Fussball

Passt Murat Yakin überhaupt noch zum FC Basel?

Der einsame Kämpfer: Murat Yakin sind seine schlechten Sympathiewerte völlig egal.

Der einsame Kämpfer: Murat Yakin sind seine schlechten Sympathiewerte völlig egal.

Atmosphärische Störungen, Resultatkrise und Pfiffe von den Fans. Bei FC Basel spielt sich zur Zeit ein Drama ab mit Trainer Murat Yakin in der Hauptrolle. Die Frage, die sich stellt: Passt der Trainer noch zum Club? Ein Erklärungsversuch.

Yann Sommer: «Es war von A bis Z eine schlechte Leistung. Es war eines der schlechtesten Spiele der letzten Jahre. Wir waren nie richtig im Match. Wir müssen viele, viele Dinge korrigieren.» Marco Streller: «Steaua hätte den Sieg verdient. Unsere Leistung in der ersten Halbzeit war katastrophal und nach der Pause nur ein kleines bisschen besser.» Murat Yakin: «Wir haben in der zweiten Halbzeit grossartig gespielt.»

Allein schon die Nachbetrachtung auf das 1:1 gegen Steaua Bukarest zeigt: Beim FC Basel ist man sich uneins. Trotz Einzug in die Champions League, trotz Leaderposition in der Super League ist die Atmosphäre zwischen Trainer und Teilen der Mannschaft gestört. Die Unruhe wird zusätzlich befeuert, weil die Klubführung um Präsident Bernhard Heusler bislang kein Commitment pro Yakin in Form einer Vertragsverlängerung gegeben hat. Wer sind die Hauptakteure im FCB-Drama? Und wo sind die Bruchstellen? Ein Erklärungsversuch von aussen.

Murat Yakin. Ein Rückblick. Als Murat Yakin in Luzern Trainer wurde, dachten die meisten, Hakan Yakin hätte einen Freifahrtschein. Schliesslich hielt Murat schon als Teenager stets die schützende Hand über seinen drei Jahre jüngeren Bruder. Doch das Gegenteil war der Fall. Hakan musste im Spätherbst seiner Karriere leiden. Später musste in Basel auch Alex Frei leiden. Nun leiden die Degen-Zwillinge. Den Erfolg hat dies nie beeinträchtigt. Murat Yakin ist als Trainer die personifizierte Kompromisslosigkeit. Kein Spieler zu nah, kein Spieler zu populär, um ihn vom Erfolgsprinzip auch nur teilweise zu befreien. Wer so erfolgsorientiert handelt, wird oft zu einem einsamen Kämpfer. Fehlende Empathie wird ihm nachgesagt.

Doch Yakin sieht das anders. Für ihn steht das Resultat über allem. Da nimmt er selbst fehlende Wertschätzung der Fans und Disharmonien mit Teilen der Mannschaft in Kauf. Yakin ist finanziell unabhängig und so selbstsicher, dass er auf schlechte Sympathiewerte pfeifen kann. Das war bei seinen Vorgängern Heiko Vogel und Thorsten Fink anders. Sie haben sich im Gegensatz zu Yakin auch als Teil des Entertainments verstanden. Entsprechend beliebt waren sie. Yakin ist sich dessen bewusst. Aber es kümmert ihn nicht. Für ihn zählt die Arbeit, das Leistungsklima, der Erfolg. So gesehen ist er schon fast zu einem Fussball-Nerd geworden. Solche werden im Erfolg zwar bewundert, aber nicht geliebt.

David und Philipp Degen. Als im Sommer 2012 auch David nach Basel zurückkehrte, ging für die 30-jährigen Zwillinge ein Traum in Erfüllung: Zum Ende ihrer Karriere wollten sie unbedingt wieder zusammenspielen, und das am liebsten bei ihrem geliebten FCB. Als «Führungsspieler» sehen sie sich. Der Traum wurde zum Albtraum – mehr als Mitläufer sind die stolzen Baselbieter nicht mehr.

Irgendwann im Frühling kam es zum Bruch zwischen Yakin und den Degens, die einst sogar zusammen in den Urlaub flogen. Gerüchten zufolge soll Yakin vor dem Trainingsstart im Juni bei der Vereinsleitung vorstellig geworden sein mit dem Wunsch, die Zwillinge zu verkaufen. Dies ist nicht geschehen. Im Gegenteil: Sportdirektor Georg Heitz weist dieser Tage unermüdlich darauf hin, dass die Degens nicht zum Verkauf stehen. Das stärkt die Position der Zwillinge und schwächt gleichzeitig die des Trainers. Im Wissen darum sägen David und Philipp im Hintergrund an Yakins Stuhl. Man liest zwar kein schlechtes Wort von ihnen in den Zeitungen, doch hinter den Kulissen versuchen sie Journalisten und Freunde in der Mannschaft zu instrumentalisieren – was teilweise auch gelingt. Sie waren im Frühjahr auf der Seite von Alex Frei, als Yakin diesen ins Abseits stellte. Und sie wissen mit Captain Marco Streller den Wortführer der Mannschaft auf ihrer Seite.

