Fussball
Alex Frei: «Wir Schweizer dürfen ambitioniert sein»

Alex Frei (33) erwartet vom Nationalteam, dass sie mehr wollen, als nur die drei Gruppenspiele an der WM zu überstehen. Die WM-Qualifikation hält er in der Schweizer Gruppe schon fast für selbstverständlich.

Etienne Wuillemin und François Schmid-Bechtel
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Tribüne statt Rasen: Seit dem 15. April ist Alex Frei Sportdirektor des FC Luzern.

Tribüne statt Rasen: Seit dem 15. April ist Alex Frei Sportdirektor des FC Luzern.

KEYSTONE

Wenn Sie den Punkteschnitt des FC Luzern unter Carlos Bernegger anschauen, was fällt Ihnen auf?

Alex Frei: Wir retteten uns vor dem Abstieg.

Er ist mit zwei Punkten pro Spiel so hoch ist wie jener von Meister FCB.

Carlos leistete in den letzten acht Wochen überragende Arbeit. Aber die Erwartungen in Luzern driften immer krass auseinander. Einmal sind die Fans zu Tode betrübt. Dann dominiert wieder die Euphorie, bis hin zu Träumen von der Champions League. Beides ist zu extrem.

Aus Ihrer Zeit beim FC Basel kennen Sie ein euphorisches Umfeld. Warum wehren Sie sich in Luzern dagegen?

In Basel lernte man, mit der Euphorie umzugehen. Der FCB entwickelte ein Selbstverständnis, Titel zu gewinnen. Aber wenn der FCB einmal keinen Titel holt, wird auch er nervös.

Was muss das Selbstverständnis des FC Luzern sein?

Das Team sollte ohne übermässiges Glück Rang fünf oder sechs belegen. Wenn alles für uns läuft, ist vielleicht auch einmal Platz drei möglich. Aber ich will nicht, dass die Fans Wunder erwarten.

Welche Fehler dieser Saison dürfen ab sofort nicht mehr geschehen?

Da gibt es viele, aber die sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Warum?

Es reicht, wenn wir diese intern ansprechen.

Wieso sprachen Sie Carlos Bernegger nicht intern darauf an, dass er sich nach Siegen nicht mehr von der Fankurve feiern lassen sollte?

Ich wollte die Euphorie bremsen. Der FCL verlor beide darauffolgenden Spiele – aus welchen Gründen auch immer. Wenn man Carlos Zeit lässt, wird er beweisen, was für ein unglaublich guter Trainer er ist. Ich will nicht, dass er verbrannt wird. Ich will, dass er langfristig beim FCL Trainer bleibt – und nicht, dass er sich nach jedem Sieg an den Zaun hängen muss, um zu jubeln wie ein Wilder, sich dann aber nach zwei Niederlagen nicht mehr blicken lassen kann.

Es bestand die Gefahr, dass Sie ihn öffentlich demontierten.

Quatsch! Das ist ein Thema für Journalisten. Für Carlos und mich ist das kein Problem. Wie viele Vereine lassen es in der Bundesliga zu, dass der Trainer mitjubelt? Einer oder zwei. (Dortmund und Mainz, d. Red.).

Haben Sie den Vertrag mit Bernegger schon verlängert? Und das Salär angehoben? Er könnte sonst davonlaufen.

Ich kann Carlos auch in solchen Dingen vertrauen. Er ist zu 100% integer, er ist keiner, der den Verein nach zehn guten Spielen verlässt.

Sie merken, wir sprechen Uli Fortes Wechsel von GC zu YB an. Waren Sie überrascht?

Wenn ich die letzten 15 Monate anschaue, ja.

Forte sagt, er habe Signale ausgesendet, wollte, dass der Klub nach dem Cupsieg auf ihn zukommt. Was erwarten Sie in der Zusammenarbeit mit Ihrem Trainer?

Ehrlichkeit und Direktheit. Signale senden, das ist doch alles «Gugus»! Entweder ist man alt genug, geht auf die Leute zu, sagt, was man will und dann findet man eine Einigung – oder eben nicht. Ich halte nichts von Lügereien und Pokerspielen.

Sie sagten, sie hätten klare Vorstellungen, wie der FC Luzern 2013/14 Fussball spielen soll. Wie denn?

Thorsten Fink ging vom FCB nach Hamburg mit der Philosophie «Gewinnen – und zwar mit einer offensiven Spielweise». Er musste dafür viel Kritik einstecken. Aber er blieb der Linie treu und erreichte nun mit dem HSV fast die Europa League. Mit einem Team, das in der Bundesliga nicht diese Plätze anvisieren kann. Er ist kein Resultat-Trainer, sondern einer, der den Fussball liebt. Wie Bernegger.

Stehen Sie als Sportchef zu dieser Linie? Irgendwann kommen die Resultate ja doch zur Geltung.

