Wie weiter? Die Frage ist simpel. Und die Antwort scheint ziemlich kompliziert. Als die WM im Sommer 2018 zu Ende war, rief Vladimir Petkovic den Umbruch aus. Oder zumindest einen sanften. Mit fünf erfahrenen Spielern suchte der Nationaltrainer das Gespräch. Valon Behrami, Gelson Fernandes, Blerim Dzemaili, Johan Djourou und Stephan Lichtsteiner.

Behrami trat noch am selben Tag empört zurück. Gelson einen Tag später, aber voller Stolz. Dzemaili sagte lange nichts, bis er Anfang Jahr in einem NZZ-Interview meldete, er gehe davon aus, nicht mehr gebraucht zu werden. Djourou ist verletzt und in der Hierarchie zurückgefallen. Bleibt Lichtsteiner.

Im Oktober und November war der Captain nicht im Aufgebot. Jetzt ist er zurück. Und spricht gut 50 Minuten mit wachem Blick und klarer Stimme über seine Rolle.

Stephan Lichtsteiner, haben Sie sich seit Sommer einmal überlegt, aus dem Nationalteam zurückzutreten?

«Nein, für mich war es nie ein Thema, zurückzutreten. Ich höre auf meinen Kopf und meinen Körper, frage mich: Macht es weiter Spass, Fussball zu spielen? Lohnt es sich, so viel weg zu sein von der Familie, so viel zu investieren für die Karriere? Und solange ich diese Fragen mit ‹Ja› beantworten kann, stelle ich die Fortsetzung meiner Laufbahn nicht infrage. Ich bin ein Typ, der sich immer wieder neue, höhere Ziele setzten und erreichen will. Manchmal werde ich gefragt: ‹Möchtest du nicht auf dem Höhepunkt zurücktreten?› Aber was ist der Höhepunkt bei einer langen, erfolgreichen Karriere? Wie man abtreten möchte, ist auch eine Charakterfrage. Es gibt solche, die schön abtreten möchten. Aus einer starken Position. Die sagen möchten: ‹Ich wurde nie verdrängt!› Und es gibt Typen wie mich, die den Ansporn haben, immer weiter zu spielen und die Grenzen zu versetzen. Bis es mich ‹verchlöpft›. Ich weiss, dass dies passieren wird. Irgendwann wird mir jemand sagen: ‹So, jetzt setze ich auf einen anderen.› Ich habe kein Problem damit. Das passiert auch den Allerbesten.»

Es gibt viele Geschichten, die davon handeln, dass ein Spieler plötzlich weg und vergessen ist. Auch mit Vladimir Petkovic als Nationaltrainer. Gökhan Inler wurde im Frühling 2016 nicht zu Testspielen aufgeboten. Petkovic wollte eine Rückkehr nicht ausschliessen. Es kam nicht dazu. Auch Inler war Captain, wie es Lichtsteiner jetzt ist. In solchen Fällen ist besondere Vorsicht geboten. Die Kommunikation ist heikel.

Stephan Lichtsteiner, haben Sie manchmal Angst, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden und in Vergessenheit zu geraten?

«Angst? Wovor soll ich Angst haben? Ich antworte aus einer Position der Stärke. Ich geniesse jede Minute mit dem Nationalteam. Ich bin ein Teamplayer, wenn der Trainer sagt, ich spiele nicht, dann helfe ich der Mannschaft auf eine andere Art. Natürlich werde ich alles versuchen, um mich aufzudrängen. Aber es ist nicht meine Art, zu sagen: ‹Entweder ich spiele – oder ich komme nicht mehr zum Nationalteam.› Ja, ich will dem Nationalteam weiterhin vieles geben: Qualität, Leadership und Erfahrung auf allerhöchstem Level. Das, was ein Topspieler einem Team eben bringen kann. Das war schon über Jahre so. Und ändert sich nicht.»