Marco Streller. Im April, als der FCB national und international auf der Erfolgswelle surfte, sagte der Captain der «Nordwestschweiz»: «Wir vertrauen Murat Yakin blind.» Schon nach der Entlassung von Heiko Vogel sagte er: «Wenn schon ein neuer Trainer, dann Yakin.» Strellers Meinung über Yakin scheint sich verändert zu haben: Anfang Oktober, nach der Heimniederlage gegen Schalke 04, äusserte er Kritik an der Taktik. Noch mehr zu reden gab seine Auswechslung im Spiel in Bukarest, die auf präsidiale Anordnung eine Aussprache zwischen Streller und Yakin zur Folge hatte. Der 32-Jährige ist – wie jeder erfolgreiche Stürmer – Opportunist. Und er ist die Integrationsfigur schlechthin für die Fans, pflegt zudem beste Kontakte mit der Chefetage. Seine Meinung hat bei den Bossen viel Gewicht. Das Tuch zwischen Yakin und Streller ist zwar nicht zerschnitten, aber kleine Risse sind offensichtlich. Ihm ist ein Dorn im Auge, wie Yakin mit den Degen-Zwillingen umgeht. Streller hat nicht gern gesehen, wie Yakin ihm den Sturmpartner und Freund Alex Frei weggenommen hat. Sein Vertrag und wohl auch seine Karriere enden 2015. Was er auf jeden Fall verhindern will: Sich beim FCB so zu verabschieden wie Alex Frei.

Bernhard Heusler. Der starke Mann beim FCB mit einem grossen Herz für seine Spieler. Diese sind seiner Ansicht nach nicht blosse Nummern. Je verdienter ein Spieler beim FCB, desto kürzer sein Weg ins Büro des Präsidenten. Anders das Verhältnis zu Yakin. Dieses ist bestenfalls professionell. Aber Heusler ist auch der Mann, der verantwortlich dafür ist, dass der finanzielle Haushalt (im schlechtesten Fall) ausgeglichen ist. Und er ist der Mann, der sich dafür einsetzt, dass der FCB in der Aussendarstellung proper bleibt.

Umso erstaunlicher, dass er die Medien von sich aus auf die atmosphärischen Störungen hingewiesen hat. Heusler könnte mit einer Verlängerung von Yakins Vertrag den Spielern signalisieren, wer die starke Figur im sportlichen Bereich ist. Aber er verzichtet darauf und schaut nun zu, wie die Demontage von Yakin fortschreitet. Natürlich kann er darauf verweisen, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben, als man Heiko Vogel in der Euphorie (Einzug in die Champions-League-Achtelfinals) einen längerfristigen Vertrag offerierte, den Trainer aber zehn Monate später beurlaubte. Wenn es nun in der Chefetage heisst, nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft sei relevant in der Trainerfrage, wirkt das, als suche man nach Schlupflöchern, um Yakins Erfolge auszublenden.

Fazit: Die Leistungen sind keineswegs unterirdisch. Der FCB steckt in einer Resultatkrise. Und gegen Steaua wirkte die Mannschaft erstmals führungslos. Es fehlen die Überzeugung und das Selbstverständnis, was die Basler sonst auszeichnet. Das kann durchaus an den atmosphärischen Störungen liegen, auch wenn die Spieler diese These abstreiten.

Bei Yakin muss man sich fragen, ob er zu erfolgsorientiert ist für diesen FCB. Der Trainer Yakin funktioniert nur, wenn seine Kompromisslosigkeit von oben gestützt wird. Dies scheint derzeit nicht der Fall. Die Mannschaft indes kann fehlende Erfolge auf den Trainer abwälzen. Deshalb ist auch die Frage berechtigt: Sind die Gräben noch zuzuschütten? Oder kann sich der FCB nur mit einem Trainerwechsel befreien? Zufall oder nicht: Der derzeit arbeitslose Thorsten Fink, von 2009 bis 2011 beim FCB engagiert und allseits beliebt, wurde in den letzten Tagen in Basel gesehen.

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