Fussball
Trainings bei Streich, Debatten mit Cruyff: Der Trainer der FCB U21 Matthias Kohler hat schon einiges erlebt

Am Samstag geht es in der Promotion League endlich wieder weiter und damit auch der Ernstkampf für die U21 des FCB. In seinen jungen Jahren hat Trainer Matthias Kohler bereits so einiges gesehen.

Alan Heckel
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Matthias Kohler ist noch nicht einmal 30 Jahre alt, zählt aber schon zu den Erfahrenen.

Matthias Kohler ist noch nicht einmal 30 Jahre alt, zählt aber schon zu den Erfahrenen.

Claudio Thoma/freshfocus

Der Auftaktgegner könnte ein einfacherer sein. Ausgerechnet der ungeschlagene Leader Yverdon gastiert am Samstag zum Re-Start der Promotion League im Leichtathletikstadion St. Jakob. Für den FC Basel U21 geht es darum, in den verbleibenden Hinrundenspielen zu versuchen, in die erste Tabellenhälfte zu kommen und damit zu vermeiden, bei der anschliessenden Teilung der Tabelle in der Abstiegsrunde zu landen.

«Es wird sehr schwierig, doch wir wollen immer das Maximum», hält Matthias Kohler fest. Schweissperlen auf die Stirn treibt ihm die Aussicht, in der verkürzten zweiten Saisonhälfte um den Klassenerhalt zu kämpfen, aber nicht. Schliesslich hat der 29-Jährige schon viel erlebt – unter anderem gelang ihm der Klassenerhalt als Cheftrainer in der höchsten slowakischen Spielklasse.

Aufgewachsen in Obermettingen im Schwarzwald kam Kohler durch seinen Vater und die beiden älteren Brüder früh zum Fussball und schloss sich als Fünfjähriger dem Heimatverein SV Untermettingen an. Danach ging es zum SV Laufenburg, wo er im zentralen Mittelfeld als Achter auflief. Anschliessend führte sein Weg über die Grenze zum FC Schaffhausen, bei dem er nach der U14 und U16 gleich den Sprung in die U21 schaffte. Nach den ersten Erfahrungen im Erwachsenenfussball ging es zurück nach Deutschland in die U19 des SC Freiburg, die damals von Christian Streich trainiert wurde.

Der Sprung in die Bundesliga misslingt

Im Gegensatz zu seinen Mitspielern Oliver Baumann, Oliver Sorg, Nicolas Höfler und Jonathan Schmid schaffte Matze, wie er genannt wird, den Sprung in die Bundesliga nicht. Zwar warfen ihn zwei Kreuzbandrisse zurück, doch Kohler glaubt, «dass es mir ohnehin nicht auf direktem Weg in die Bundesliga gereicht hätte». Den Umweg über den FC Singen 04 brach er nach wenigen Wochen ab und begann sich stattdessen mit den vier wichtigsten Adjektiven im Fussball (technisch, taktisch, mental, physisch) vertieft auseinanderzusetzen.

Er machte eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann sowie eine Athletiktrainer-Lizenz, absolvierte ein Fernstudium in Sportpsychologie und besuchte Trainerkurse in den Niederlanden. «Ich wollte die Basis der jeweiligen Bereiche verstehen, um das Talent eines Spielers ideal zu entfalten.»

Seine «zweite Karriere» begann 2012 als DFB-Stützpunkttrainer in Südbaden. Kohlers Interesse galt stets den besten Vereinen im Nachwuchsbereich, dem FC Barcelona und Ajax Amsterdam. «Leider stand im Internet damals keine Telefonnummer, die man anrufen konnte», bemerkt er lachend.

Relativ problemlos kam er dagegen an die Nummer des Jugendleiters von Ajax Cape Town, dem Partnerclub der Amsterdamer in Südafrika. Wenig später sass der Deutsche im Flieger nach Kapstadt. Man war schnell auf einer Wellenlänge, allerdings hatte der Verein kein Budget, um ihn zu beschäftigen. Deshalb arbeitete Kohler vier Monate in einer Fabrik, um sich das Geld für einen längeren Südafrika-Aufenthalt selbst zu finanzieren.

