Ja, lässt er ausrichten, er sei bereit, in dieser schwierigen Situation mit uns zu reden. Aber es soll kein weinerliches Interview geben, bittet er. Als es so weit ist, stürmt Marco Streller (37) fast so energisch in das Sitzungszimmer wie früher in die gegnerischen Strafräume.

Elf Punkte Rückstand auf YB, keine Europacup-Spiele – der FCB in der Negativspirale. Sieht man davon ab, dass er ohne Punkt und Komma spricht und seine Finger ständig in Bewegung sind, offenbart der FCB-Sportdirektor keine Anzeichen von Nervosität oder Unsicherheit. Schliesslich ist Streller seit je eher der zappelige als der tiefenentspannte Typ.

Ist das Konzept «Für immer Rotblau», mit dem Sie zusammen mit Präsident Bernhard Burgener angetreten sind, bereits hinfällig?

Marco Streller: Oft verfällt man in Krisenzeiten in Aktionismus. Wir sind weiterhin überzeugt von unseren Grundideen und halten daran fest. Zu all unseren Eigenfehlern kam auch Pech dazu, schauen Sie mal die lange Verletztenliste an. Das kann kein Schweizer Verein einfach so wegstecken. Die Mitglieder haben für uns und für «Für immer Rotblau» gestimmt, der Auftrag unserer Basis ist klar.

Was ist der Unterschied zwischen Aktionismus und der Entlassung von Raphael Wicky nach dem zweiten Spiel der Saison?

Keiner, damit haben Sie völlig recht. Wir wissen mittlerweile: Wir hätten uns in der Sommerpause von Raphael Wicky trennen sollen. Wir haben Anzeichen gesehen, dass der Start wieder misslingt, aber wir waren nicht konsequent genug.

Das erstaunt. Denn Sie haben als Spieler hautnah erlebt, wie der FCB Trainer entliess, obwohl man wenige Tage zuvor Meister wurde.

Da haben uns die Erfahrung und der Mut gefehlt. Raphael Wicky und ich, wir sind auch zusammen gewachsen, menschlich und sportlich.

Als Marcel Koller Trainer wurde, war unser erster Gedanke: Nun werfen sie das Konzept in Basel über den Haufen. Koller steht für pragmatischen Resultatfussball.

Das sehe ich nicht so – in Österreich hat er bewiesen, wie offensiv er spielen lässt. Aber unser Konzept war nie an einen Trainer gebunden. Wicky mit seiner Vergangenheit als junger U21-Trainer hat einfach perfekt gepasst. Mit dem Trainerwechsel ist das Konzept nicht gestorben. Uns war im Sommer wichtig, neben all den Neulingen im Verein einen autoritäreren Trainer mit Erfahrung zu installieren.

Der FC Basel war im Sommer auf Marcel Koller angewiesen, nicht umgekehrt.

Halt, halt! Wir hatten keinen Trainer, aber Marcel Koller war genauso ohne Verein. Und der FC Basel ist eine attraktive Adresse. Bei uns haben sich auch noch andere Weltklasse-Trainer beworben. Wir haben Marcel Koller unser Konzept vorgestellt und er richtet sich danach.

Sie sagten, Sie wollten alles neu machen. War das wirklich zwingend?

Was heisst alles neu? Viel anders als vor zehn Jahren Bernhard Heusler und sein Team haben wir es nicht gemacht. Da war auch viel «Rotblau» drin. Unser Gedanke war, wieder dort anzufangen, wo es einst die alte Führung tat. Heute lasse ich mir vorwerfen: Wir haben es zu krampfhaft versucht, uns zu fest von der Romantik treiben lassen und dabei zu wenig beachtet, dass das damals eine einmalige Konstellation war: Alex Frei, Beni Huggel und ich, die drei Alten, die in der ersten Zeit beim FCB noch fast nichts gewonnen hatten, noch hungrig waren. Und die beiden Jahrhunderttalente Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri.

Was passiert, wenn der FC Basel nicht Meister wird und auch in der nächsten Saison nicht in einer Europacup-Gruppenphase spielt?

