Ausgerechnet in der Woche der Geburtstage breitet sich in Madrid das Elend aus. Am Mittwoch ist Real hundertsiebzehn Jahre alt geworden und morgen Freitag wird Florentino Pérez zweiundsiebzig. Zu feiern gibt es allerdings nichts, weder für den Präsidenten noch den Weltverein.

Dieser hat es nämlich gerade geschafft, innerhalb von sechs Tagen drei Titelchancen zu verspielen. Nach den zwei gegen den FC Barcelona verlorenen Clásicos ist das Aus im spanischen Cup Fakt und sind die Aussichten auf den 34. Meistertitel gleich null.

Dazu gesellt sich nun auch noch das Desaster in der Champions League, die man zuletzt drei Mal in Folge gewonnen hatte. Dass Real im Dezember gegen Al-Ain die unbedeutende Fifa-Klub-WM gewonnen hatte, ist eine Randnotiz.

Solari überfordert

Trainer Santiago Solari will der Misere zum Trotz von einem Rücktritt nichts wissen: «Ich bin nicht hierhergekommen, um schon nach ein paar Monaten aufzugeben», sagte der 42-Jährige. Solari hatte Ende Oktober den im Sommer mit grossem Brimborium verpflichteten Julen Lopetegui abgelöst. Der vormalige spanische Nationalcoach war nach einem 1:5 in Barcelona nicht mehr zu halten gewesen.

Trainer Santiago Solari: «Ich bin nicht hierhergekommen, um schon nach ein paar Monaten aufzugeben.»

Trainer Santiago Solari: «Ich bin nicht hierhergekommen, um schon nach ein paar Monaten aufzugeben.»

Doch auch Solari wird seinen Sessel bald räumen müssen, trotz eines Vertrags bis 2021. Für den Argentinier, einst Nationalspieler und Profi bei Real, als Trainer zuvor jedoch nur im Nachwuchsbereich tätig, ist die Aufgabe beim Champions-League-Rekordsieger offensichtlich eine Nummer zu gross.

Einfach aber hatten es weder Solari noch Lopetegui. Weil es sich Perez in den Kopf gesetzt hat, für 600 Millionen Euro das Stadion Bernabéu zu modernisieren, blieb für Transfers kein Geld übrig. Ganz nach dem Motto: Steine statt Beine. Dabei hätte das erfolgsgesättigte und überalterte Team zwingend frisches Blut gebraucht. Es heisst, Trainerkandidat Antonio Conte habe abgesagt, weil ihm neue Spieler verwehrt wurden.

«Hochmut kommt vor dem Fall»

Das 1:4 am Dienstag gegen Ajax – Reals höchste Heimniederlage in der Champions League – hat eindrücklich das Sprichwort «Hochmut kommt vor dem Fall» bestätigt. Captain Sergio Ramos hatte sich in Amsterdam beim 2:1-Hinspielsieg kurz vor Schluss absichtlich eine gelbe Karte abgeholt, um beim Rückspiel eine Sperre abzusitzen und unbefleckt in die Viertelfinals einzuziehen.

Doch der Innenverteidiger musste nun gesperrt von der Tribüne aus zusehen, wie seine Mannschaft unterging und dabei auch noch das allerletzte Saisonziel verspielte – Anfang März, notabene. Verteidiger Dani Carvajal sagte: «Ich glaube, das war mein schlimmstes Spiel. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt.»

Das 1:4 am Dienstag gegen Ajax – Reals höchste Heimniederlage in der Champions League – hat eindrücklich das Sprichwort «Hochmut kommt vor dem Fall» bestätigt.

Das 1:4 am Dienstag gegen Ajax – Reals höchste Heimniederlage in der Champions League – hat eindrücklich das Sprichwort «Hochmut kommt vor dem Fall» bestätigt.

Regisseur Toni Kroos sagte: «Viele Spieler waren nicht auf dem erforderlichen Niveau, ich zuvorderst.» Die Sportzeitung «Marca» schrieb: «Nach über 1000 Tagen Regentschaft in Europa erlebt Real die schlimmste Champions-League-Pleite der Geschichte. Ein Gigant fällt auseinander.»

Der Zorn der Anhänger richtet sich vor allem gegen Pérez. Und dies in geballter Form, denn weltweit sympathisieren 450 Millionen Fans mit den Königlichen und haben sich 97 000 stimmberechtigte Aficionados einem Klub verschrieben, der weder Aktionären noch Einzelpersonen gehört. Sondern ganz den Mitgliedern.

Schon gegen Barcelona hatten die Unzufriedenen den Baulöwen zum Rücktritt aufgefordert. Sie haben kein Verständnis für dessen Sparprogramm aufgrund des Stadionneubaus und werfen ihm vor, den Abgang von Ronaldo zu Juventus forciert zu haben. Der Portugiese hatte in der letzten Saison in 44 Pflichtspielen 44 Mal getroffen. «Meinem Sohn haben sie damit 50 Tore geklaut», hatte Lopeteguis Vater erklärt.

Stinkstiefel Bale

Ohne den Superstar ist Real in der Offensive nur ein laues Lüftchen. Weder Benzema, Asensio noch Vazquez konnten in dessen Fussstapfen treten, und Weltfussballer Modric fehlt die Torgefährlichkeit. Im Zentrum der Kritik steht indes Gareth Bale, 2013 für 101 Millionen Euro von Tottenham verpflichtet. Das Jahressalär von 24 Millionen Euro (gemäss «Forbes») und die sportliche Bilanz von nur 13 Toren in 34 Spielen stehen in einem krassen Missverhältnis.

Im Zentrum der Kritik: Gareth Bale.

Im Zentrum der Kritik: Gareth Bale.

Teamintern wird der Waliser als «der Golfer» verspottet, weil er sich mehr für Golf als für Fussball interessiere. Seine Leistungen sind so schwach geworden, dass er nicht selten die Ersatzbank drückt; wie zuletzt auch gegen Ajax. Allerdings sorgt er auch dort für Ärger. Gegen Levante brach er eigenmächtig das Aufwärmen ab, und als er später doch noch auf den Platz kam und gar ein Penaltytor schoss, stiess er Vazquez, der herbeigeeilt war, ihn zu umarmen, rüde weg.

Es gärt bei Real an allen Ecken und Enden. Als der frühere Real-Profi Alvaro Benito kürzlich im Fernsehen die Spieler Casemiro und Kroos in die Kritik nahm, war er seinen Job als Juniorentrainer umgehend los. Fest steht: So schnell wird in Madrid keine Ruhe einkehren. Zumal offenbar Obergrantler José Mourinho vor der Tür steht.