Die Einladung zu Ajax Amsterdam

Wieder zurück lancierte er ein Individualisierungsprojekt, verlinkte Entwicklungspläne mit den Eigenschaften der Spieler und führte die Videoanalyse in der Halbzeit ein. «Wir waren innovativ mit wenig Mitteln.» Das fand auch die Führungsriege von Ajax Amsterdam um Marc Overmars, Edwin van der Sar, Wim Jonk und Ruben Jongkind bei ihrem Besuch in Kapstadt und lud Kohler ein, sich ein Bild vom «Hauptquartier» in den Niederlanden zu machen.

Sein Feedback fiel ziemlich kritisch aus – und deckte sich mit der Ansicht von Wim Jonk und Johan Cruyff. Auch der Übervater des modernen Offensivfussballs war ein Anhänger der Individualisierung und stellte stets den Spieler ins Zentrum. Daraufhin wechselte Kohler nach Amsterdam, wo er beim Aufbau einer neuen Abteilung als sportlicher Leiter half. Die entwickelte Methodologie, die damals implementiert wurde, ist heute bei Ajax Standard.

Nach einem Streit in der Führung über die Ausrichtung des Vereins verliessen 16 Personen um Cruyff Ende 2015 Ajax. Kohler war einer von ihnen. Es folgte die Gründung von «Cruyff Football», eine Firma, die Vereine und Verbände berät. Nach zweieinhalb Jahren merkte Kohler, «dass mir die tägliche Arbeit auf dem Platz fehlte» und kam über eine Ajax-Connection als strategischer Berater zum AS Trencin in die Slowakei, sprang Ende der Saison 2018/19 als Trainer ein und schaffte den Klassenerhalt in der Fortuna Liga. Der Besitzer war mit dem Deutschen, dem die nötige Lizenz fehlte, so zufrieden, dass er ihn via «Schattentrainer» weiter an der Linie beschäftigte. Als im Verlauf der nächsten Spielzeit nach einer Baisse der mediale Druck zu gross wurde, trennten sie sich.

Während des ersten Lockdowns meldete sich Percy van Lierop, ein Bekannter aus Ajax-Zeiten. Der FCB-Nachwuchsleiter hat «die gleichen Vorstellungen wie ich» und holte Kohler als Trainer für die U18 nach Basel. Als kurz nach Saisonbeginn Alex Frei als Verantwortlicher der U21 zurücktrat, rückte Kohler eine Stufe nach oben. Seine Zeit bei der U18 sieht er als Vorteil, «denn ich kenne die Jungen, die nachkommen». Die U21-Stufe hält er für besonders wichtig in der Entwicklung eines Fussballers:

«Es ist ein krasser Unterschied zum Juniorenfussball, weil man in der Promotion League gegen erfahrene Gegner andere Lösungen finden muss.»

Im Juni wird Matthias Kohler 30. Jemand, der in diesem jungen Alter einen derart gut gefüllten Rucksack hat, ist im Fussball-Business sehr begehrt. Von solchen Dingen will er aber nichts hören: «In unserer Gesellschaft leben viele nicht im Hier und Jetzt, sondern streben ständig nach Höherem, ohne zu schätzen, was sie haben. Das halte ich für falsch. Ich habe diesen Schritt jedenfalls bewusst gemacht und gehe in meiner Aufgabe mit den jungen Spielern auf».

Die Identifikation mit Stadt und Verein ist gross. Kohler hat eine Wohnung im Gellert bezogen, von der er täglich zum FCB-Campus radelt. «Wenn ich einmal weiterziehen sollte, will ich sagen können: Ich habe nicht nur in Basel gearbeitet, sondern auch wirklich dort gelebt!»