Kurz vor Mittag geht im Stadion Maladière das Morgentraining zu Ende und Stéphane Henchoz steigt die Treppe hoch, um im Medienraum über den Abstiegsknüller gegen GC zu reden. Mitgebracht hat er Pietro Di Nardo, der seit 2014 beim Klub ist und den Weg von der Promotion League über die Challenge League in die Super League mitgemacht hat.

Vor knapp zwei Wochen hat Präsident Christian Binggeli den allseits respektierten Aufstiegstrainer Michel Decastel überraschend entlassen und dessen Assistenten Henchoz zum Chef befördert.

Der neue Cheftrainer Stéphane Henchoz hat den Auftrag, Xamax in der Super League halten.

Der neue Cheftrainer Stéphane Henchoz hat den Auftrag, Xamax in der Super League halten.

Auch für diesen ist der Entscheid unerwartet gekommen, aber nach wenigen Minuten Bedenkzeit hat er die Aufgabe angenommen. Nach zweieinhalb Jahren als Co-Trainer fühlte er sich bereit, die Mission Klassenerhalt in Angriff zu nehmen. «Ich verspüre schon Druck», sagt Henchoz, «aber einen positiven.»

Was Druck ist, hat er vor allem in seinen Jahren als Spieler des FC Liverpool erfahren. Als er in jedem Training bestätigen musste, zurecht dieses berühmte rote Trikot zu tragen. Zehn Jahre war er Profi auf der Insel, auch für Blackburn, Wigan und Celtic hat er gespielt und dann in England die Trainerlizenz erworben.

Missverständnis in Bulle

Als er 2009 in seiner engeren Heimat den Erstligisten FC Bulle übernahm, merkte er bald, dass der Amateurfussball nicht seine Welt ist. Die Spieler längst nicht so lernbegierig sind, wie er es sich gewünscht hätte. So war bereits nach 14 Spielen und schlechten Resultaten Schluss im Greyerzerland. Henchoz nützte die freie Zeit, bereiste mit Asien einen Kontinent, auf dem jeder, der einmal für Liverpool gespielt hat, nicht um Anerkennung betteln muss und gab sein Wissen und seine Erfahrung an Nachwuchsakademien weiter.

Xamax trifft am Sonntag auf die Grasshoppers.

Xamax trifft am Sonntag auf die Grasshoppers.

2016 hat ihn Decastel dann in seinen Staff geholt und Xamax wurde seither von zwei der grössten einheimischen Protagonisten der Klubgeschichte trainiert. Sechs Jahre hatte Henchoz für Xamax gespielt, ehe er zum HSV in die Bundesliga wechselte. Nach der Entlassung seines Chefs hat er nun aber nicht gleich alles auf den Kopf gestellt.

Was ja auch seltsam gewirkt hätte, galt er doch als loyaler Partner Decastels. «Eigentlich hat sich fast nichts verändert», sagt Aufbauer Di Nardo, «Henchoz hat ja zuvor schon ganz viele Trainings geleitet.» Häufig am Nachmittag. Unter seiner Leitung aber gibt es fast nur noch Morgeneinheiten. «Ich möchte, dass die Spieler um sieben Uhr aufstehen. Es tut ihnen nicht gut, wenn sie zu lange im Bett bleiben», sagt Henchoz.

Sechste ehemalige Nationalspieler 

Neben Ludovic Magnin, René Weiler, Marcel Koller, Murat Yakin und Fabio Celestini ist Henchoz der sechste ehemalige Nationalspieler, der aktuell einen Superligisten trainiert. 72 Mal war er für die Schweiz aufgelaufen, ein Tor gelang ihm zwar nie, der Verteidigung aber hat er meist Stabilität verliehen. Für Aufregung sorgte er nur selten, einmal aber, im September 2001, für einen kleinen Skandal.

Als ihn Coach Köbi Kuhn gegen Jugoslawien 90 Minuten auf die Ersatzbank setzte, weigerte sich Henchoz anschliessend, mit dem Nationalteam nach Luxemburg zu reisen und zog es vor, mit dem FC Liverpool zu trainieren. Auch Stéphane Chapuisat handelte in jener legendären Partie gleich. Beide aber kehrten nach ein paar Monaten und einer Aussprache in die Mannschaft zurück.

Erster Schritt ist geglückt 

Henchoz ist nie ein Lautsprecher gewesen. Aber giftig sein, das kann er schon. Über Kuhn hat er einmal gesagt, er sei der Einzige von 20 Trainern gewesen, der ihm nichts beigebracht habe. Im letzten Herbst hat er öffentlich angezweifelt, ob Vladimir Petkovic der richtige Nati-Trainer und Granit Xhaka der richtige Captain sei, da er die Schweiz zu wenig repräsentiere.

Nun hat Henchoz mit Xamax die Chance zu zeigen, dass er nicht nur Klartext sprechen kann, sondern auch ein guter Trainer ist. Mit dem Wechsel auf die Fünferkette und dem Erfolg bei der Premiere ist ihm ein erster Schritt gelungen.

«Wir waren stabiler und der Sieg gibt uns Vertrauen», sagt Henchoz. Natürlich sei das Resultat gegen GC wichtig, für ihn sei aber genauso von Bedeutung, welche Leistung das Team abrufe. «Der Druck liegt klar beim Gegner. Vielleicht ist das unser Vorteil. Für mich ist das Spiel ein Vergnügen.»