YuBeljahr

#46 Gemischte Gefühle

Die Young Boys dürfen jubeln – wie etwa hier nach dem Exploit vom Mittwochabend gegen Ronaldos Juventus.

2018 war ein spezielles Jahr für YB. Der erste Meistertitel nach 32 Jahren des ewigen Wartens. Dann die erstmalige Qualifikation für die Champions League. Das europäische Abenteuer ging mit einem Ausrufezeichen zu Ende, dem 2:1 gegen Juventus Turin. Der Sieg änderte indes nichts mehr am Ausscheiden. Sechs Partien auf der grösstmöglichen Bühne hat YB absolviert, vier Punkte erobert und Einnahmen von gut 30 Millionen Franken generiert (wovon dem Verein etwa 60 Prozent zufliessen). Die vier Berner Autoren Pedro Lenz, Bänz Friedli, Klaus Zaugg und Bernhard Giger begleiteten YB in dieser Zeitung mit Kolumnen durch das «YuBeljahr». Zuerst auf dem Weg zum Meistertitel, dann in der Champions League. Heute schreiben sie ein letztes Mal.

Jetzt stell dir mal dieses Märchen vor: Der alte Goalie Wölfli führt YB als Captain zum Sieg über Juventus Turin. Noch vor einem Jahr hätte ich jedem, der dies in Aussicht gestellt hätte, gesagt: «Du spinnst!» Und Gui Hoarau, die grösste Persönlichkeit im Schweizer Fussball, erzielt beide Tore.

Welch wunderbarer Abschluss eines fantastischen Jahres! Ich habe geschrien, mit Wildfremden abgeklatscht. Dabei war mein erstes Fussballtrikot vor 47 Jahren schwarz-weiss gestreift, auch mein zweites und drittes; die Juve-Leibchen hingen an den Wochenmärkten in Levanto und La Spezia so verlockend aus. Ich war für Juventus, lange bevor ich mein erstes YB-Spiel besuchte. Diesen Sommer erst, als sie den Spieler holten, der eine Frau vergewaltigt hat – in den USA liegen erdrückende Beweise vor –, wandte ich mich ab.

Hätte er nicht leuchtfarbene Schuhe getragen, Ronaldo wäre im Wankdorf nicht aufgefallen – ausser durch Simulieren. YB, ohne die Routiniers Sanogo, Sulejmani und von Bergen, dafür mit zahlreichen Jünglingen angetreten, bot eine taktisch reife Leistung. Lauper! Garcia! Camara! Aebischer! Young Boys im Wortsinn, von Coach Seoane mutig auf- und klug eingestellt. Man hatte zum ersten Mal den Eindruck, dieses YB könnte auch europäisch Fuss fassen. «Aber es ging um nichts mehr», wenden Nörgler ein. Und tatsächlich war dieser Höhepunkt vielleicht ein kleiner Abschied.

Nicht der alte Zweckpessimist in mir sagt, dass es ein solches Jahr nicht mehr geben wird. Sondern der Realist. Für einen zweiten Titel reicht es allemal, aber so besonders wie der erste, zweiunddreissig Jahre lang herbeigesehnte, wird er nicht sein. Und weil die Uefa alles daransetzt, die Reichen noch reicher zu machen und die Kleinen klein zu halten, wird kein Schweizer Klub sich auf längere Frist in der europäischen Spitze etablieren können, wie es noch dem FC Basel gelang.

Der ganz grosse Fussball war bei uns zu Gast. Doch es bleibt der Nachgeschmack: Das wars wohl. Was also tun? Den Moment geniessen: «Mein» YB hat «meine» Juve besiegt.

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