Irgendwie fühlt es sich surreal an. Fünf Millionen Zuschauer sahen am späten Mittwochabend aus der Heimat zu, wie die Niederländerinnen ihr Märchen an der WM in Frankreich mit dem Halbfinal-Sieg gegen Schweden weiterschrieben. Fans und Medien feiern die Nationalspielerinnen als Heldinnen, letztere berichten umfangreich wie nie über den Frauenfussball. Getragen von der Euphorie greifen die in wenigen Jahren an die Weltspitze vorgepreschten Europameisterinnen von 2017 bei ihrer zweiten WM-Teilnahme nach dem Titel. Ein Sieg, der 13. in Folge an Endrunden, fehlt der Equipe von Trainerin Sarina Wiegman zum grösstmöglichen Coup.

Das vorerst letzte Kapitel des Höhenflugs der niederländischen Fussballerinnen passt zur speziellen Geschichte der Oranje Leeuwinnen. Mit Jackie Groenen setzte sie in der 99. Minute eine, ihre Liebe zum Fussball mit Verspätung auszukosten begann und die "sonst eigentlich nie aufs Tor schiesst", wie der "Telegraaf" nach dem dritten Treffer im 53. Länderspiel der Mittelfeldspielerin von 1. FFC Frankfurt und künftigen Spielerin von Manchester United süffisant anmerkte.

In ihren jungen Jahren war die 24-jährige Groenen eine Judoka. Auf Nachwuchsstufe gewann sie einige nationale Titel sowie an der EM 2010 Bronze in der U17-Kategorie der Klasse bis 40 Kilogramm. Erst danach setzte sie voll auf Fussball und wechselte ins Ausland. Weil sie vom niederländischen Verband länger nicht berücksichtigt wurde, überlegte sich Groenen zwischenzeitlich, für Belgien aufzulaufen. Nun wurde sie für ihre Geduld belohnt. "Ich denke, Pierre van Hooijdonk ist stolz. Er besteht seit Jahren darauf, dass ich mehr schiesse, wenn ich in diese Position komme", kommentierte Groenen. Der ehemalige Nationalspieler Van Hooijdonk tritt nicht erst an der WM als Experte auf.

Vor zweieinhalb Wochen noch wurde den Niederländerinnen, im FIFA-Ranking als Nummer 8 geführt, ein solcher Wurf nicht zugetraut. Zwar verfügt das Ensemble über mehrere namhafte Spielerinnen, deren zentrale Achse von der Torhüterin Sari van Veenendaal bis zur Stürmerin Vivianne Miedema bei Arsenal in der Premier League zusammenspielt, der besten Liga Europas. Es fehlt jedoch vermeintlich die Breite, was auch die ausgebliebene Rotation im Turnierverlauf erklärt. Die zwei Jahre zwischen der EM im eigenen Land und der WM waren durchwachsen, doch an der Endrunde in Frankreich blieben die Niederländerinnen bislang makellos, wenn auch im Achtelfinal gegen Japan mit reichlich Glück. "Jetzt ist alles möglich", schrieb der "Telegraaf" ungeachtet der krassen Aussenseiterrolle im Final gegen den Titelhalter und Rekordweltmeister USA.