«Meinen die das ernst oder verarschen sie mich?» Die Frage stellt sich Tim Jost seit letztem Sommer immer wieder. Ein Beispiel gefällig? «Unsere Garderobe hat statt eines Fensters nur einige Gitterstäbe. Einmal wurde meine Pausenansprache unterbrochen, weil einer der fliegenden Händler einen Kochtopf durch das Fenster streckte und unseren Spielern verkaufen wollte. Stell dir das mal vor!»

Es ist nur eine von unzähligen Anekdoten, die am Telefon aus Tim Jost heraussprudelt. Der 23-jährige Deutsche ist Trainer von Toto African, einer Profi-Mannschaft aus Mwanza am Viktoriasee in der höchsten Liga Tansanias. 

Hier liegt Mwanza, die Heimat der Toto Africans.

Allein, wie Jost überhaupt beim Klub landet, zeigt, dass hier nicht alles so läuft, wie wir es aus Europa kennen.

Nach dem Bachelor im Studiengang Sport und Leistung in Köln wollte der frühere Oberliga-Kicker für ein Jahr in die Sportentwicklungshilfe nach Afrika. Er fand in der 225'000 Einwohner zählenden Stadt Mwanza eine Stelle bei «Sport Charity», die den Bau von Sportstätten und lokale Trainer-Ausbildung unterstützt. 

«Ich war für den Bereich Fussball zuständig. Da fragte mich der Gründer, ob ich Lust auf den Assistenztrainer-Job bei Toto African hätte. Natürlich habe ich zugesagt.»

Und so war der Inhaber der UEFA-B-Lizenz plötzlich beim Verein angestellt. Dieser ist selbst für tansanische Verhältnisse arm und schlecht organisiert. Jost wird das schon am ersten Tag merken.

Training mit Toto African. Wer braucht schon richtige Tore.

Training mit Toto African. Wer braucht schon richtige Tore.

Jost ging an das erste Selektionstraining. Denn ein Team gab es eigentlich noch gar nicht. Weil die Mannschaft in der Vorsaison den Abstieg erst am letzten Spieltag verhinderte und in Tansania Jahresverträge üblich sind, wurde zu einem Probetraining geladen. Da durfte jeder kommen. Im Radio, TVund über Megafone auf Autos wurde in der Stadt auf den Event hingewiesen. Darum kam auch JEDER. «Einige hatten zwei Jahre nicht mehr Fussball gespielt, einige hatten keine Schuhe und einer war so unsportlich, den liessen wir nicht mal beim Aufwärmen mitmachen», erinnert sich Jost.

Weil die Spieler 200 Dollar pro Monat verdienen – was viel Geld ist –, wurde alles versucht. Natürlich feilschten Teilnehmer auch um einen Platz im Kader und liessen Beziehungen spielen: «Wir schickten Spieler nach Hause – und dann waren sie am Ende doch im Kader. Weil irgendjemand im Verein dies veranlasste.

Bei einem Spieler gab es gar eine Namensverwechslung. Wir wollten den einen William, bekamen dann aber einen anderen William, der kaum dreimal jonglieren konnte. Aber das Handgeld war schon bezahlt.»

Tim Jost, der deutsche Trainer bei Toto African in der Bildergalerie:

Kein Wunder fiel der Saisonstart so schlecht aus. Cheftrainer Rogasian Kaijage wurde nach einer Niederlage im Oktober von den Fans mit Steinen beworfen und bedroht – er trat zurück. Anscheinend gab es auch Probleme mit dem Verband, weil Papiere fehlten. Jost rückte nach und war plötzlich Cheftrainer des Teams. 

Die Mannschaft fing sich im Verlauf der Saison, aktuell steht sie mit 25 Punkten aus 24 Partien zwar noch auf dem ersten der drei Abstiegsplätze, doch das rettende Ufer ist sechs Runden vor Schluss nur einen Punkt entfernt.

Ob es für den Ligaerhalt reichen wird, hängt in Tansania nicht nur von den Leistungen auf dem Platz ab. Korruption ist hier allgegenwärtig. «Für die Rückrunde wollten wir einen Verteidiger verpflichten. Er war ein guter, kompromisslos und physisch stark. Der Vorstand meinte nur: Den könnten wir nur in Heimspielen einsetzen, auswärts gibt's nach fünf Minuten die Rote Karte.»

Toto African. Noch sechs Spieltage Zeit, um den Abstieg zu verhindern.

Toto African. Noch sechs Spieltage Zeit, um den Abstieg zu verhindern.

