Es ist mehr als ein Wettbewerb, erst recht mehr als ein Spiel. Für die Fanatiker, und davon gibt es in diesem Tal nicht wenige, hat er eine religiöse Bedeutung. Glauben oder nicht ist keine Frage, sondern ein Bekenntnis zur Heimat oder eben nicht.

Olivier, der im Zentrum von Martigny rauchend vor einer Bar steht, sagt: «In den Tagen vor einem Cupspiel des FC Sion geht es meinem an Alzheimer erkrankten Grossvater viel besser als sonst. Und wenn Sion gewinnt, hält der Zustand noch einige Tage an.» Legende oder nicht? Nein, eine Glaubensfrage.

Und natürlich glauben sie alle an ihren FC Sion. Zweifel? In diesem Wettbewerb? Das überlassen die Menschen aus dem Tal den Üsserschwiizern. Auch wenn der heutige Gegner im Viertelfinal aus Basel kommt. Oder vielleicht erst recht. Was bleibt denn sonst?

«Lieber sterben als verlieren»

Der Glaube an einen Cupsieg ist alternativlos. Die Meisterschaft haben sie vor über 20 Jahren gewonnen. Und wenn die Spieler im Hotel ihres Präsidenten, dem Port d’Octodure am Fuss des Grossen St. Bernhard, das gleichzeitig als Architekturbüro und Hauptsitz des FC Sion dient, im Untergeschoss zur MannschaftsKabine gehen, wissen sie, was zu tun ist. 13 Sterne mit der jeweiligen Jahreszahl für die 13 Cupsiege sind an die Wand gemalt. Dazu der Slogan: «Lieber sterben als verlieren».

Eine Frau mittleren Alters bittet uns in ein Zimmer dieses 80er-Jahre-Baus mit seiner willkürlichen Formensprache. «Christian ist zwar noch am Telefon, aber nehmen Sie ruhig Platz.» Ein langer Holztisch. Je vier dick gepolsterte Ledersessel an den Längsseiten. Ein Flipchart. Etliche Architekturmodelle in Plexiglaskasten. Ein Schwedenofen in der Ecke. Ein Gemälde einer nackten Frau an der Wand. Zwei Pixel-Porträts seiner selbst am Boden. Eine Lampe hängt bedrohlich schief. Kein Computer, kein Tablet, das einzige elektronische Gerät an seinem Ohr. Constantin bespricht sich mit einem Handwerker. «Ça va, Messieurs?»

Analog und Quantität

Bevor wir die Gegenfrage stellen können, krallt er sich ein Blatt Papier, nimmt einen dicken Filzstift in die Hand und notiert Namen von ehemaligen Sion-Spielern. Cunha, 19 Millionen. Am Schluss sind es acht Namen. Dann hebt er die Augenbrauen, schaut sich suchend um. Tastet unter den Papieren. Und kramt mit einem Ausdruck von Genugtuung einen Taschenrechner hervor. Er tippt, greift wieder nach dem Filzstift und schreibt unter die Namen die Zahl 57.

«57 Millionen habe ich durch Spielertransfers in den vergangenen etwa dreieinhalb Jahren eingenommen. Und an einigen dieser Spieler wie Cunha oder Edimilson bin ich noch immer beteiligt. Ich glaube, nicht mal der FC Basel hat in diesem Zeitraum eine derart gute Bilanz vorzuweisen.»

System Constantin: analog und Quantität. Nicht umsonst stehen weit über 30 Spieler aus 13 Ländern – etliche davon 20 oder knapp drüber und ohne Auslanderfahrung – auf der Payroll. Die einen wie Cunha (Leipzig) oder Konaté (Amiens) reüssieren und Constantin kann sie mit viel Gewinn verkaufen. Andere verschwinden still und leise, weil sie gar nie aufgetaucht sind.
Für Constantin ist das Businessmodell des Durchlauferhitzers unabdingbar. Einerseits, weil er sonst noch mehr auf eigene Rechnung bezahlen müsste. Andererseits, weil grosse Investitionen anstehen.

