«So einfach ist Polen zu besiegen.» Die Autoren eines deutschen Onlineportals hätten die Schlagzeile über ihrer Taktikanalyse wohl anders gewählt, hätten sie geahnt, was sie auslösen: Von Hooligans wird der Satz als Anstachelung missbraucht für das, was heute passieren soll: Eine Strassenschlacht gegen polnische Gleichgesinnte, die an Klagenfurt 2008 erinnern soll. Damals war es an der EM in Österreich, wo Deutschland und Polen ebenfalls in der Gruppenphase aufeinandertrafen, zu Kämpfen zwischen den beiden Gruppen gekommen, die Beobachter bis heute als mit die schlimmsten der EM-Geschichte bezeichnen.

Englische und Russische Hooligans gehen nach dem Spiel in Marseille aufeinander los

Englische und Russische Hooligans gehen nach dem Spiel in Marseille aufeinander los

Das Spiel heute wird unter höchster Sicherheitsstufe ausgetragen. Also noch strengere Eingangskontrollen und eine noch striktere Trennung der beiden Fanlager. Vielleicht können damit Bilder verhindert werden wie am vergangenen Samstag, als in Marseille russische Hooligans englische Fans auf der Tribüne attackierten. Aber auf das, was vor und nach dem Spiel passiert, hat dies keinen Einfluss: Auf Paris’ Strassen wird es knallen. Heftig. Daran bestehen keine Zweifel, sagen Fanforscher und Polizeivertreter aus beiden Ländern. Hooligans der Kategorien B (gewaltbereit) und C (ausschliesslich Gewalt suchend) werden die Partie als Bühne für ihre Exzesse nutzen.

Das liege an der Vergangenheit, in der deutsche und polnische Hooligans immer wieder Kämpfe austrugen. Vor der EM 2008 war es auch an der WM 2006 in Deutschland zu wüsten Szenen gekommen. Heute bietet sich die nächste Gelegenheit zur Revanche. «Seit Monaten machen Polen und Deutsche auf entsprechenden Online-Portalen mobil», sagt der deutsche Fanforscher Gunter A. Pilz.

Das Problem liege aber auch an den französischen Sicherheitsbehörden, die im Vorfeld der EM jegliche Unterstützungverweigert hätten. Ein deutscher Fanpolizist sagt, die Franzosen blocken alles ab mit der Begründung, sie hätten die Lage schon im Griff.

Die Realität erzählt seit Beginn der EM eine andere Wahrheit: Überall, wo sich gefährliche Fangruppen aufhielten, kam es auch zu Ausschreitungen. Am schlimmsten waren die Bilder aus Marseille, wo Russen und Engländer aufeinander losgingen. Russland spielt seither unter Bewährung: Werden seine Fans im oder ums Stadion nochmals negativ auffällig, werde das Land vom Turnier ausgeschlossen, teilte die Uefa mit. Die Deutschen schlugen am Sonntag in Lille zu, wo sie friedlich feiernde Ukrainer angriffen. Die Polen wüteten am gleichen Tag in Nizza vor dem Spiel gegen Nordirland.

Die EM in Frankreich, das haben die letzten Tage gezeigt, ist ein Paradies für Hooligans: offene Grenzen in Europa, kurzer Reiseweg zum nächsten Spielort, der Fokus der einheimischen Sicherheitsbehörden auf die Verhinderung von Terroranschlägen. So einfach, sich auf der grossen Bühne zu präsentieren, hatten es die Schläger schon lange nicht mehr. Es heisst, die Hooligans aus allen Ländern hauen in Frankreich nochmals richtig auf den Putz, tanken auf, weil danach eine längere Durststrecke anstehe: Wer 2018 nach Russland an die WM will, braucht ein Einreisevisum. Zudem sind russische Sicherheitskräfte bekannt für ihr unzimperliches Vorgehen gegen Gewalttäter.

2020 findet die EM über den ganzen europäischen Kontinent verteilt statt, was die Handlungsschnelligkeit der wie Militärs organisierten Krawallmacher drastisch schmälert. Die WM 2022 trägt Katar aus, wo die Aussicht auf eine Verhaftung selbst erfahrene Hooligans abschreckt. Schlechte Zukunftsperspektiven für die Hooligans.

Darum der Fokus auf diese EM. Auf Paris, wo heute die Deutschen auf die Polen treffen. Eine Affiche, die auf dem Rasen viel Spannung verspricht, Doch die Augen werden sich auf die Strassen richten.