EM 2016
Endspiel für die Austria: vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind

Mit grossen Erwartungen sind Österreich und sein Star David Alaba nach Frankreich gereist. Doch es läuft schlecht, und gegen Island droht das Aus.

Markus Brütsch
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David Alaba Key

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So hatte sich David Alaba das nicht vorgestellt. Er, beim FC Bayern München ein unbestrittener Stammspieler und von Trainer Pep Guardiola mit den Worten, «er ist unser Gott» geadelt, hatte sich seine Auftritte bei der EM so ausgemalt: Zeigen, dass ich eine starke Nummer 6 bin und Österreich als Leader zu einer guten Turnierleistung führen kann.

Nach dem 0:2 gegen Ungarn und dem 0:0 gegen Portugal aber herrscht Katzenjammer bei Alaba. Mit einem Pfostenschuss nach 31 Sekunden in die EM gestartet, danach gegen die Magyaren aber keine auffallende Figur mehr, präsentierte er sich gegen Portugal wie von allen guten Geistern verlassen. Die «Kronen-Zeitung» nannte ihn «Totalversager», das Boulevardblatt «Österreich» fragte: «Was ist nur los mit Alaba?», und der «Standard» schrieb: «Er irrte durch den Prinzenpark und lieferte das schlechteste Länderspiel ab.»

DIe 0:2-Niederlage von Österreich gegen Ungarn in Bildern.
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DIe 0:2-Niederlage von Österreich gegen Ungarn in Bildern.

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48-mal ist der 23-Jährige bereits für Österreich aufgelaufen und er hat dabei elf Tore geschossen. Aber es ist tatsächlich kaum vorstellbar, dass er schon einmal so sehr neben den Schuhen gestanden ist, wie am Samstag in Paris. Er, der bekannt für sein präzises Passspiel ist, wies eine Quote von 52,63 Prozent auf. Das heisst, er spielte jeden zweiten Ball in die Füsse des Gegners. Dazu war der Zweikampfwert von 27 Prozent miserabel. Dennoch war das Erstaunen bei Alaba und vermutlich in ganz Österreich gross, als Marcel Koller den Star nach
65 Minuten vom Platz nahm. Fussballlegende Hans Krankl meldete: «Ich hätte Alaba nicht rausgenommen. Auch wenn er schwach war. Er ist ein Ausnahmespieler, immer anspielbar, stark bei ruhenden Bällen, er kann den Ball halten.»

Was in diesem Spiel eben genau nicht der Fall gewesen war. Dass der Teamchef ihn vom Rasen holte, war deshalb alles andere als eine Majestätsbeleidigung, sondern lediglich konsequent. Koller zeigte, dass bei ihm das Leistungsprinzip zählt.

Doch eher der Linksverteidiger?

Alaba aber schmollt seither. Als er durch die Mixed-Zone lief, hatte er die grossen Kopfhörer aufgesetzt. Vielleicht hörte er einen Song seines aus Nigeria stammenden Vaters, der DJ und Popsänger ist. Dass er nur der ARD ein kurzes Interview gab, die lokalen Medien aber stehen liess, spricht nicht für seine Reife. Er, der selber den Anspruch hat, ein Führungsspieler zu sein, muss sich auch in schwierigen Situationen stellen.

Sollte es nur darum gegangen sein, unter dem Einfluss von Emotionen nichts Falsches zu sagen, okay, aber dann hätte er sich ja tags darauf erklären können. Doch der Mann, der in den sozialen Medien bei gutem Wetter sehr aktiv ist und bei Facebook, Twitter und Snapchat 7,1 Millionen Follower hat, igelt sich ein. Mit Koller hatte es am Sonntag noch ein Vieraugengespräch gegeben. «Er ist ein Spieler, den wir brauchen. Er muss sich absolut keinen Kopf machen», sagte der Schweizer. «Aber er hat bei Bayern die meisten Spiele absolviert und es ist einfach nicht möglich, jeden Tag auf dem besten Niveau zu spielen. Er darf bloss nicht zu viel wollen.»

Natürlich wird fleissig über Alabas Position auf dem Platz debattiert. Lange Zeit war es überhaupt kein Problem, dass er bei Bayern zumeist Linksverteidiger spielte und in der Nationalmannschaft im Zentrum des defensiven Mittelfeldes. Nach der Verletzung von Spielmacher Junuzovic hatte Koller Alaba aber auf die «Zehn» vorrücken lassen. Der frühere Bayern-Trainer Jupp Heynckes sagte: «Ich sehe David nach wie vor nicht als zentralen Spieler. Er ist der ideale Linksverteidiger.» Dies wiederum sieht Alaba anders, er möchte dem neuen Bayern-Trainer Ancelotti beweisen, dass er zentral im Mittelfeld gut aufgehoben ist.

Verrückt: Aus Everybody’s Darling, aus dem grossen Stolz und Hoffnungsträger, ist innerhalb einer knappen Woche ein Sorgenkind geworden. Natürlich wird Koller es gegen Island aufstellen. Aber es sind Taten gefragt. Nur der Sieg zählt.