Deutschland
Deutschlands Weltmeister-Schütze: Ein kompliziertes Juwel wird zum Held

Mario Götze schiesst Deutschland zum Weltmeistertitel – es ist eine ungewöhnliche Geschichte vom einstigen Wunderkind, das mit viel Kritik zu kämpfen hatte. Aber auch sonst kennt die Weltmeister-Nati viele Helden-Storys.

Etienne Wuillemin
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Der Schuss ins Glück. Mario Götze trifft zum entscheidenden 1:0.

Der Schuss ins Glück. Mario Götze trifft zum entscheidenden 1:0.

Keystone

Der Ball klatscht an seine Brust. Die Annahme ist perfekt. Und dann: ab ins Glück! Mario Götze schiesst Deutschland zum WM-Titel.

Mario Götze? Wirklich? Mit dem «schwachen» linken Fuss? Und dann, um 23 Uhr 35 ist es dieser schmale Junge, der auch noch den letzten Zweikampf des Spiels gewinnt.

Manchmal ist Fussball absurd. Manchmal schreibt der Fussball Heldengeschichten, wie sie niemand erwartet.

Die Geschichte von Mario Götze ist kompliziert. Kompliziert geworden, das trifft es besser. Denn Götze ist eigentlich ein Wunderkind. Eines dieser Talente, die es nur selten gibt. Auch in einem Fussball-Land wie Deutschland.

Mit Borussia Dortmund verzückt Götze die Fussball-Welt. Er ist Teil eines Teams, das durch Europa rast, in den Champions-League-Final einzieht. Die Niederlage gegen Bayern München verpasst er verletzt.

Aber Götze strebt nach Höherem. Er schockiert die gelb-schwarze Dortmund-Anhängerschaft. Letzten Sommer wechselt er zum Erzrivalen Bayern. Es sollte der Schritt in den Fussball-Olymp sein. Der Wechsel, der Götze in die Liga der Messis, Ronaldos und Ibrahimovics bringt. Doch in München beginnt nicht Götzes Aufstieg, sondern es kommen die Probleme.

Am Scheideweg der Karriere

Pep Guardiola, der Trainer bei den Bayern, vermisst die Gier bei Götze, sich von einem Rohdiamanten zu einem Juwel zu entwickeln. Alle Leichtigkeit, alle Lockerheit, all das Talent von alten Tagen ist manchmal wie weggeblasen.

Bundestrainer Joachim Löw hält im Nationalteam vorerst aber an Götze fest. Aber nach den ersten Spielen bei der WM fragen sich die Kritiker, was Löw in Götze sieht. Er fällt nicht mit Genialität auf, sein Tor gegen Ghana erzielt er mit einer ungewollten Kopf-Knie-Kombination. Ansonsten ist er ein Fremdkörper. In den Deutschen Blättern heisst es: Götze befindet sich am Scheideweg seiner Karriere.

Und jetzt diese Pointe. Dieser Abschluss. Im dritten WM-Final in Serie, der in der Verlängerung entschieden wird. Götze ist Nachfolger von Andres Iniesta, der Spanien vor vier Jahren zum Titel schoss.

Der Einfluss des Monsters

Aber ist es fair, einen einzigen Helden zu erküren? Überragt einer wirklich alle anderen? Nein, natürlich nicht. Der vierte Stern Deutschlands hat viele Zacken, viele Spieler, die dazu beitrugen.

Was hat ein Jérôme Boateng schon für negative Schlagzeilen gesorgt? In entscheidenden Situationen neigte er zu Aussetzern, spielerisch, aber auch schon mit Tätlichkeiten. Und nun diese geradezu absurd starke Leistung, in einem WM-Final. Messi lief und lief und lief, aber Boateng war jedes Mal einen Schritt schneller, schneller in Gedanken auch. Boateng war der beste Mann auf dem Platz.

Als Deutschland im Achtelfinal taumelte, brauchte es einen Manuel Neuer in Beckenbauer-Form. Einen Ball nach dem anderen lief er ab, als wäre er eben ein Libero. Und gab so seinem Team die Chance, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Gegen Frankreich dann stoppte Neuer alles, als wäre er ein unüberwindbares Monster. Selbst gegen Brasilien, als es längst 5:0 stand, wollte er sich einfach nicht bezwingen lassen. Und gestern? Wohl auch deswegen erstarren Higuain und sogar Messi in Ehrfurcht, als sie im Final alleine auf Neuer zulaufen. Es gäbe noch so viele Geschichten zu erzählen.

Um fünf Minuten nach Mitternacht stemmt Philipp Lahm den WM-Pokal in die Luft. Etwas weiter hinten hüpft eine 1,71-Meter Gestalt auf und ab, immer wieder, Mario Götze.