Hängende Köpfe, ratlose Gesichter, leere Blicke. Der FCB ist gezeichnet vom historisch frühen Aus auf europäischem Parkett. Spieler, Trainer und Staff wirken auch am Tag nach dem 0:1 gegen Apollon Limassol fassungslos, geschockt. Denn damit hat niemand gerechnet.

Europa ohne Basler Beteiligung? Das gab es zuletzt vor 15 Jahren. Zwei Tage zuvor hat Meister YB erstmals die Qualifikation für die Champions League geschafft. Und dann scheitert der FCB an einer Allerweltsmannschaft.

In nur anderthalb Jahren haben sich die Realitäten im Schweizer Fussball komplett verkehrt. YB, das war einmal der Inbegriff des Scheiterns, «veryoungboysen» die dazu passende Wortschöpfung – Basel dagegen stand für Erfolg, national wie international, der FCB war der Vorzeigeklub schlechthin, das Zugpferd des Schweizer Fussballs.

Verbaselt

Und FCB-Sportchef Marco Streller meinte kurz vor seinem Amtsantritt im Hinblick auf das von Präsident Bernhard Burgener präsentierte Konzept «Für immer Rotblau»: «Im Moment ist der Abstand zu YB so gross, dass man dieses Risiko eingehen kann.» Das Risiko, das Kader «zu verkleinern, zu verjüngen und zu verbaslern», wie es Raphael Wicky, der zur Umsetzung des Konzepts auserwählte Trainer, einmal auf den Punkt bringen sollte.

«In der Kabine war es sehr lange, sehr ruhig»

«In der Kabine war es sehr lange, sehr ruhig»

Fabian Frei nach dem historischen Aus gegen Apollon Limassol.

Die Zeiten haben sich geändert. Aus «veryoungboyst» wurde «geyoungboyst». So stand es auf dem riesigen Banner, das YB-Anhänger am Tag nach dem Meistertitel am Berner Münster flattern liessen. «Geyoungboyst» haben die Berner auch die Partie gegen Dinamo Zagreb.

Doppelt unterstrichen haben die Young Boys das neue Wort mit dem Auswärtssieg im Maksimir Stadion in Kroatiens Hauptstadt am Dienstag. Derweil «verbaselt» der FCB die Qualifikation für die Europa League. Gegen eine Mannschaft, die im Klubranking mehr als 100 Plätze hinter dem FCB lag. Aber eigentlich muss man das Wort gar nicht anführen, denn es steht so schon im Duden, bedeutet «etwas aus Nachlässigkeit versäumen». Welch Ironie des Schicksals.

Von historischen Erfolgen zum Tiefpunkt

Bloss anderthalb Jahre nach dem Double, ein knappes Jahr nach den historischen Erfolgen in der Champions League ist der Klub am Tiefpunkt angelangt. Man wollte mit einem neuen Konzept mehr Identifikation schaffen. Das gelang phasenweise. Aber unterdessen macht es den Eindruck, als hätte man vor lauter Konzept die Identität verloren.

Ganz nebenbei scheint es, als ob auch das Konzept obsolet geworden sei. Wenigstens gibt es Anzeichen dafür. So wird FCB-Trainer Marcel Koller nicht müde, zu betonen, dass er eine junge, unerfahrene Mannschaft habe. Schon vor seiner Verpflichtung hatte er diesbezüglich offenbar Bedenken. Auf jeden Fall soll er sich zwei Transfers zugesichert haben lassen. Mehr internationale Erfahrung, mehr Routine, mehr Emotion auch – das wünscht er sich.

Innenverteidiger Carlos Zambrano ist schon gekommen. Der Deal mit FCL-Stürmer Tomislav Juric soll gemäss «blick.ch» in letzter Minute geplatzt sein. Der Australier habe schon die Medizintests gemacht, ehe er vom FCB eine Absage kriegte.

Koller hat den Trainerposten beim FCB angetreten und ein tief verunsichertes Team vorgefunden. Gezeichnet von Niederlagen, Personalrochaden und Trainerwechseln. «Das ist jedes Mal ein Umbruch. Für viele Spieler war das nicht einfach zu verarbeiten», sagt Koller selbst.

Mächtiger Koller

Es sind kritischere Töne, die Koller anschlägt, kritischere Töne, als man es von Wicky gewohnt war. Das liegt auch daran, dass Koller eine andere Position hat im Verein. Seine Verpflichtung war die Abkehr von einer Philosophie, die Bernhard Heusler und Georg Heitz einführten und Basis der goldenen Ära mit acht Meistertiteln in Serie war. Mit der Entlassung von Christian Gross machte man sich unabhängig vom Trainer, schränkte dessen Macht ein.

Marcel Koller ist der Trainer mit der grössten Machtfülle seit Gross, unter dem er einst selbst noch spielte. Denn er kam aus einer Position der Macht, übernahm einen Klub in tiefer Krise, zu einem Zeitpunkt, als die Klubführung längst der Mut verlassen hatte, den sie bei der Stabübergabe im Sommer 2017 noch ausstrahlte.

Marcel Kollers erste Worte als FCB-Trainer

Marcel Kollers erste Worte als FCB-Trainer

Bezeichnenderweise suchte man am Tag nach der Pleite die Klubführung vergebens. Präsident Bernhard Burgener war gar nicht mitgereist. Genauso wenig wie Sportchef Marco Streller, was allerdings geplant war, hätte er doch einen Stürmer verpflichten sollen. Das klappte genauso wenig wie die Qualifikation für die Europa League.

Als Einziger mit dabei war Geschäftsführer Roland Heri. Doch der war schon Stunden vor Team und Presse nach Hause geflogen. Und so ist es Koller, der sagt: «Wir müssen das jetzt zuerst einmal mental verarbeiten und schauen, dass die Mannschaft am Sonntag ab der 1. Minute bereit ist.»

Gegen Thun ist ein Sieg Pflicht

Dann geht’s für den FCB weiter. Thun kommt ins Joggeli. Eine Mannschaft, von der Koller bei seiner Präsentation betonte, dass ihm gefalle, wie sie spiele. Ein gefährlicher Gegner, weil der FCB ihn schlagen muss, aber es ein hartes Stück Arbeit wird.

«Ich bin froh, geht es gleich weiter», sagt Fabian Frei, «hätten wir nun Natipause, müssten wir zwei Wochen jeden Tag lesen, wie schlecht wir sind. Jetzt können wir uns rehabilitieren.» Allerdings gilt: Siegen ist Pflicht. Denn nach dem Thun-Spiel ist Nati-Pause.

Ein Konzept in Brüchen, ein Verein auf der Suche nach sich selbst und eine von all diesen Umwälzungen gezeichnete Mannschaft – wo diese Reise hingeht, das vermag niemand zu prophezeien. Weder Marcel Koller, Fabian Frei noch Marco Streller haben darauf eine Antwort. Auch deshalb ist es Zeit, das Selbstverständnis zu überdenken, Zeit für mehr Demut.

Denn der FCB hat seine über Jahre währende Vorherrschaft im Sommer verspielt. Und wenn er nicht aufpasst und sich schnellstmöglich fängt, wird es der Anfang einer neuen Zeitrechnung, einer gelbschwarzen.