Vor der WM feierte Lichtsteiner das Jubiläum des 100. Länderspiels. Mittlerweile ist er mit 104 Partien für die Schweiz die Nummer drei der Geschichte. Nur Alain Geiger (112) und Heinz Hermann (118) stehen noch vor ihm. Und die Frage lautet nun: Wird er die Gelegenheit erhalten, noch einmal 14 Länderspiele mehr zu bestreiten? Trotz der Konkurrenz von Michael Lang und Kevin Mbabu. Wenn es tatsächlich gelingen soll, dann muss Lichtsteiner bis mindestens zur EM 2020 dabei bleiben.

Stephan Lichtsteiner, wie sehr ist Ihnen die Möglichkeit, Rekordnationalspieler zu werden, präsent?

«Seit ich klein bin und denken kann, dreht sich in meinem Leben sehr vieles um Fussball. Darum ist eine solche Marke etwas Spezielles. 118 Länderspiele, das hat schon lange keiner mehr geschafft. Dieser Rekord ist ein grosses Ziel von mir, ein grosser Traum auch. Es ist logisch, dass ich jetzt, wo ich nahe dran bin, darauf hinarbeite und versuche, den Rekord zu erreichen.»

Im letzten Sommer wechselte Lichtsteiner nach sieben Jahren (und ebenso vielen Meistertiteln) bei Juventus Turin nach England zu Arsenal London. Im Alter von 34, mittlerweile ist er 35-jährig, suchte er noch einmal eine neue Herausforderung. Er verliess mit seiner Familie Italien, wo er schon mehr als heimisch geworden ist, um sich noch einmal einem neuen Reiz auszusetzen. Um noch einmal eine neue Liga kennen zu lernen.

Stephan Lichtsteiner, haben Sie sich mit Ihrer Familie in London gut eingelebt?

«Sehr gut. Auch wenn die Lebensqualität in Italien vielleicht ein bisschen besser auf uns zugeschnitten war, bin ich sehr zufrieden. Die Kinder haben den Wechsel gut überstanden. Schule und Kindergarten sind in Gehdistanz. Meine Tochter spricht schon fast perfekt Englisch, einiges besser als der Vater jedenfalls. Es fühlen sich alle wohl. Fussballerisch gefällt mir die Premier League. Die Liga ist taktisch weniger hochstehend als in Italien, dafür sind Intensität und Rhythmus viel höher. Mit Arsenal sind wir überall in etwa dort, wo wir es erwartet hatten Anfang Saison. Wichtig ist, wieder in die Champions League zu kommen. Das würde vieles vereinfachen. Gute Spieler würden wieder vermehrt zum Verein wechseln. Diesem Ziel ordnen wir alles unter. Ob ich nächste Saison auch bei Arsenal spiele, ist noch offen. Gespräche finden statt. Ich muss die Gewissheit haben, gebraucht zu werden. Ansonsten muss ich schauen, ob sich dies mit meinen Zielen hinsichtlich der Europameisterschaft vereinbaren lässt. Wie hingegen die Zukunft nach der Karriere einmal aussieht, ist völlig offen. Ich habe gewisse Ideen. Das kann in Richtung Trainer gehen. Das kann sonst was im Fussball sein. Doch zuerst werde ich sicher Abstand nehmen. Ich habe mit vielen gesprochen, die aufgehört haben. Sie sagen alle dasselbe: ‹Überlege dir, ob du das Leben weiterhin im Fussball verbringen willst.› Ich werde sicherlich alle Sachen nachholen, die ich nie machen konnte: Mit den Kindern und meiner Frau etwas länger in den Ferien sein. Ski fahren. Und ich möchte mich im Tennis verbessern.»

Dann ist das Gespräch vorbei. Oder fast. Denn plötzlich fällt auf: Die EM-Qualifikation war noch gar nicht Thema. Man ist sich schnell einig. Alles andere als die Ränge 1 oder 2 in der Gruppe, welche die direkte Qualifikation bedeuten, wäre eine grosse Enttäuschung. Ob mit oder ohne Lichtsteiner in der Aufstellung.