Auch wenn die Machenschaften natürlich meist unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen, zwei prägende Ereignisse wird Jost nicht mehr vergessen: «Einmal meinte mein Chairman: ‹Tim, wir brauchen eine Mannschaft, die gut genug ist, um den Ball vor das andere Tor zu bringen. Den Rest entscheidet der Schiedsrichter – und das Geld.›»

 Die andere Geschichte geschah Mitte Februar nach dem 1:1 gegen Kagera Sugar, das im Niemandsland der Tabelle eigentlich nur noch auf das Saisonende wartet. «Der gegnerische Trainer meinte vorwurfsvoll: ‹Warum habt ihr uns kein Geld gegeben? Bei uns geht es ja um nichts mehr.›» Jost schränkt aber auch ein: «Die Schiedsrichter stehen unter Beobachtung. Alles geht nicht. Sonst werden sie abgezogen.»

Kagera Sugar FC Vs Toto African SC, Full Time 1-1

Die Zusammenfassung der Partie gegen Kagera Sugar.

Das Geld spielt sowieso immer eine Rolle. Oder eher das nicht vorhandene Geld. Jost selbst arbeitet gratis, verzichtete freiwillig auf einen Lohn. Toto African fehlt es an Sponsoren und die Spielerlöhne werden oft erst mit Verzug bezahlt. Manchmal wird der Lohn vor wichtigen Partien auch absichtlich zurückbehalten. Weil man weiss ja nie, was die Spieler mit dem Geld anfangen.

Einmal wurde einigen Spielern von Vereinsseite ein Konditions- statt eines Mannschaftstrainings aufgebrummt. Der Grund? Jost erzählt noch immer etwas ungläubig: «Sie hatten sich am Abend zuvor bei Prostituierten vergnügt, und der Glaube, dass Sex der Kondition schadet, ist hier weit verbreitet.» Ein 14-Kilometer-Lauf sollte das wieder beheben.

Probleme verursacht das knappe Budget auch bei Auswärtsfahrten. Dass Spieler im Teambus übernachten müssen, ist auch schon vorgekommen.

Normalerweise werden die Eintrittsgelder unter den Klubs aufgeteilt. So rechnete Toto African bei einem Gastspiel mit mehr Zuschauern und mehr Einnahmen. Die Folge: Weil es weniger Geld gab, musste auf dem Rückweg auf das Essen verzichtet werden. Dafür wurden noch andere Passagiere aufgenommen, um noch etwas Geld dazuzuverdienen.

Training im Stadion. Erst müssen die Marabus vertrieben werden. Sie werden dann als Auswärtsfans gezählt

Training im Stadion. Erst müssen die Marabus vertrieben werden. Sie werden dann als Auswärtsfans gezählt

Natürlich auch immer ein Thema bei afrikanischen Fussballklubs: die Witchdoctors. Bei einem Ausswärtsspiel stank die Gästekabine dermassen, dass sich das Team draussen umzog. Der Witchdoctor habe übelriechende Kräuter versteckt gehabt.

Auf übermenschliche Kräfte setzte auch Toto African – bis der «Zauberer» rausgeworfen wurde. Dieser erzählte von einem Treffen in Kigoma, dem besten Ort für Hexerei in Tansania. Er wolle dorthin und brauche Reisegeld. Per Telefon berichtete er dann, wie es in Kigoma so läuft. Dummerweise stellte sich später heraus: Der Witchdoctor war immer zuhause in den eigenen vier Wänden gesessen und hatte sich einfach auf Kosten der Klubkasse bereichert. Er wurde entlassen.

Einer der kräftigsten Stürmer war dagegen während vier Monaten wirklich weg. Niemand wusste genau, wo er steckte. Dann tauchte der 25-Jährige plötzlich wieder auf. Sein Vater war verstorben und der Streit um die (grosse) Erbmasse fand angeblich in Angola statt. 47 Kinder zeugte der Verstorbene, die Anwärter auf das Erbe sollen aus ganz Afrika angereist sein.

Tim Jost versucht mit Toto African den Abstieg zu verhindern.

Tim Jost versucht mit Toto African den Abstieg zu verhindern.

Doch neben all den Korruptions- und Geldproblemen mangelt es oft auch an ganz selbstverständlichen Dingen wie einem Trainingsplatz. Das Stadion ist nicht immer frei, und so muss auch schon mal eine Herde Ziegen von einem Feld vertrieben oder ein Markt geräumt werden, damit die Übungseinheiten einigermassen stattfinden können. «Der Platz hatte tiefe Furchen, dass sich da keiner verletzte, ist ein Wunder. Too much matatizo – zu viele Probleme – sagen die Verantwortlichen dann», erzählt Jost.

Das Suaheli-Wort «Matatizo» (Problem) werde übermässig verwendet, es «entschuldigt» für viele Vorkommnisse. «Sehr oft stehe ich einfach da und frage mich: Meinen die das ernst oder verarschen sie mich? Aber zwei Tage später, rufe ich Freunde zuhause in Deutschland an und muss über die Geschehnisse lachen.»

Übrigens: Der Kochtopf-Verkäufer konnte das Geschäft nicht erfolgreich abschliessen. Er wurde von Team und Betreuer mit einer Fluchtirade weggescheucht.