Wir bewegen uns auf einer Gratwanderung: Hätten wir in dieser Saison die Champions League erreicht, hätten wir gegen 40 Millionen Franken eingenommen. Jetzt haben wir nichts. Der FCB gehört international weiterhin zu den Kleinen. Um in die Champions League und ans grosse Geld zu kommen, müssen die kleinen Klubs volles Risiko gehen. Das kostet viel Geld. Und wenn man dann die Champions League verpasst, schmerzt das doppelt.

Vor der Saison sagten Sie, das Kader sei gut genug für die Champions League und für den Meistertitel.

Selbstverständlich glauben wir daran, dass das Kader gut genug für den Meistertitel ist. Um Verletzungen besser auffangen zu können, werden wir uns aber im Winter wohl noch mal verstärken. Und ich kann doch an einer Pressekonferenz nicht sagen, wir trauen den Spielern den Titel nicht zu – was sollen sie dann von mir denken? Und ist es glaubwürdig, als FC Basel zu sagen, der Meistertitel ist nicht das Ziel?

Also hat der FCB kein Qualitäts-, sondern ein Mentalitätsproblem?

Jetzt sind wir an der Wurzel des Problems. Was denken Sie, warum ich nach dem Heimspiel gegen Xamax (1:1; die Red.) in der Kabine laut geworden bin? Wir brauchen in unserer Situation Spieler, die vorneweg gehen. Nur: Wir haben in Basel seit zehn Jahren keine solch schwierige Situation mehr gehabt.

Wer soll die Mannschaft führen?

Einer der Leader ist sicher Fabian Frei. Auf dem Platz nehme ich aber auch einen Taulant Xhaka, Luca Zuffi oder einen Serey Die als Führungsspieler in die Pflicht. Auch Ricky van Wolfswinkel hat das Format. Aber klar: Wir sind eine brave Mannschaft. Jetzt kristallisiert sich heraus, wer Verantwortung sucht.

Was ist mit Valentin Stocker los?

Er ist nicht mehr der giftige,bissige und abschlussstarke Offensivspieler, der er war, bevor er zu Hertha Berlin in die Bundesliga wechselte. Man darf eine Rückkehr aus der Bundesliga nicht unterschätzen. Als ich zurückkehrte, war meine zweite Saison auch nicht gut. Auf einem Rückkehrer lasten unheimlich hohe Erwartungen. Bei Stocker kommt erschwerend dazu, dass er in Berlin nicht mehr häufig gespielt hat. Kurz: Die Kombination fehlende Spielpraxis und angeknacktes Selbstvertrauen gepaart mit enormem Erfolgsdruck bedingt, dass der Spieler einerseits Zeit braucht und andererseits unseren Schutz benötigt.

Es ist bekannt, dass Sie und Stocker sich menschlich nahe stehen.

Stockers Verpflichtung war kein Alleingang von mir, sondern ein 6:0-Entscheid unserer Sportkommission. Wir haben gewusst, dass uns Michael Lang im Sommer 2018 wohl verlassen wird. Wir mussten damit rechnen, dass auch Tomas Vaclik gehen wird. Also suchten wir nach Lösungen, um das wegbrechende Leadership zu kompensieren. So haben wir uns für Frei und Stocker entschieden.

Erstaunlich, dass der FCB Dimitri Oberlin für rund fünf Millionen von Salzburg übernommen hat. Sie waren selbst Stürmer: Was sehen Sie in Oberlin, was wir nicht sehen?

Auch bei diesem Spieler müssen wir fair bleiben. Er ist der einzige Schweizer Fussballer, der je in einer Champions-League-Saison vier Tore erzielt hat. Die Achtelfinals haben wir zu grossen Teilen auch dank ihm erreicht. Das blenden viele aus. Ebenso, dass er erst 21 ist. Und: Seine Stärken kommen eher zur Geltung, wenn wie unter Wicky das Umschaltspiel forciert wird. Marcel Koller hingegen präferiert den Ballbesitz, was für Oberlin eine Umstellung ist. Grundsätzlich gilt: Oberlin ist sehr laufstark, sehr schnell, immer engagiert, sehr explosiv. Manchmal vielleicht etwas hektisch. Aber er ist erst 21, mit ihm kann man noch arbeiten.
Bei Oberlin ist es wie bei einem Überraschungs-Ei. Da weiss man nie, was drinsteckt.
Ja, aber so funktioniert der Fussball. Natürlich waren wir uns des Risikos bewusst. Oberlin weckt Interesse im Ausland, das können Sie mir glauben.