Der Klub aus den Bergen

Er krallt sich ein paar Dossiers, die auf dem Tisch verteilt sind. Eines zeigt Pläne für den Umbau des Stade de Tourbillon. Kostenpunkt: 7 Millionen Franken. Dabei soll die Umgebung aufgepeppt und die Ecken des Stadion geschlossen werden, wodurch die Kapazität 16 000 Sitzplätze beträgt. Und Logen? «Auf keinen Fall», sagt Constantin. «Ich mag keine Logen. Ausserdem habe ich gar nicht das Publikum für Logen. Schliesslich sind wir der Klub aus den Bergen. Hier leben keine VIPs.»

Weiter soll ein neuer Campus für die Nachwuchs-Teams in Riddes entstehen. Und, für Trainer Murat Yakin weit drängender, soll die Trainings-Infrastruktur in Martigny noch dieses Jahr verbessert und erweitert werden. Insgesamt rechnet Constantin mit Investitionen von 46 Millionen Franken.

«J’aime Murat»

Die Pläne sind nicht neu. Aber die Dringlichkeit. Denn für Constantin ist Murat Yakin, was ein Trainer in den Augen seines Präsidenten sein sollte: Ein Sparringpartner auf Augenhöhe; ein Trainer, mit dessen Ideen und Vorstellungen er sich intensiv auseinandersetzt; ein Trainer, den er ernst nimmt und dem er mehr bieten will als einen Schleudersitz. «J’aime Murat», sagt Constantin, der in 20 Jahren als Sion-Präsident 48 Mal den Trainer gewechselt hat.

Allein die Biografien von Constantin und Yakin weisen erstaunlich viele Parallelen auf. Beide starten weit unten ins Leben. Constantin, Sohn eines Bauarbeiters, verliert früh seine Mutter, Yakins Vater verlässt die Familie, als er acht ist. Constantin ist der Aussenseiter, Yakin der Türkenbub. Constantin ist früh auf sich allein gestellt, Yakin als Ältester bald in der Vaterrolle – umso mehr, weil seine Mutter kaum Deutsch spricht. Constantin widmet seinem Vater jedes Jahr an seiner Gala ein Lied. Yakins Mutter Emine reist auch mit 85 noch immer überall mit dem Zug hin, wo die Mannschaft ihres Sohnes gerade spielt.

Verwandlungskünstler

Verständlich, dass sich die beiden im Wesen und Wirken ähnlich sind: einnehmend, gutherzig, aber auch verletzlich. Beide sind charismatisch. Beide strahlen eine Aura aus, als würden sie über den Dingen stehen. Sie sprechen unaufgeregt, achten auf die Wortwahl. Sie wirken souverän und verblüffen gleichwohl mit Selbstironie. Sie sind bodenständig, leisten sich aber viel Luxus. Sie sehnen sich nach Anerkennung. Doch sie sind gnadenlos, wenn sie sich unverstanden fühlen. Denn ihr Blut ist heiss.

Die Haut des kleinen Jungen haben sie bis heute nicht abgestreift. Sie sind Verwandlungskünstler: Mal desperater Gambler, mal verspieltes Schlitzohr, mal eiskalter Regent. Und trotzdem schaffen sie es, sich selber zu bleiben. «Wir sind beide Lateiner», sagt Constantin. «Und wissen Sie: Das Wallis und die Türkei stehen sich nahe. Schliesslich hiess Istanbul früher Constantinopel.»

«Yakin erinnert an Ancelotti»

Konstantin der Grosse. So fühlte er sich, als er am 7. Januar seinen 62. Geburtstag feierte. Zu seiner Überraschung mit der gesamten Mannschaft. Yakin und sein Assistent Marco Otero luden ihn ein und beglichen die Rechnung. Constantin schiebt seinen Oberkörper über den Tisch und sagt mit verschwörerischem Tonfall: «Écoutez! Nie zuvor wurde ich je von einem Trainer zu irgendetwas eingeladen. Yakin hat Herz und Klasse.» Und nie zuvor verlängerte er den Vertrag eines Trainers vor Vertragsablauf. Yakin unterschrieb Ende Januar bis Sommer 2021.