Ja. Solange ich sehe, dass sich die Mannschaft auflehnt gegen die Niederlage, für den Trainer.

Auffallend ist, als Thorsten Fink zum FC Basel kam, sagte er als einer der ersten Trainer: «Jungs, mir ist völlig egal, was der Gegner tut, wir schauen nur für uns!» Sein Stil scheint prägend für Sie.

Ja, Thorsten Fink hat den Schweizer Fussball revolutioniert! Ob man das wahrhaben will oder nicht. Er brachte einen neuen Stil in die Schweiz, Heiko Vogel führte ihn weiter.

Kann man diesen Stil auch beim FC Luzern implementieren?

Das ist schwierig. Aber eine Herausforderung. Wir müssen in einem ersten Schritt die Punkte wieder in unseren Heimspielen gewinnen.

Sie pflegen gute Beziehungen zu Ihrem ehemaligen Verein Borussia Dortmund. Ist es denkbar, Talente leihweise zu verpflichten, die noch nicht reif sind für die Bundesliga?

Wenn ich einen Felipe Santana hätte kriegen können – ja klar. Aber bei aller Bescheidenheit, ich weiss nicht ob Dortmunds Innenverteidiger Nummer sechs für den FC Luzern reicht. Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind.

Sie haben gesagt, die Investoren seien bereit, Geld für Transfers bereitzustellen. Die Bandbreite ist gross. Wo hört sie auf?

In meinem gesunden Menschenverstand. Indem ich weiss, in welchen Dimensionen sich der FC Luzern bewegen kann und muss.

Sie sagen, sie können nach «Ihrem gesunden Menschenverstand» handeln – haben die Investoren grenzenloses Vertrauen in Ihre Arbeit?

Korrekt ist: Wenn ich einen Spieler verpflichten will, präsentiere ich Ihnen den Namen. Und trage Ihnen die sportlichen Argumente vor. Dann wird entschieden.

Wir erwarteten, dass Mario Eggimann zum FC Luzern wechselt. War es ein bewusster Verzicht, weil er ein guter Freund von Ihnen ist?

Mario Eggimann hat sich für Union Berlin entschieden, das ist der einzige Grund. Ich hätte ihn geholt.

Zurück zu den Investoren: Seit Sie beim FC Luzern arbeiten, gab es keine öffentlichen Heckenschüsse mehr von Bernhard Alpstaeg . . .

Ich hoffe, das liegt nicht nur an den guten Resultaten. Sondern auch wirklich am Vertrauen an unserer guten Arbeit.

Muss das noch bewiesen werden?

Nein, ich weiss, man hat aus der Vergangenheit gelernt.

Haben Sie dieses heikle Thema angesprochen?

Das muss ich nicht. Ich pflege mit Walter Stierli einen regen Austausch.

Und mit Bernhard Alpstaeg?

Mit ihm hatte ich noch nicht regelmässig zu tun.

Daniel Gygax ist unter Carlos Bernegger aufgeblüht. Waren Sie überrascht, dass er nicht fürs Nationalteam aufgeboten wurde?

Es waren wohl in der Summe zu wenig starke Spiele hintereinander. Damit sage ich nicht, dass er es nicht verdient hätte.

Und wenn er seine Form in der neuen Saison konserviert. . .

Träumen ist bei ihm erlaubt. Wenn er mindestens zehn Tore schiesst, muss er die Ferien absagen. Dann spielt er noch drei Wochen in Brasilien. Es gibt nicht viele Schweizer Stürmer, die regelmässig spielen und Tore schiessen.

Warum schiesst das Nationalteam keine Tore mehr?

In Zypern hatte die Schweiz auch viel Pech. Viele Spieler müssen nun im Sommer ihre Zukunft regeln, über Spielpraxis das Selbstvertrauen wieder aufbauen – dann geht es wieder vorwärts.

Was erwarten Sie vom Nationalteam in der nächsten Zeit?

Im Normalfall muss es sich für die WM qualifizieren. Etwas anderes wäre überraschend. Bei allem Respekt für die Gegner – in dieser Auslosung erwischte die Schweiz weder aus Topf eins noch aus Topf zwei ein grosses Kaliber.

Es ist erstaunlich, wie es im Umfeld des Nationalteams immer wieder gelingt, die Gegner der WM-Qualifikation starkzureden. Nur wenige trauen sich wie Granit Xhaka, auch einmal einen WM-Halbfinal als Ziel auszugeben.

Dass dies nicht überall gut ankommt, ist mir klar. Aber ich sehe nicht ein, warum man als Schweizer vor einem Turnier sagen sollte: Wir spielen einmal drei Spiele und schauen dann. Schweizer dürfen ambitioniert sein! Ob es klappt, ist etwas anderes. Aber gegenüber der Öffentlichkeit darf man grosse Ziele vertreten. Auch wenn man vielleicht nicht Weltmeister wird.

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