Andorra - Schweiz
Für den abgebrühten Nico Elvedi folgt «Ein Höhepunkt dem nächsten»

Nico Elvedi gilt als grösste Schweizer Hoffnung in der Abwehr. Drei Tage nach dem spektakulären 3:2 in Ungarn spricht er über seine Gefühlswelt.

René Weber aus Andorra
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Plötzlich im Fokus: Nico Elvedi kam in Ungarn zu seinem Startelf-Debüt mit der Schweizer Nationalmannschaft. Der 20-jährige Gladbach-Verteidiger verkörpert die Zukunft der Schweizer Defensive. Keystone

Plötzlich im Fokus: Nico Elvedi kam in Ungarn zu seinem Startelf-Debüt mit der Schweizer Nationalmannschaft. Der 20-jährige Gladbach-Verteidiger verkörpert die Zukunft der Schweizer Defensive. Keystone

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Wie war die erste Nacht nach Ihrem ersten Länderspiel in der Startaufstellung?

Nico Elvedi: Geschlafen habe ich sehr gut, wenn auch etwas spät. Nach Spielen kann ich nie sofort einschlafen. Dann geht mir jeweils das Spiel nochmals durch den Kopf.

Das Positive oder das Negative?

Primär das Positive. Es ist schön, erstmals auf dem Platz gestanden zu sein (überlegt). Ich bin stolz. Natürlich hatte ich während der Nationalhymne auch ein wenig Gänsehaut. Ich werde mein erstes Länderspiel über 90 Minuten nie vergessen. Zumal es eine derart verrückte Partie wurde.

Wann hat Ihnen Vladimir Petkovic mitgeteilt, dass Sie erstmals in der Startformation stehen?

Am Mittag vor dem Spiel hat er uns allen die Aufstellung bekannt gegeben. Natürlich bin ich froh, dass er mir das Vertrauen schenkte. Ich denke, ich konnte etwas davon zurückgeben.

Zu Beginn der Partie leisteten Sie sich einige leichte Fehler. Lag das an der Nervosität?

Schwierig zu sagen. Nein, das denke ich nicht. Die Fehler sind einfach passiert. Klar, das ist blöd und ärgerlich. Ich bin froh, das nichts weiter passiert ist (überlegt). Für das erste Spiel bin ich zufrieden. Die Abstimmung mit Fabian Schär klappte. Wir haben viel geredet, uns geholfen. Nur zu Beginn hatten wir einige Schwierigkeiten. Grundsätzlich haben wir gut verteidigt. Zu Chancen kam Ungarn nicht.

Ungarn hatte tatsächlich kaum Möglichkeiten. Trotzdem schaffte es unmittelbar nach den Schweizer Führungstreffern zum 1:0 und 2:1 jeweils den Ausgleich. Gibt es dafür eine Erklärung?

Das gesamte Team muss in einer solchen Situation mehr mitarbeiten. Vielleicht hätten wir den Ball einfach in den eigenen Reihen laufen lassen und nicht sofort nach vorne stürmen sollen. Solche Fehler dürfen uns nicht passieren. Wir werden das analysieren, dann passiert das nicht mehr.

Nun trifft die Schweiz heute auf Andorra – die grosse Unbekannte in dieser WM-Ausscheidungsgruppe.

Wir werden Andorra per Video noch kennen lernen. Es wird bestimmt keine einfache Partie, auch wegen des Kunstrasens. Es ist alles eine reine Kopfsache. Die Reise von Budapest nach Andorra war lang. Das muss man berücksichtigen.

In Andorra kann die Schweiz eigentlich nur verlieren.

Im Fussball ist alles möglich. Klar, wir alle wissen, dass wir der Favorit sind.

Sprechen wir nochmals über Sie. Das Spiel in Ungarn war ein weiterer Teil eines Fussball-Märchens. Bei Mönchengladbach sind Sie trotz Ihrer Jugend eine feste Grösse.

Es ist wirklich unglaublich. Ein Höhepunkt folgt dem nächsten. Ich hoffe, es geht noch lange so weiter. Gleichzeitig weiss ich, dass wieder andere Zeiten kommen werden. Ich bin aber darauf vorbereitet.

Sie sagen das ohne grosse Emotionen. Sind Sie nur gegen aussen oder auch innerlich so entspannt?

Ich bin zufrieden, wie es läuft. Trotzdem muss ich auf dem Boden bleiben und jeden Tag alles geben. Ich bin keiner, der gross angibt – das hilft mir.

Wer hat sich nach dem Spiel in Ungarn am Freitag zuerst bei Ihnen gemeldet?

Ich bekam sehr viele Rückmeldungen. Familie, Verwandtschaft, Kollegen und Freundin – alle haben sich gemeldet. Jedes SMS hat mich gefreut.

Geduld auf der winzigen Bühne – und eine kleine Irritation

Die Schweizer lassen sich von der ungewöhnlich winzigen WM-Qualifikations-Bühne in Andorra nicht ablenken. Ihre Wortmeldungen sind unmissverständlich. Niemand zweifelt auch nur im Ansatz an der makellosen Fortsetzung ihres Parcours am Montag. Den mehrstündigen Bus-Trip von Barcelona nach Andorra la Vella haben die Spieler als Teil des Pendelns zwischen zwei komplett verschiedenen Schauplätzen betrachtet.

«Wir treten zu einem Länderspiel für die Schweiz an. Es ist egal, wo wir spielen, motivieren muss man niemanden», stellt Admir Mehmedi klar. Die Adaption an die provinziellen Verhältnisse im Fussball-Kleinstaat fällt dem Bundesliga-Profi nicht schwer. «Wir wollen nach Russland und müssen gewinnen.»

Im Duell mit der Weltnummer 203 wollen die Favoriten so früh wie möglich zur Zäsur ansetzen. «Wir müssen ein schnelles Tor erzielen», verlangt Trainer Vladimir Petkovic. Ansonsten sei in der Begegnung mit dem krassen Aussenseiter «viel Geduld und Respekt» gefragt.

In den letzten Tagen war im Kreis der Nationalmannschaft eine bemerkenswerte Sachlichkeit feststellbar. Keine Brennpunkte, keinerlei Diskussionen, trotz mehrerer Forfaits kaum Hektik. Erst am Tag des Transfers in den Süden keimten kurzzeitig ein paar Irritationen auf. Auslöser war ein Statement von Valon Behrami gegenüber einem Tessiner Radio-Journalisten, das zu seinen Ungunsten interpretiert wurde. Er habe offen zugegeben, eine Gelb-Sperre provoziert zu haben, war zu lesen.

Der spät verwarnte und in Andorra gesperrte Mittelfeldspieler erklärte im RSI-Interview zur taktischen Zeitverzögerung indes lediglich, es sei gut, «eine Pause zu haben, auch wegen des Kunstrasens, auf dem ich sehr leide.» Petkovic umdribbelte die Causa beim obligaten Rendez-vous mit den Medien elegant: «Behrami wird uns fehlen, das ist schade.» (sda)