Fussball
Neuer GC-Präsident: «GC funktioniert eigentlich wie der Bundesrat»

Die besten Spieler werden verkauft – aber GC wehrt sich, ein Ausbildungsverein zu sein. Im Interview sagt der neue Präsident Stephan Anliker, in welche Richtung er die Grasshoppers führen will.

Etienne Wuillemin und François Schmid-Bechtel
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Stephan Anliker, neuer Präsident der Grasshoppers, sagt im Interview: «Jetzt haben wir keine Schulden mehr!»

Stephan Anliker, neuer Präsident der Grasshoppers, sagt im Interview: «Jetzt haben wir keine Schulden mehr!»

Emanuel Freudiger

Was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie neben einem Architekturunternehmen und dem Eishockey-NLB-Verein Langenthal nun auch noch GC führen sollen?

Stephan Anliker: Bei der Familiendiskussion war meine Frau zuerst nicht begeistert. Mein Sohn schon, die Tochter sagte, das komme gut. Aber wenn ich das Amt so ausüben kann, wie wir uns das vorstellen, steht nun auch meine Frau voll hinter mir.

Stephan Anliker

Der 56-jährige Architekt wohnt mit seiner Frau Regula und den beiden Kindern Chiara (14) und Gregori (12) in Langenthal. Er ist seit Mittwoch Präsident der Grasshoppers.

Wie stellen Sie sich das Amt des GC-Präsidenten vor?

Ich bin der «Primus inter pares». Ich werde den Verwaltungsrat koordinieren, führen und nach aussen vertreten. Für das Tagesgeschäft ist nicht der Verwaltungsrat, sondern die Geschäftsführung verantwortlich.

Aber die zeitliche Belastung wird schon zunehmen.

Es gab Phasen, in denen ich 40 Prozent meines Arbeitspensums für den SC Langenthal investieren musste, als vieles im Argen lag. Ein solch grosses Engagement strebe ich nicht mehr an, aber es wird zwischendurch natürlich nötig sein. Ich werde mein Leben nicht verändern. Mein Hauptarbeitsplatz bleibt in Langenthal. Mein Lebensmittelpunkt auch.

Das tönt gut und recht. Aber Sportchef Dragan Rapic ist erst 32 und neu im Geschäft. Und auch der 26-jährige Manuel Huber war zuvor nirgends als Geschäftsführer tätig.

Ich habe auch mal klein begonnen und jetzt haben wir 50 Mitarbeiter. Eine meiner Fähigkeiten ist, Menschen zu führen. Ich sehe mich wie auch die anderen Verwaltungsratsmitglieder als Coach unserer operativen Führung. Ausserdem sind die beiden nicht völlig unerfahren. Huber war in den letzten drei, teils chaotischen Jahren der ruhende Pol bei GC. Und Rapic hat den Sport geleitet.

Izet Hajrovic wurde im Winter zu Galatasaray transferiert. Würde er an der WM nur einen Treffer für Bosnien-Herzegowina erzielen, hätte man ihn drei Millionen teurer verkaufen können. Dazu hat GC auch noch Milan Vilotic an YB verkauft. Damit sendet GC alarmierende Signale aus.

Wir haben mit Caio in dieser Saison einen Spieler verpflichtet, der mindestens so gut ist wie Hajrovic. Und wir haben für die Defensive Michael Dingsdag und Sanel Jahic und für den Sturm Munas Dabbur geholt. Die Mannschaft ist nicht a priori schwächer. Was die Abgänge betrifft: Hajrovic wollte schon länger ins Ausland. Vilotic befürchtete, dass GC sein Level nicht halten kann. Natürlich haben wir uns Gedanken über den besten Zeitpunkt eines Verkaufs gemacht. Im Sommer hätten wir bedeutend weniger Ablösesumme eingenommen.

Ist es nicht beunruhigend, wenn ein Spieler wie Vilotic befürchtet, mit GC gehe es nur noch bergab?

Er hatte Angst, dass es bei GC nicht nur sportlich, sondern auch finanziell nicht mehr vorwärts geht. Aber diese Angst müssen wir, nach den jüngsten Spielerverkäufen, nicht mehr haben. Denn wir haben jetzt keine Schulden mehr.

Können Sie Zahlen nennen?

Letzte Saison hatten wir ein Minus von drei Millionen Franken. Wenn wir das mit dem vorgängigen Verlust und jenem kumulieren, den wir diese Saison eingefahren hätten, wäre der Schuldenberg nicht mehr zu verantworten gewesen. Jetzt stehen wir wieder auf dem Boden. Das ist gut so. Denn nur wer auf dem Boden steht, ist selbstbestimmt.

Aber GC ist ein Fass ohne Boden. Oder sehen Sie Möglichkeiten, den Betrieb günstiger zu führen? Andernfalls werden Sie die Rechnung 2014/15 mit mindestens drei Millionen minus abschliessen.

