Wettskandal
Dieser Mann steckt hinter dem grössten Wettskandal aller Zeiten

Wettbetrug im Fussball ist ein kriminelles Geschäft geworden, dessen Ausmass inzwischen mit Drogenhandel oder Prostitution vergleichbar ist. Die Drahtzieher sitzen in Singapur, ausgerechnet dort wo die Fifa-Zentrale gegen Wettbetrugs entstehen soll.

Christoph Bopp
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Boss des Singapurer-Syndikats: Dan Tan

Boss des Singapurer-Syndikats: Dan Tan

mafiatoday.com

Zeit, sich Sorgen um den Fussball zu machen. Höchste Zeit. Nicht erst, seit Europol wieder einmal an die Öffentlichkeit trat. Nicht alle Fussballspiele sind manipuliert, aber jedes ist eines zu viel. Es zerstört die Glaubwürdigkeit. Und es ist schlimmer als Doping im Radsport. Dort betrügt der Akteur, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Bei den manipulierten Fussballspielen geht es meist darum, nicht zu gewinnen oder hoch zu verlieren.

«Good news!» beginnt Declan Hill, Autor von «Sichere Siege. Fussball und organisiertes Verbrechen oder wie Spiele manipuliert werden.», seinen Blog-Eintrag. «Vergesst die Kommentare ‹Schwarzer Tag für Europas Fussball› oder ähnlich». Declan Hill hat in Oxford seinen Doktor gemacht über Fussball und organisiertes Verbrechen. Sein Buch strotzt von Geschichten, wie im Sport betrogen wird. Nicht, um zu gewinnen, sondern damit die Wetten stimmen.

Jetzt preist Declan Hill die Arbeit der Polizei. Am letzten Mittwoch klang er eher resigniert. Er berichtete von einem Auftritt bei Interpol in Rom. Dort hatte er gefordert: «Dan Tan muss verhaftet werden!» Hill kann durchaus davon ausgehen, dass man weiss, wer Dan Tan ist. «Dies ist nicht nur Journalisten-Geschreibsel», schreibt er per E-Mail auf eine entsprechende Frage, «sondern sehr, sehr seriöse Polizei-Arbeit, auf die ich mich beziehe.»

Diese seriöse Polizei-Arbeit hat zu einem Haftbefehl geführt. Haftbefehl gegen Dan Tan erlassen haben die ungarische und die italienische Polizei und Interpol ersuchte die Regierung von Singapur, Dan Tan zu verhaften.

Dan Tan ist der Drahtzieher, der Boss eines Syndikats in Singapur, das Fussballspiele selbst manipuliert hat oder hat manipulieren lassen. Und zwar nicht nur in Singapur und Asien, sondern auch in Afrika und Lateinamerika und - wie wir seit einiger Zeit wissen - auch in Deutschland, Österreich, Ungarn, Finnland, Griechenland, Bulgarien, Slowenien, der Slowakei, Kroatien und Serbien, Mazedonien, der Schweiz und vor allem in Italien.

Wer kann so versessen darauf sein, dass die «richtige» Mannschaft ein Fussballspiel gewinnt? Wettbetrug im Fussball ist ein kriminelles Geschäft geworden, von der Grössenordnung durchaus zu vergleichen mit Drogenhandel, Prostitution oder Waffenhandel. Der Umsatz im Sport-Wettgeschäft hat eine Billion Dollar erreicht, 70 Prozent davon entfallen auf den Fussball. Allein in Asien werden zwei Millionen umgewälzt - in der Woche. Eine perfekte Spielwiese für das organisierte Verbrechen.

Begonnen hatte alles in den 90er-Jahren in China. Dort war im Nachgang zur wachsenden Wirtschaft ein gigantischer Wettmarkt entstanden. Und die chinesischen Triaden wollten sich das zunutze machen. Aber dafür brauchten sie Verbindungen in den Westen. Englische Sprache und ein Image weit weniger korruptionsverdächtig, das bot Singapur.

Am schnellsten begriff Wilson Raj Perumal, ein Kleinkrimineller, was das Stündchen geschlagen hatte. Er baute in kürzester Zeit ein Netz auf, das nicht nur Spieler, sondern ganze Vereine und Verbände in den Wettbetrug verstrickte. Seine Spezialität waren «Freundschaftsspiele», vorwiegend zwischen afrikanischen Mannschaften, die wenig Spielgelegenheit haben. Er organisierte alles, Schiedsrichter inklusive. Die dann auch die Penaltys pfiffen, damit das Resultat richtig herauskam.

Aber Perumal übertrieb es. Er wettete selbst, verlor und geriet in Schulden. Schliesslich liess man ihn in Finnland auffliegen. Und dort verpfiff er seinen Boss Dan Tan. Die Indizien verdichteten sich. Haftbefehle folgten.

Und ist Dan Tan jetzt im Gefängnis? Mitnichten. Singapur sagt, gegen ihn liege nichts vor und es liefere seine Bürger nicht aus. Declan Hill vermutet Protektion von höchster Stelle. In einem Land, wo man verhaftet werde, wenn man seinen Kaugummi auf den Boden spucke, sollte es kein Problem sein, einen Grund zu finden, um einen mutmasslichen Kriminellen zu verhaften.

Keineswegs wolle er Interpol-Mitgliedern etwas unterstellen, schreibt Declan Hill in seinem Blog. Aber auffällig sei doch schon, dass die Fifa und Interpol zusammen ein 20-Millionen-Dollar-Zentrum gegen Wettbetrug planen. In Singapur. Und 2014 wolle Interpol einen millionenschweren «Global Complex for Innovation» eröffnen. Ebenfalls in Singapur.

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