FC Basel

Delgados erstes grosses Interview seit dem Rücktritt: «Eine Droge, die dich nicht in Ruhe lässt»

Matías Delgado leitete den letzten Cup-Sieg gegen den FC Sion ein: Jenen, der den FCB zum Cuspieger 2017 machte. Kurz drauf trat er überraschend zurück. Eineinhalb Jahre ist das her. Jetzt spricht er erstmals ausführlich über sein Leben ohne Fussball, seinen neuen Job und seine Zukunftspläne.

Matías Delgado trägt einen Turban. Nach einem Zusammenprall soll dieser das Blut stoppen. Noch auffälliger als der blaue Druckverband um seinen Kopf aber ist die Freude. Diese nie zuvor so gross gewesene Freude.

Matías Delgado schaut sich ein Bild an, welches diesen Moment zeigt. Es liegt vor ihm. Und er beginnt zu lächeln. «Ich sehe pures, enormes Glück. Verbunden mit so vielen Opfern, die erbracht werden mussten. Wenn ich dieses Bild sehe, denke ich an die Wichtigkeit, welche ein Final gegen Sion im Cup hat. Und daran, dass dieses Spiel das bedeutendste und schönste in meiner ganzen Karriere war.»

Wieso war dieses Spiel das schönste Ihrer Laufbahn?

Matías Delgado: Es war das letzte Spiel, in dem ich auf dem Platz ich selber war. Ganz tief in mir drin, da ahnte ich damals schon, dass meine Karriere enden würde. Niemand wusste das zu diesem Zeitpunkt, nicht einmal ich. Das habe ich erst nach meinem Karriereende gemerkt. Aber es war nicht nur deshalb so speziell.

Wieso auch?

Nach zwei Cupfinals, in denen ich nur eingewechselt wurde, war es das erste Mal, dass ich in einem solchen Spiel für den FC Basel in der Startelf stand. Nie konnte ich in einem Cupfinal eine wichtige Rolle spielen. Genau das willst du aber, wenn du einen Verein so sehr liebst. Die Gefühle, die ich für diesen Verein habe, sind etwas Spezielles. Ich verspürte immer sehr, sehr grosses Glück, wenn ich mit dem FCB gewann. Aber auch sehr, sehr grosse Trauer, wenn wir verloren. Es passiert nicht jedem Fussballer, dass er ein Team findet, das solche Emotionen in ihm auslöst und ihn so bewegt. Mir aber ist es zum Glück passiert. Ich bin ein emotionaler Typ, das kommt noch dazu.

Sie haben das erste Tor erzielt und standen damit am Anfang vom Ende des Sittener Mythos.

Das war etwas, was in meiner Karriere fehlte: Einmal Protagonist zu sein in einem so bedeutenden Spiel. Das hatte ich immer in meinem Kopf, es bis zu diesem Zeitpunkt aber nie geschafft. Gegen Sion ist mir das gelungen und ich habe erst noch ein Tor erzielt. Das war gefühlsmässig immens. Deshalb ist dieses Spiel von den Emotionen her das Beste meines Lebens. Für meine Geschichte als Fussballer bedeutet es alles.



 

Für Delgado ist dieses Spiel noch spezieller, weil er es beinahe verpasst hätte. Am Tag zuvor hatte er solche Schmerzen in seinem rechten Fuss, dass das Verpassen seines grossen Spiels wahrscheinlicher war als eine Teilnahme. Delgado benötigte eine Spritze in die Fusssohle, um die muskulären Problem in irgendeiner Weise erträglich zu machen. «Ich darf dieses Spiel auf keinen Fall verpassen.»

Wieso?

Ich hatte extra meinen Vater aus China, wo er lebt und arbeitet, einfliegen lassen. Und dann hatte ich solche Schmerzen. Aber mit der Injektion und dem Adrenalin war es aushaltbar. Sonst wäre er für nichts angereist.

Der Rest ist Geschichte. Sie haben die Emotionen angesprochen. Ist es das, was Sie seit Ihrem Rücktritt am meisten vermissen?

Ja. Es macht mich glücklich, dass ich solche Momente erleben durfte. Aber es macht mich umso trauriger, dass ich sie jetzt nicht mehr in meinem Leben habe.

Gibt es etwas, womit sie diese Emotionen in Ihrem jetzigen Leben aufwiegen können?

Nein. Es existiert nichts, was das jemals ersetzen könnte. Gar nichts.

Sie spielen aber immer noch Fussball.

Ja, bei den Senioren von Dornach. Natürlich macht das Spass. Ich liebe es einfach, Fussball zu spielen. Aber so wird es nie mehr sein. Ich werde nie mehr auf diesem Niveau spielen. Wissen Sie, das Leben in der Kabine, das vermisse ich auch. Aber das kann man einfacher ersetzen, mit guten Freunden im Leben. Aber das, was auf dem Feld passiert, das gibt es nicht zwei Mal.

Wären Sie gerne noch immer aktiver Spieler?

Ich würde das Fussballerleben gegenüber dem des Rentnerlebens bevorzugen. Ich vermisse es extrem. Ich lebe jetzt ein komplett anderes Leben.

