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Acht Jahre der Absenz sind genug – Mauro Lustrinelli will die U21-Nationalmannschaft wieder an die EM führen

Mauro Lustrinelli: «Genau so wie die Österreicher wären auch wir aufgetreten. Gut organisiert, mit Leidenschaft und viel Teamspirit.»

Der Schweizer U21-Nationalcoach Mauro Lustrinelli beobachtet die aktuelle EM in Italien. Mit der Schweiz hat das Turnier 2021 im Visier. Denn nach acht Jahren Abwesenheit sollen Spieler der höchsten Juniorenklasse wieder an einer EM teilnehmen. Doch davor sind noch ein paar Hürden zu meistern.

Biscotto! Bei der U21-EM ist es in der Gruppenphase am letzten Spieltag so gekommen, wie es ganz Italien befürchtet hatte. Frankreich und Rumänien haben sich schiedlich-friedlich 0:0 getrennt und beide jenen Punkt geholt, der ihnen für den Halbfinaleinzug gereicht hat. Auf der Strecke geblieben sind die Italiener, die vergeblich gehofft hatten, als beste Gruppenzweite unter die letzten vier zu kommen.

Deshalb die Biscotto-Rufe – in Italien sind damit nicht nur Biskuits gemeint, sondern auch Verschwörungen und Absprachen… Nun müssen die ambitionierten Gastgeber zähneknirschend zuschauen, wer das Rennen um den EM-Titel macht: Deutschland, Spanien, Frankreich oder Rumänien?

Ebenfalls nur Zuschauer sind die Schweizer. Wieder einmal. Schon zum vierten Mal in Folge fehlt die Auswahl des SFV bei einer U21-EM. Vor acht Jahren in Dänemark war sie letztmals dabei und bestritt am Ende sogar den Final gegen Spanien, der mit 0:2 verloren ging. Es war die dritte Finalteilnahme einer Schweizer Nachwuchsnati innerhalb von neun Jahren gewesen, nachdem die U17 2002 den EM- und 2009 gar den WM-Titel gewonnen hatte.

U21-Cracks vorzeitig im A-Team

Natürlich gibt es Gründe für die Baisse. Zum Beispiel die Quantität. Während der französische U21-Coach Sylvain Ripoll nicht weniger als siebzig potenzielle Spieler im Auge hat, sind es bei dessen Schweizer Antipoden Mauro Lustrinelli weniger als dreissig. Entscheidender dürfte indes die Philosophie sein, die der SFV vertritt.

Laurent Prince, der Technische Direktor, hat diese im Magazin «rotweiss» erläutert. «Viele Leistungsträger des U21-Teams wurden schon sehr früh in das Kader der A-Nationalmannschaft berufen. Das macht uns sehr stolz. Diese Spieler haben der U21 gefehlt und den möglichen Erfolg auf der U21-Stufe erschwert», sagte Prince. «In den vergangenen Jahren hatte das Talentmanagement Vorrang, die Rekrutierung von Spielern für die A-Auswahl.»

Damit muss Lustrinelli leben. Eben erst hat er wieder erfahren, wie hoch talentierte Akteure wie Noah Okafor und Ruben Vargas dabei sind, seine U21 zu «überholen». Ersterer hat in der Nations League in der A-Nati debütiert, Letzterer war im Trainingscamp dabei. Wenn Lustrinelli eine Mannschaft (siehe Grafik) aufzählt mit Spielern, die altersmässig allesamt noch bei der jetzigen EM auflaufen könnten, dann wird einem fast ein bisschen wehmütig ums Herz. Elvedi, Sow, Zakaria, Embolo… mit diesen würde man ja vielleicht sogar Europameister werden.

Lustrinelli ist deswegen keineswegs frustriert. Als Verbandstrainer trägt er die Strategie des SFV mit. Was indes nicht bedeutet, er und mit ihm der neue U21-Chef Adrian Knup würden nicht alles daransetzen, um beim nächsten Turnier 2021 in Ungarn und Slowenien dabei zu sein.

Mentale Defizite

In der letzten Woche hat Lustrinelli in Italien das Turnier besucht und ist begeistert nach Hause zurückgekehrt. «Ich habe brutal Lust darauf, in anderthalb Jahren teilzunehmen, und werde dies meiner Mannschaft auch sagen.» Ab September sind Liechtenstein, Georgien, Aserbaidschan, Frankreich und die Slowakei in der Qualifikation die Gegner.

Auch wenn mit Frankreich eine ganz harte Nuss zu knacken ist, strahlt Lustrinelli Zuversicht aus: «Wir haben viel Potenzial. Das war bei unseren Testspielsiegen gegen Kroatien und Italien gut zu sehen.» Auch bei der Niederlage in Aarau gegen Slowenien hätten sie einiges richtig gemacht, sich aber durch einen groben Fehler aus dem Tritt bringen lassen.

Für Lustrinelli ist klar, dass die Defizite im mentalen Bereich liegen: «In dieser Beziehung müssen wir aufholen.» Dass sich seine Mannschaft, bestehend aus den 98er- und 99er-Jahrgängen, weder für die U17-EM noch für die U19 qualifiziert hatte, führt er auf die mentalen Schwächen zurück.

Wie die Österreicher spielen

Dass fast alle seiner Spieler, von Cömert über Toma und Domgjoni zu Guillemenot, in der Super League Stammspieler sind und Vargas bald in der Bundesliga spielt, stimmt ihn aber optimistisch, das Ziel zu erreichen. Mit einem gewissen Stolz sagt er: «Meine Mannschaft hat einen Marktwert von 30 Millionen Franken.»

Jetzt aber verfolgt Lustrinelli am Donnerstag zuerst einmal die Halbfinals der laufenden EM. Deutschland gegen Rumänien und Spanien gegen Frankreich sind die Affichen in Bologna und Reggio Emilia. Er schwärmt vom hohen Niveau, von herausragenden Einzelspielern wie den Deutschen Richter und Waldschmidt, dem Franzosen Ikoné, den Rumänen Hagi und Puscas, dem Spanier Ceballos, dem Italiener Chiesa sowie dem Engländer Foden.

Und imponiert haben Lustrinelli die Österreicher, die Serbien geschlagen und die Deutschen an den Rand der Niederlage gedrängt haben. Einige Male hat der 43-Jährige gedacht: «Genau so würden auch wir auftreten. Gut organisiert, leidenschaftlich und mit viel Teamspirit.»

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