«Yakin hat Verantwortungsgefühl», sagt Constantin. «Er ist charismatisch und verliert nie den Kopf. Er hat mehr Gelassenheit als Lucien Favre und ist taktisch cleverer als Christian Gross. Er erinnert mich an Carlo Ancelotti. Und an Alberto Bigon.» Der Italiener war es, der Constantin 1997 den bislang einzigen Meistertitel bescherte.

Ein seriöser Geschäftspartner

Tempi passati: Was Constantin in diesen Tagen elektrisiert, ist die Cup-Partie gegen den FC Basel. Noch immer fühlt er sich von Schiedsrichter Alain Bieri betrogen, weil dieser vor eineinhalb Wochen im St. Jakob Park «einen Penalty für Basel erfunden hat. Aber wir sind es uns leider gewohnt. In Basel und in Bern wird anders gepfiffen als überall sonst in der Schweiz.»

Und was ist mit Ressentiments gegen Basel? «Écoutez! Als kleiner Junge habe ich Karli Odermatt und seinen FCB bewundert.» Und heute? «Ist der FCB ein seriöser Geschäftspartner.» Der zuletzt Constantin aber seinen besten Spieler, Pajtim Kasami, abwerben wollte. «Basel hat viel geredet, aber keine Offerte gemacht. Der Sportchef, Marco Streller, hat mich angerufen und gesagt, er könne nicht 5 Millionen für Kasami bezahlen. Ich erwiderte: Okay, mit 4 999 999 Franken bin ich zufrieden.»

Nachtragender Constantin

Hängen geblieben ist wegen der Kasami-Geschichte nichts. Zumindest nicht bei Constantin. Aber nachtragend kann er trotzdem sein. Seit Juli untersagt er allen Journalisten und Fotografen der Walliser Zeitung «Le Nouvelliste» den Zutritt zum Stadion und den Kontakt zu Exponenten des FC Sion. Warum? «Weil der Chefredaktor ständig nur gegen mich polemisiert», sagt Constantin. «Écoutez! Für meine Gala wollte ich Alain Delon einladen. Als er absagte, war es dem ‹Nouvelliste› eine grosse Geschichte wert. Dass es mir aber gelang, als Ersatz Gérard Depardieu einzuladen, wurde mit keiner Zeile erwähnt.»

Und dann kramt er ein Foto aus der Hosentasche und zeigt ein Bild. Depardieu mit nacktem Oberkörper irgendwann in den frühen Morgenstunden. «Allors!» Er schält sich aus dem Sessel, reicht die Hand. Denn er will noch mit Roland Collombin auf die Piste.

«Der Genuss mit Constantin»

«J’aime Murat», bei aller Bewunderung: Der Oberrichter in Sion heisst weiterhin Totomat. Und die Aufgabe, die Yakin gestellt bekommt, ist nicht einfach. Dass seine Frau mit den beiden Töchtern im Raum Zürich wohnen bleibt, ist Part of the game und belastet ihn nicht. Dass er in Sion unter Erfolgsdruck steht, wenn immer möglich den Cup gewinnen soll, ist für ihn auch keine neue Situation.

Dass in Sion ein Präsident im Amt ist, der selbst dann präsent ist, wenn er nicht anwesend ist, findet er spannend, «weil Constantin sich im Gegensatz zu anderen Präsidenten wirklich und intensivst mit Fussball beschäftigt». Dass der Präsident die Nähe zu seinem Trainer sucht, wohlwissend, dass die Stimmung jederzeit kippen kann, verunsichert ihn auch nicht. «Als wir in Lugano spielten, schauten Constantin und ich in der Hotel-Lobby auf dem Tablet ein Premier-Leauge-Spiel, ohne irgendein Wort zu reden. Ich habe es genossen.»