Aber nicht, wenn er nicht spielt.

Einverstanden. Aber er kommt immer wieder zu Einsätzen. Natürlich hat der Europacup in unseren Überlegungen eine Rolle gespielt. Und klar ist auch, dass unser Kader ohne Europacup zu teuer ist. Aber das Risiko ist bei Oberlin überschaubar.

Warum?

Weil er jung ist, bereits eine Duftmarke in der Champions League gesetzt hat und es Klubs gibt, bei denen Geld keine Rolle spielt.

Setzt man beim FCB noch immer den Meistertitel zum Ziel?

Es macht zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt keinen Sinn, darüber zu sprechen.

Wann sollen wir wieder fragen?

Ich will nicht alle zwei Monate die Ziele korrigieren. Redete ich jetzt über den Meistertitel, würde ich mich lächerlich machen. Leider sind wir noch nicht stabil genug, um aus der schwächeren Phase von YB Profit zu ziehen und den Rückstand zu verringern.

Sie sind das Gesicht des FCB. Ist es gut und richtig und clever, dass dieser Klub nur ein Gesicht hat?

Natürlich bin ich nun der Erste, der kritisiert wird. Wir haben mit Roland Heri einen COO, der unglaublich viel Verantwortung übernimmt. Aber klar ist, dass die Öffentlichkeit nicht ihn, sondern in erster Linie mich mit dem FCB in Verbindung bringt. Und mit Bernhard Burgener haben wir einen Präsidenten, der es vorzieht, im Hintergrund zu bleiben. Ich habe mich mit der Situation abgefunden, auch wenn es nicht immer einfach ist, für alles und jeden den Kopf hinzuhalten.

Aber Marcel Koller war Ihre Idee?

Unsere Idee. Ich weiss nicht, woher die Geschichten kommen, Koller soll nicht mein Trainer sein. Wir haben die Situation genau analysiert und kamen zum Schluss: Wir brauchen einen erfahrenen Trainer, der gewisse Strukturen reinbringt und die Kabine im Griff hat. Das alles kann er sensationell. Und wir haben ein unglaublich gutes Verhältnis.

Wie nahe sind Sie dran, Roger Federer als Verwaltungsratsmitglied an Bord zu holen?

Das ist im Moment kein Thema. Solange er Tennis spielt, kann und wird er sich nicht beim FCB aktiv einbringen.

Federer auf der Kommandobrücke wäre die Veredelung Ihres Projekts «Für immer Rotblau».

Absolut. Aber ich weiss auch, dass das momentan nicht möglich ist. Wer wie er den Sport mit solcher Hingabe betreibt, kann nicht mehrgleisig fahren.

Schliesst Federer ein Engagement beim FCB kategorisch aus?

Tut er nicht. Aber man kann jetzt auch nicht sagen, es wird mal so weit kommen. Mit seiner Leidenschaft für den Klub, seiner Erfahrung als Weltsportler und seinem Netzwerk wäre er aber sicherlich ein Gewinn für den Klub.

Wo sind Sie in fünf Jahren?

Ich hoffe, ich bin dann noch im Klub dabei. Denn der FCB bedeutet mir neben der Familie am meisten.

Finanziell sind Sie unabhängig. Warum geniessen Sie nicht Ihre Kinder? Als Sportdirektor können Sie wieder einsteigen, wenn die Kinder erwachsen sind.

… ja, ja, ich weiss, was Sie meinen.

Und wenn Sie in zwei, drei Jahren gefeuert werden?

So denke ich nicht. Glauben Sie mir: Ich kann delegieren. Meine Kinder wissen schon noch, wie ich aussehe. Ich hätte es mir einfacher machen können, statt direkt auf die erfolgreiche Ära unter Heusler und Heitz einzusteigen. Aber ich liebe diesen Klub und wollte Verantwortung übernehmen. Okay, jetzt muss ich Kritik einstecken. Aber all die positiven Erlebnisse der letzten Jahre überwiegen bei weitem.