Matías Delgado (Mitte) und Marco Streller (rechts) sind seit ihrer gemeinsamen Zeit als Spieler beim FC Basel gute Freunde. Und sie sind dies auch geblieben, als Streller Delgados Chef wurde.

Matías Delgado (Mitte) und Marco Streller (rechts) sind seit ihrer gemeinsamen Zeit als Spieler beim FC Basel gute Freunde. Und sie sind dies auch geblieben, als Streller Delgados Chef wurde.



Es gab eine Phase, in der sich Matías Delgado ernsthaft mit einem Comeback auseinandersetzte. Gespräche gab es keine, er ist nie auf FCB-Sportchef und seinen guten Freund Marco Streller zugegangen, hat nie über dieses Thema mit ihm gesprochen, «weil ich nicht zum FCB zurück gekonnt hätte. Es hätte mir nicht mehr gereicht.»

Welche Gedanken haben Sie sich genau gemacht?

Du bist verwirrt, überlegst, ob du zurückwillst. Ich denke, das ist ein normaler Prozess bei Fussballern, die zurückgetreten sind. Vielleicht wäre es schön gewesen …

Aber?

Ich hatte wirklich Lust, wieder diese Gefühle auf dem Platz zu haben. Aber man muss auch an die Opfer denken, an das, was du dann nicht mehr tun kannst. Wenn du zurückkommst, dann musst du dich dem wieder komplett verschreiben und es auch ernst nehmen. Dann musst du durch und durch wieder Profi sein. Ich denke, es wäre nicht wirklich vernünftig gewesen. Aber ganz ehrlich: Ich weiss es nicht.

Dafür haben sie jetzt erstmals in Ihrem Leben – seit dem Entscheid Marcel Kollers, dass Sie keinen Platz im Trainer-Staff haben – Ihre Freiheit.

Ich habe drei Kinder zu Hause, ganz frei bin ich also nicht, da gibt es immer etwas zu tun (lacht). Ich möchte ausserdem betonen, dass ich seine Entscheidung verteidige. Ich verstehe ihn komplett. Als Trainer will man mit seinen Vertrauensleuten zusammenarbeiten. Er kannte mich nicht, daher ist dieser Entscheid sehr korrekt. Ich bin auf niemanden wütend. Aber ja, ich bin zum ersten Mal frei und ohne Strukturen.

Matías Delgado mit seiner Frau Laura, Roger Federer und seinen Kindern Victoria, Nicolas und Dolores.

Matías Delgado mit seiner Frau Laura, Roger Federer und seinen Kindern Victoria, Nicolas und Dolores.

Und das gefällt Ihnen.

Ich bin in vielen Dingen in meiner Zeit hier schweizerisch geworden. So ist eine Fahrt nach Sion ist für mich extrem weit. Obwohl man in meiner Heimat Buenos Aires nach drei Stunden Fahrt noch nicht einmal aus der Stadt raus wäre. Aber die Strukturen, das ist etwas, was ich nie adaptiert habe. Ich habe sie meiner Kinder wegen. Aber für mich alleine würde ich das nicht brauchen.

Gewisse Strukturen hat Matías Delgado aber auch beruflich noch. Denn ohne die ganz grosse Aufmerksamkeit hat er beim FCB eine Funktion als Jugendscout übernommen. Schweizweit sucht er nach neuen Talenten, bekommt monatliche Pläne von seinen Chefs und weist diese darauf hin, wo es hinzuschauen gilt. Sportchef Marco Streller attestiert ihm hervorragende Arbeit. Und Delgado sagt, bereits sehr viele Talente erspäht zu haben.

Wo sind Sie auf Talente gestossen?

In der U13 von Congeli. Da gibt es einen, der sehr gut ist. Er heisst Nicolas Delgado (lacht). Er spielt zwar eher auf der Sechs als der Zehn. Aber es wäre ein Traum für mich: Dass ich meinen Jungen in sechs Jahren im Joggeli für den FCB spielen sehe.

Sie sind noch immer eng mit dem Verein verbunden. Werden Sie das Spiel heute in Sion vor Ort verfolgen?

Ich bin auch mit den Jungs noch eng verbunden. Ich sehe sie nicht regelmässig, aber wenn ich mir die Spiele im Joggeli anschaue, gehe ich ab und zu in die Kabine. Oder man schreibt sich, ruft sich an. Ob ich aber das Spiel heute in Sion anschaue, weiss ich noch nicht.

Wieso ist Sion so stark im Cup?

Die ganze Stadt entwickelt eine Dynamik. Das ist kulturell. Es ist ja immer eine andere Mannschaft über die Jahre, aber immer sind sie so stark im Cup. Du spielst gegen sie in der Liga und sie sind ein normales Team. Und kaum geht es in den Cup, sind sie ein anderes Team. Sie haben eine andere Energie, sie haben mehr Kraft. Sie transformieren sich, so, dass es sich tatsächlich anfühlt, als stünde eine andere Mannschaft auf dem Platz.

Was ist denn das Rezept, um Sion im Cup zu schlagen?

