel geführt waren. Fabian Kauter sagt in der ersten Enttäuschung: «Das Coaching war nicht gut.» Aha. Aber bevor wir uns im Kopf eine schöne Polemik gegen Nationaltrainer Giani Muzio zurechtlegen können («fechtende Löwen, geführt von einem Esel»), relativiert er. «Die Taktik wird im Team besprochen.» Schade. Polemik bringt ja sowieso nichts. Längst steht fest, dass der 68-jährige Italiener am 1. Januar durch den Franzosen Didier Ollagnon abgelöst wird.

Ruhmlose Heimkehr

Ach, wie ist da eine «goldene Generation» unseres Fechtens mit fliegenden Fahnen untergegangen wie einst die prächtige britische Kavallerie auf der Krim. Die Briten ernteten für ihre Tollkühnheit wenigstens ewigen Ruhm. Fabian Kauter, Benjamin Steffen und Max Heinzer kehren hingegen ruhmlos heim.

Immerhin liefert Benjamin Steffen eine gute Analyse. «Wir wussten, dass sich die Italiener passiv verhalten werden. Aber wir waren überzeugt, dass wir besser sind und die Sache ausrichten können.» Also gut genug, um den «Catenaccio» der Italiener zu knacken. «Aber wir gerieten früh in Rückstand und dann suchten wir zu schnell den Ausgleich.» Auf den Punkt gebracht: Die Schweizer überschätzten sich und rannten in die offenen gegnerischen Degen.

Benjamin Steffen, resignierend: «Hinterher ist man immer klüger.» Kein Schelm, wer jetzt noch die Aussage von Fabian Kauter über das ungenügende Coaching im Ohr hat. Bereits nach drei von neun Gefechten (Kauter, Heinzer, Steffen) lagen die Schweizer 4:10 im Rückstand. Punkt für Punkt machten die mit stoischer Ruhe konternden Italiener.

Dringend wäre eine Änderung der Taktik angezeigt gewesen. Aber die Schweizer stürmten weiterhin blind vorwärts. Führungslos, kopflos, chancenlos. Nach sechs von neun Gefechten führten die Italiener bereits uneinholbar mit 23:9. Die Hoffnung war nur noch ein verblassender Regenbogen über dem herabstürzenden Bach der heraufziehenden bitteren olympischen Enttäuschung.