Ich stehe nicht hin und posaune, dass ich einen Haufen neuer Sponsoren akquirieren werde. Deshalb gilt es bei der Ausgabenseite, das Fett mit Training zu verbrennen. Das operative Geschäft war bis zuletzt noch immer nicht richtig geführt. Da wusste die Linke oft nicht, was die Rechte macht. Aber wir werden weiterhin auf Transfererlöse angewiesen sein.

Also sehen Sie GC in Zukunft als Ausbildungsverein, nicht als Titelaspirant. Nur wenn der Verein seine besten Spieler immer wieder verkauft, kann er überleben.

Es wäre vermessen, zu sagen: In drei Jahren sind wir Meister. Das haben schon genügend andere Leute gesagt. Aber nein, ich sehe GC nicht als Ausbildungsverein. Sondern als Spitzenklub in einer Schweizer Liga, die viel Ausbildung betreibt und dadurchhohe Einnahmen generieren kann.

Was passierte mit Ihnen über die Festtage? Im Dezember wollten Sie nicht Präsident werden. Wer hat Sie wie stark bearbeitet?

Es war ein Prozess mit mir selber. Nach dem Abgang von André Dosé wurde ich als Sprecher der Owners schon stark als Gesicht von GC wahrgenommen. Für mich ist klar: Es ist nicht der Name, der zählt, sondern das System. GC funktioniert eigentlich wie der Bundesrat. Dort gibt es jedes Jahr einen neuen Präsidenten. Aber es ist ein Gremium, das kontinuierlich führt. Und es gibt keine Lichtgestalt, die den anderen sagt, was sie zu tun haben. Das ist die Art, wie ich führe.

Bei GC gibt es viele unterschiedliche Strömungen. Viele Stimmen, die mitsprechen wollen und dürfen. Haben Sie den Überblick?

Mit diesen Unannehmlichkeiten müssen wir leben. Das ist der Preis, den wir für unsere Vielschichtigkeit bezahlen. Constantin in Sion hat andere Probleme. Er macht päng!, päng!, päng!, aber er zahlt auch alles selbst. Bei uns zahlt niemand auch nur annähernd so viel wie er. Bei uns zahlen viele Leute und deshalb gibt es berechtigterweise auch viele Stimmen, die mitsprechen wollen. Als ich 2011 in den Verwaltungsrat kam, verfolgte ich das Ziel, GC wieder zu einen. Ich denke, wir sind einen beträchtlichen Schritt weiter als auch schon.

Einige Owner zahlen ab nächster Saison nicht mehr. Die Rede ist von knapp der Hälfte.

Die Organisation mit den Owners wurde auf die Beine gestellt zur Überbrückung der schwierigen Situation. Damals sagten wir: Im besten Fall kommen wir nach drei Jahren ohne diese Gelder aus. Darum ist es auch richtig, dass der Owner-Betrag kleiner wird. Sonst würde diese Organisationsform zum Dauerzustand – und das kann es ja nicht sein. Irgendwann muss es eine Besserung geben. Nun haben mehr als die Hälfte ihre Verträge verlängert. Und einige wenige sind dazugekommen.

Und irgendwann sagt einer im Owner-Kreis: Wir sollten Christoph Spycher als Sportchef installieren. Das stinkt Ihnen. Aber verhindern können Sie es nicht.

Ja, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich schaue das als «part of the game» an. Wir haben keinen in Zürich, der sagt: Ich lege euch 10 Millionen hin.

Warum nicht? Warum fehlt GC diese Strahlkraft?

Vielleicht kommt diese Kraft eines Tages zurück. Wir gewannen letzte Saison den Cup. Wir spielen diese Saison oben mit. Ich verstehe mich als Präsident für den Verein, nicht für meine persönliche «Ich AG». Wenn einer kommt und viel Geld gibt und die Philosophie stimmt, dann möchte er vielleicht Präsident sein. Kein Problem! Deshalb muss im Verwaltungsrat Kontinuität herrschen – nicht unbedingt beim Präsidenten.

Sie sind 2007 bei GC eingestiegen. Rechnet sich das Engagement bei GC für Ihre Unternehmung?

Schwierig zu sagen. Unsere Auftragsstruktur ist so, dass über 50 Prozent der Aufträge aus dem Fussball- und Hockeynetzwerk resultieren, das sich über Jahre entwickelt hat. Aber eigentlich bin ich gar nicht der typische Netzwerker.

Aber der «gute Mensch von Langenthal», wie im Porträt der «Schweiz am Sonntag» zu lesen war.

Ich wäre lieber ein cooler Typ (lacht). Und ein smarter dazu. Ich bin gerne ein guter Mensch, ein cleverer und fairer!