Das gibt es nicht, sonst hätten wir auch 2015 zu Hause gegen sie gewonnen! (lacht) Nein, im Ernst. Du kannst dich noch so gut vorbereiten, am Ende passieren so viele unvorhersehbare Dinge. Das ist ja das Schöne am Fussball. Stellen Sie sich vor, Sion hätte damals die erste Chance genutzt … Müsste man ein Rezept schreiben, dann stünde da, dass man mehr als sonst die richtigen Entscheide treffen muss. Dass man mindestens 100 Prozent geben muss und dann auch den Faktor Glück und Persönlichkeit für sich entscheiden muss.

Der FC Basel um Captain Delgado schaffte, was bislang kein Team zuvor geschafft hatte: Den FC Sion in einem Cupfinal zu besiegen.

Der FC Basel um Captain Delgado schaffte, was bislang kein Team zuvor geschafft hatte: Den FC Sion in einem Cupfinal zu besiegen.

Und jemanden haben muss, der tut, was Bernhard Heusler getan hat.

Was hat er denn getan?

In der Kabine zur Mannschaft gesprochen vor dem Spiel. Etwas, was er sonst nie getan hat.

Das wissen Sie?

Ja, das ist bekannt. Nur nicht, was er gesagt hat.

Das war unheimlich emotional. Bernhard ist auf so vielen Ebenen brillant. Er hat eine Motivationsrede gehalten, die uns sein Vertrauen übertragen hat. Gleichzeitig hat er uns den Druck genommen und uns gesagt: tut, was ihr immer tut, dann werdet ihr Sions Serie im Cup beenden. Es war ein Plus, ein Dessert vor dem Gang auf den Rasen. Ich sage ihm das immer wieder. Ich glaube, ich langweile ihn gar damit. (lacht)

Reden Sie mit ihm auch über Ihre Zukunft? Gibt er Ihnen Tipps?

Er sagt mir, dass ich das tun soll, was mich glücklich macht.

Und was ist das?

Das habe ich noch nicht gefunden. Ich bin noch immer auf der Suche.

Liegt Ihr Glück womöglich ausserhalb des Fussballs?

Vielleicht. Aber jetzt mache ich erst einmal meine Trainerdiplome. Ich habe eben erst begonnen mit dem C-Diplom, mein Ziel ist die Uefa-Pro-Lizenz. Ich nehme alles Schritt für Schritt. Aber dieser Weg macht mir momentan am meisten Spass. Gerade wenn du Kinder trainierst, und sie korrigierst, siehst du schnell, wie sie besser werden. Du kannst dein Team spielen lassen, wie du willst. Dieses Gefühl kommt vielleicht ein bisschen an jenes heran, das man als Fussballer auf dem Platz hat. Aber das ist eine Droge, die dich nicht in Ruhe lässt. Es ist eine Sucht.

Wissen Sie schon, wo Sie in Zukunft leben werden?

Bis im Sommer bleibe ich hier, dann schaue ich weiter. Aber das sage ich in jedem Interview, merken Sie das? (lacht) Ich habe einen argentinischen Freund, der auch jedes Jahr sagt, dass er bis im Sommer hier bleibt und dann wohl nach Argentinien geht. Mittlerweile lebt er seit 35 Jahren hier. Vielleicht ist dieser Weg auch meiner.

Nur dass Sie nicht nach Argentinien wollen, oder? Sie betonen immer wieder, wie gefährlich es da ist.

Es ging mir mal durch den Kopf, zurück in meine Heimat zu gehen. Was die Gefahr betrifft: Natürlich ist Argentinien ein Land, in dem man aufpassen muss. Natürlich führt die weit verbreitete Armut zu unschönen Dingen, der Drogenhandel hat ebenfalls seine Schuld. Aber ich würde nicht jedes Jahr dort Ferien machen, wenn es so schlimm wäre. Und schon gar nicht würde ich meine Mama, meinen Bruder, meine Onkel, Tanten und Cousins dort leben lassen, wenn es so schlimm wäre. Dann hätte ich sie längst nach Europa geholt.

Liebäugeln Sie noch immer mit einem Umzug nach Spanien?

Spanien war immer die Mittellösung für uns. Meine Schwester lebt in Madrid, der Bruder meiner Frau in Barcelona und dort haben wir auch viele Freunde. Die Kinder aber wollen hier bleiben. Nicolas und Dolores fühlen sich extrem wohl, die Kleine kann noch nicht mitreden mit ihren fünf Jahren. Es ist schwer, aus Basel wegzugehen, es ist so schön hier. Würde ich aber etwas anderes machen wollen, als im Fussball zu bleiben, müsste ich weggehen. Ich werde Basel immer und Basel mich immer mit Fussball identifizieren.

Dann verraten Sie uns noch etwas Fussballerisches: Wer ist Favorit heute?

Basel! Der FCB ist für mich immer der Favorit. Auch im Cup. Ich vertraue diesem Team. Ich denke, die Mannschaft ist auf einem guten Weg, sie ist stark. Das sind klasse Jungs und klasse Fussballer. Ein Cupsieg würde ihnen helfen, daran zu glauben, wie stark sie sind. Und ein Cupsieg würde den Motor starten, um etwas Neues zu beginnen.

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