Eine knifflige Aufgabe

Und dass Constantin kein Deutsch und er selbst nicht wahnsinnig gut Französisch spricht, sieht Yakin nicht als mögliche Problemzone. Yakin sagt: «Mein Französisch reicht für das, was ich mit ihm besprechen muss. Denn im Gegensatz zu anderen Stationen muss ich hier keine Politik machen. Ich kann mich einzig auf den Fussball und meinen Job als Trainer konzentrieren. Einzig darüber spreche ich mit Constantin.»

Doch die Aufgabe ist knifflig. Denn Yakin ist ein Trainer, der gerne einer Linie folgt. Das ist in Sion mit diesem heterogenen Team nicht einfach. Ob er im Wallis Erfolg haben wird, ist deshalb weniger eine Frage seiner Qualitäten als Trainer. Eher ist er als Vermittler seiner Ideen gefragt. Wenn es ihm gelingt, Constantin von konzeptionellem Handeln zu überzeugen, ihn davon abzubringen, weiter auf das Prinzip Hoffnung zu setzen und scheinbar wahllos Brasilianer und Afrikaner en masse zu verpflichten, kann es gut kommen. Aber nur dann.

Die letzten, wirklich heissen Duelle zwischen dem FC Sion und dem FC Basel:

7. Juni 2015
13. Cupfinal, 13. Sieg

Am 7. Juni 2015 gewann der FC Sion den Cupfinal gegen Basel dank Toren von Konaté, Edimilson und Carlitos 3:0. Es war der 13. Sieg von Sion im 13. Final. Von den 35 674 Zuschauern im St. Jakobpark war mindestens die Hälfte aus dem Wallis. Die Sion-Fans waren von Beginn völlig losgelöst, und so spielten ihre Lieblinge auch.

Am 7. Juni 2015 gewann der FC Sion den Cupfinal gegen Basel dank Toren von Konaté, Edimilson und Carlitos 3:0. Es war der 13. Sieg von Sion im 13. Final. Von den 35 674 Zuschauern im St. Jakobpark war mindestens die Hälfte aus dem Wallis. Die Sion-Fans waren von Beginn völlig losgelöst, und so spielten ihre Lieblinge auch.

25. Mai 2017
1. Cupfinal-Niederlage

Am 25. Mai 2017 verlor der FC Sion erstmals einen Cupfinal. Mit der ersten Niederlage im 14. Cupfinal gegen den FC Basel (0:3) in Genf ging eine grossartige Serie zu Ende. Die Partie wurde von Schiedsrichter Stephan Klossner geleitet. Ebendieser Klossner leitet nun auch den heutigen Cup-Viertelfinal. Ein schlechtes Omen für die Walliser?

Am 25. Mai 2017 verlor der FC Sion erstmals einen Cupfinal. Mit der ersten Niederlage im 14. Cupfinal gegen den FC Basel (0:3) in Genf ging eine grossartige Serie zu Ende. Die Partie wurde von Schiedsrichter Stephan Klossner geleitet. Ebendieser Klossner leitet nun auch den heutigen Cup-Viertelfinal. Ein schlechtes Omen für die Walliser?

17. Februar 2019
Penaltywitz von Basel

Vor anderthalb Wochen gewann der FC Basel das Meisterschaftsspiel gegen Sion mit 1:0. Zuffi verwertete kurz vor der Pause einen Penalty zum Siegestreffer. Schiedsrichter Alain Bieri zeigte nach einem Zusammenprall von Sion-Torhüter Kevin Fickentscher und Kevin Bua auf den Elfmeter-Punkt. Ein Fehlentscheid, der zum einzigen Tor des Spiels führte.

Vor anderthalb Wochen gewann der FC Basel das Meisterschaftsspiel gegen Sion mit 1:0. Zuffi verwertete kurz vor der Pause einen Penalty zum Siegestreffer. Schiedsrichter Alain Bieri zeigte nach einem Zusammenprall von Sion-Torhüter Kevin Fickentscher und Kevin Bua auf den Elfmeter-Punkt. Ein Fehlentscheid, der zum einzigen Tor des Spiels führte.