Es ist Donnerstagvormittag. Die Strassen in Freiburg sind leer. Das Leben in der malerischen Stadt im Breisgau, unweit der Schweizer Grenze, schlummert vor sich hin. Einzig der Streik der Kindererziehenden auf dem Rathausplatz sorgt für etwas Rummel.

Nur wenige Kilometer vom Rathausplatz entfernt treffen wir Admir Mehmedi. Der Schweizer Nationalspieler sitzt im Trainingsanzug auf einer Bank im Presseraum des SC Freiburg. In der ihm eigenen Ruhe und Gelassenheit beantwortet der 24-Jährige die Fragen. Als wäre der Abstiegskampf Alltag.

Mehmedi sagt: «Es ist ganz einfach: Es steigen jene zwei Mannschaften ab, die es nicht verdient haben, in der ersten Liga zu spielen.» Vor dem letzten Spiel in Hannover sagt er: «Wir wissen, was wir können.»

Seit zwei Jahren erzielt Mehmedi seine Tore im Breisgau. Sechs Millionen Franken hat Freiburg für ihn bezahlt, um ihn im vergangenen Sommer definitiv von Dynamo Kiew zu übernehmen. «Freiburg ist ein Glücksfall für die Entwicklung junger Spieler. Es ist hier definitiv ruhiger als einst beim
FC Zürich», sagt Mehmedi.

Der Aufschrei der Konkurrenz

Unruhen gibt es keine. Höchstens, wenn sie von aussen kommen. Doch auch das interessiert in Freiburg keinen. Dieter Schatzschneider, Scout des heutigen Gegners Hannover 96, bezichtigte Bayern München kürzlich der Wettbewerbsverzerrung. Wohl auch deswegen, weil der SC Freiburg am vergangenen Samstag gegen die Bayern den ersten Sieg seit 19 Jahren eingefahren hat (2:1) und damit den Ligaerhalt wieder in den eigenen Händen hat. Die Reaktion von Mehmedi spricht Bände: «Diese Diskussionen habe ich gar nicht mitbekommen.»

Freiburg-Trainer Christian Streich vor dem Spiel gegen Hannover.

Freiburg-Trainer Christian Streich vor dem Spiel gegen Hannover.

Das Ereignis deckt im Umfeld der anderen unmittelbar im Abstiegskampf involvierten Vereine vor allem eines auf: Die ausgewiesene Angst vor dem Abstieg, genauer gesagt die Abhängigkeit von der 1. Liga. Freiburg hingegen ist einer der drei finanziell gesündesten Vereine Deutschlands und deshalb nicht so sehr von der Ligazugehörigkeit abhängig. Kulttrainer Christian Streich sagt: «Die anderen Vereine nehmen immer wieder riesige Geldbeträge in die Hand. Daher kommt die extreme Angst, dass plötzlich jemand wie Freiburg vor ihnen steht.»

26 Millionen Transfereinnahmen

Die finanzielle Stabilität gründet unter anderem in der cleveren Transfer- und Jugendpolitik. Immer wieder konnten Spieler gewinnbringend verkauft werden. Alleine durch die Verkäufe von Papiss Demba Cissé, Matthias Ginter und Oliver Baumann resultierten Transfererlöse von rund 26 Millionen Franken. Nicht wenig für einen kleinen Verein wie Freiburg, der aus bescheidenen Mitteln stets das Maximum herausholt. Ausgeben tut man im Breisgau nur das, was man auch tatsächlich hat. So wie für Mehmedi, den bislang teuersten Transfer der Vereinsgeschichte.

Der Schweizer Nationalstürmer erzielte in dieser Saison vier Treffer, zuletzt das zwischenzeitliche 1:1 gegen die Bayern. «Letzte Saison habe ich zwölf Treffer erzielt. Weil ich diese nicht bestätigen konnte, ist es logisch, dass es dieses Jahr Kritik gab. Ob diese nun immer gerechtfertigt war, sei dahingestellt», sagt Mehmedi. Es kommt eine andere Seite des Stürmers zum Vorschein. Die der Selbstreflexion und des Perfektionismus. «Ich kann meine Leistungen selbst einschätzten. Zudem habe ich gute Leute um mich rum.»

Einer der Angesprochenen ist Mannschaftskollege Roman Bürki. Mit konstant guten Leistungen machte der Bundesliga-Neuling in dieser Spielzeit auf sich aufmerksam, kein anderer Goalie wehrte in dieser Saison mehr Schüsse ab. Das gibt der Mannschaft Sicherheit. Auch der Verein darf sich zufrieden schätzen. Im Sommer wurde Bürki für den nach Hoffenheim abgewanderten Oliver Baumann geholt und machte diesen seit dem ersten Tag vergessen.

Mehmedi dagegen konnte zu Beginn der Saison vorerst nicht an die überragende letzte Spielzeit anknüpfen. Nach der passablen WM mit der Schweizer Nationalmannschaft wirkte er ausgelaugt. Zudem beklagte er Verletzungspech. Erst in der Rückrunde näherte er sich seiner gewohnten Form wieder.

Nicht das erste Mal

Gerade rechtzeitig für den Abstiegs-High-Noon. Die Bundesliga steht vor dem spannendsten Abstiegskampf der Geschichte. Sechs Mannschaften kämpfen vor

dem letzten Spieltag noch um den Ligaerhalt. Mittendrin steht als Tabellen-14. auch der SC Freiburg. Wobei: Die Freiburger strahlen eine Sicherheit und Gewissheit aus, mit solchen Situationen umgehen zu können. «Es ist nicht das erste Mal, dass wir im unteren Drittel der Tabelle stehen», sagt Streich. Mit einem Punktgewinn in Hannover wäre der Ligaerhalt gesichert. Selbst bei einer Niederlage steigt Freiburg nur dann direkt ab, wenn sowohl Stuttgart als auch Hamburg ihre Spiele gewinnen.

Doch der SC Freiburg ist bekannt für seine Schlussspurts, so auch in dieser Saison. Eine Woche vor dem historischen Triumph gegen die Bayern gab Freiburg in der 32. Runde den Sieg gegen Hamburg erst in letzter Sekunde aus der Hand und verlor zwei wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg. Bemerkenswert: Freiburg vergab in dieser Saison bereits zwölf Punkte durch späte Gegentreffer.

Wir verlassen das Stadion an der Schwarzwaldstrasse. Ein Mitarbeiter muss uns das Eingangstor aus dem Stadion aufschliessen. Dabei strauchelt er kurz über eine Stufe, fällt aber nicht hin. Wir erinnern uns an die Worte von Trainer Streich: «Als wir kurz am Boden waren, sind wir rechtzeitig wieder aufgestanden.»