Während der Rest der Mannschaft sich auf dem Balkon feiern lässt, den Fangesänge zuhört und winkt, steht Matías Delgado etwas weiter hinten. Beim Ausgang zum Balkon des Stadtcasinos. An seiner Seite ist Bernhard Heusler. Arm in Arm stehen die beiden da. Geniessen den Moment. In aller Ruhe. Und etwas im Hintergrund.

Es ist dies ein Bild, wie man es an jeder Meister- oder Cupfeier sehen konnte. Der Captain und der Präsident, sie wollten diese emotionalen Momente immer zusammen teilen. Weil sie viel mehr sind als Captain und Präsident. Matías Delgado und Bernhard Heusler sind Freunde geworden. «Mati und ich haben uns immer viel geschrieben. Wir sind uns sehr verbunden», sagt Heusler als wir ihn am Tag nach der Bekanntgabe von Delgados Rücktritt erreichen. 

Matías Delgado erklärt seinen Rücktritt (auf Spanisch)

Matías Delgado erklärt seinen Rücktritt (auf Spanisch)

Ein Rücktritt, der für Heusler nicht ganz so überraschend kam wie für viele andere. Vorinformiert habe Delgado ihn nicht, auch Heusler weiss es erst seit Sonntagabend definitiv. Aber Heusler sagt auch: «Er hat sich solche Gedanken schon länger gemacht. Es war eine ähnliche Situation wie jene bei Marco Streller. Ich hatte mit beiden sehr ähnliche Gespräche zu diesem Thema, weil sie auch beide sehr ähnliche Typen sind. Mati ist wie auch Marco Streller einer, der sich auch neben dem Feld sieht, der nicht einfach seinen Egoismus als Fussballprofi ausleben will. Er hat sich immer als Teil des Ganzen gesehen.»

Teil von Heusler/Heitz, nicht Burgener/Streller

Nur war Matías Delgado Teil des Ganzen, dessen Köpfe Bernhard Heusler und Georg Heitz hiessen. Und nicht Bernhard Burgener und Marco Streller, auch wenn Letzterer ein sehr enger Freund des Argentiniers und einer der Hauptgründe für dessen Rückkehr 2013 war. Aber mit Heusler und Heitz ist es anders. Sie waren sein Präsident und sein Sportchef. Mit Heusler tauschte er sich fortwährend aus. «Die intensivste Zeit war im Sommer 2006 vor seinem Wechsel. Aber auch danach Der Kontakt ist auch danach nie abgebrochen, wir haben ihn immer aufrecht erhalten.» 

An seiner Abschiedspressekonferenz bedankte Delgado sich unter Tränen auch noch einmal explizit bei Heusler und Heitz, weil sie ihm die Chance gaben, noch einmal auf höchstem europäischem Niveau zu spielen. Weil er ihnen unheimlich viel zu verdanken hat. 

Umso härter traf es den sensiblen, feinfühligen Menschen Delgado, als er erfuhr, dass Heusler und Heitz gehen. Im Sommer. Ohne ihn. Und vor allem, ohne ihn vorher eingeweiht zu haben. Unter anderem für die Beiden hatte er seinen Vertrag verlängert, wie er in einem Gespräch mit der bz erzählte. «Hätten sie mir gesagt, komm, wir gehen alle zusammen, dann hätte ich das gemacht», sagte ein sichtlich trauriger Delgado.  

Heusler sieht seinen Abgang und jenen des restlichen Verwaltungsrats aber nicht als Grund für Delgados nun vorgezogenes Karriereende. «Es ging nur noch um ein Jahr, und erst noch eines, in dem mit Marco Streller jemand Sportchef ist, dem er sehr vertraut. Das waren andere Faktoren.»

Ein Zeichen von Klasse 

Der Ex-FCB-Präsident verfolgte die Pressekonferenz, obwohl er im Ausland weilte. Und war beeindruckt. «Es spricht für seine Persönlichkeit und seine Klasse, wie er aufgetreten ist. Es hat mir einerseits weh getan, seine Tränen zu sehen. Aber andererseits waren es keine Tränen aus Verzweiflung, weil einem etwas genommen wird, sondern Tränen aufgrund eines Entscheides, den er gefällt hat und den er sich sicher genau überlegt hat.» Er selber habe diesen Moment vor nicht allzu langer Zeit selber auch durchlebt. «Es tut weh, wenn man etwas, das einem so viel gegeben hat im Leben, hinter sich lässt. Es waren sicher auch Tränen der Rührung, weil er die Liebe und die Dankbarkeit so stark gespürt hat, wie man das sonst selten tut.»

Wie herb der Verlust von Matías Delgado ist, sei schwer zu sagen. «Er ist einer dieser Spieler, der zu einer Legende des Clubs geworden ist. Einer, der dem Fussball gut tut. In meiner Zeit war er sicher einer der Grössten. Und er ist einer dieser Spieler, die der Grund dafür sind, dass wir den Fussball so lieben. Er hatte dieses Unberechenbare, Künstlerische und Spielerische. Und er hatte, ohne jemanden zu nahe treten zu wollen, wie ganz wenige diese Kombination aus Loyalität, Menschlichkeit, Demut und der Verantwortung, die er auf dem Platz immer übernommen hat, vor allem wenn es schwierig war. Das ist Gold wert und nicht trainierbar.» 

Das letzte Relikt geht 

Einen Moment mit Delgado heraus zu picken, sei schwer. Da sei beispielsweise der erste Titel, den der Argentinier nach seiner Rückkehr geholt hatte nach einem schweren Jahr. Oder das erste Mal, als er den Pokal als Captain in die Höhe hatte stemmen können. Kaum zu übertreffen sei aber etwas anderes: «Einer der absolut schönsten Momente war das Tor zum 1:0 im Cupfinal. Ich habe in der Pause noch mit einem Buben zusammengestanden, der Mati gut kennt, und er sagte mit einer absoluten Sicherheit, dass Mati das Tor zum 1:0 machen wird. Und als er es dann tatsächlich machte hatte ich Hühnerhaut und mochte es im unheimlich gönnen.»

Die Muttenzerkurve stürmt die Pressekonferenz, bei der FCB-Captain Delgado seinen Rücktritt bekannt gibt.

Die Muttenzerkurve stürmt die Pressekonferenz, bei der FCB-Captain Delgado seinen Rücktritt bekannt gibt.

Es passt, dass dies  der letzte grosse Moment des Fussballers Matías Delgado war. Mit seinem Rücktritt geht vielleicht das allerletzte Relikt der Ära Heusler-Heitz verloren. Ein Anachronismus im modernen Fussball. Einer, der lieber in Ruhe und im Hintergrund geniesst, statt Fotos auf dem Balkon zu schiessen. Weil Matías Delgado einer ist, «der den Fussball in seiner Essenz liebt, und nicht des Kommerzes wegen."