Serie A

So sehen die schwarz-weissen Träume der Juve-Fans mit Cristiano Ronaldo aus

Gegen YB gesperrt: Der neue Juve-Superstar Cristiano Ronaldo.

Gegen YB gesperrt: Der neue Juve-Superstar Cristiano Ronaldo.

Juventus Turin, am Dienstag in der Champions League Gegner der Young Boys, ist mit Ronaldo definitiv zu einem Weltklub geworden.

Wenn sich Giuseppe Varrese in Zürich mit seinen Freunden ins Auto setzt und nach Turin fährt, um das geliebte Juve zu bewundern, kann er sich bereits auf den nächsten Sieg freuen. Seit die Bianconeri vor sieben Jahren das neue, 155 Millionen Euro teure, Stadion am Stadtrand bezogen haben und der Schweizer Aussenverteidiger Stephan Lichtsteiner das allererste Tor schoss, haben sie hier von 182 Pflichtspielen nur acht verloren. Sagenhaft.

Varrese (33) hat das Klub-Gen von seinem Vater geerbt, dessen vier Brüder auch allesamt für schwarz-weiss sind. Dass die Wurzeln der Familie nicht in Turin oder der Region Piemont liegen, sondern ganz im Süden Italiens, ist nicht aussergewöhnlich.

Dieser hat den Ruf, Juve-affin zu sein. Was auch damit zu tun hat, dass einst viele junge Männer den Mezzogiorno verliessen, um in der Autostadt Turin bei Fiat zu arbeiten. 12 Millionen Fans soll Juve in Italien haben, weltweit gar 200 Millionen.

«Wir haben das beste Stadion mit einem tollen Museum», schwärmt Varrese, der das Prunkstück auch schon seiner Familie gezeigt hat. Seine zwei Söhne, die – natürlich– bei YF/Juventus kicken, hat er längst mit dem Juve-Virus infiziert.

Ein Killer-Team

Und jetzt, wo Ronaldo tatsächlich im Allianz Stadium einläuft, sind alle noch ein bisschen stolzer und glücklicher. «Ich hätte nie geglaubt, dass einmal ein solcher Spieler zu uns kommt», sagt der Inhaber eines Kurierdienstes. «Jetzt wollen wir alles gewinnen!»

Das ist bis jetzt unter dem 51-jährigen Strategen und Motivationskünstler Massimiliano Allegri gut gelungen. Der Trainer schafft es für das bescheidene Gehalt von sieben Millionen Euro perfekt, die Sattheit auch nach sieben Meistertiteln in Serie zu bekämpfen: Sechs Spiele, sechs Siege in der Serie A, ein Spiel, ein Sieg in der Champions League.

Ronaldos Ankunft

Es mögen keine sympathischen Worte sein, die Aufbauer Miralem Pjanic braucht, aber sie bringen auf den Punkt, was Juve ausmacht: «Wir sind ein Killer-Team, eine Kriegsmaschine.» Das Kader, das einen Marktwert von 768 Millionen Dollar aufweist, vereinigt 227 Titel, wovon Ronaldo mit deren 30 und Mario Mandzukic mit 25 am meisten beisteuern.

Lichtsteiner, der einzige Schweizer, der sich bei Juve durchgesetzt hat, sagt: «Das klubeigene Stadion und die damit verbundenen Einkünfte, die Vereinsstruktur mit der Besitzerfamilie Agnelli sowie die operative Leitung sind für den Erfolg verantwortlich.» Soeben ist nahe des Stadiums das sündhaft teure Trainingszentrum und neue Headquarter J Village eingeweiht worden. Es zementiert die Anschauung: Juve steht symbolhaft für ein Italien, das funktioniert.

30 Millionen Gehalt

Mit der Verpflichtung von Ronaldo für 117 Millionen Euro haben die Turiner nicht nur Varrese überrascht. Obwohl sie gemäss dem Wirtschaftsprüfer Deloitte mit einem Jahresumsatz von 405 Millionen Euro unter den Top Ten der finanzstärksten Klubs figurieren und in der Champions-League-Saison 16/17 fette 130 Millionen einnahmen, hat die Welt doch gestaunt, dass der 33-jährige Ronaldo einen Vierjahresvertrag erhielt. Der ihm jährlich 30 Millionen Euro an Salär einbringt und Juventus das Paket «CR7» 370 Millionen Euro kosten wird.

Das Allianz Stadium ist eine Festung: Erst acht Mal konnte eine Mannschaft hier gegen Juventus gewinnen.

Das Allianz Stadium ist eine Festung: Erst acht Mal konnte eine Mannschaft hier gegen Juventus gewinnen.

Es mögen sich daher viele fragen, ob der Rekordmeister (34 Titel) eventuell übergeschnappt sei. Doch der 42-jährige Präsident und Fiat-Vorstand Andrea Agnelli hat erreicht, dass die Juve-Aktie um gegen 150 Prozent zugelegt und dem Klub einen Wertzuwachs von 700 Millionen Euro beschert hat. Eine Zeitung verglich Ronaldos Ankunft mit der Fusion zweier Konzerne. Der fünffache Weltfussballer ist mit 141 Millionen Followern auf Instagram eine Werbeikone ohnegleichen.

Wer im Allianz Stadium durchs Museum spaziert, wird an Juve-Cracks wie Sivori, Platini, Baggio, Zidane, Zoff, Scirea, Tardellli, Buffon und Del Piero erinnert. Letzterer ist mit 705 Einsätzen Rekordspieler. Dem Besucher genügt aber ein einziges Bild, um zu erahnen, was Ronaldo bewirkt: Eine Familie steht vor einer Vitrine, der Vater und die drei Söhne tragen ein RonaldoTrikot mit der Nr. 7. Viermal 139,45 Euro...

Verbindungen zur Mafia

Selbstverständlich werden hier die dunklen Seiten der Klubhistorie nicht ausgewalzt. Aber diese gibt es schon auch: Etwa den Manipulationsskandal 2006 mit dem Zwangsabstieg in die Serie B und die Dopingaffäre in den 1990er-Jahren. Und berichtet wird auch immer wieder darüber, dass sich der Klub in Geiselhaft eines kriminellen Teils seiner Anhängerschaft befinde.

Mit Verbindungen zur Mafia. Wie sehr die Drughi, die Juve-Ultras, mit ihren kriminellen Aktivitäten wie illegalem Ticketverkauf, Drogenhandel und Banküberfällen dem Verein schaden, ist eine offene Frage.

Die Fans aber kümmert das nicht gross. Und die unzähligen Touristen, die in diesen prächtigen Herbsttagen die Stadt Turin mit den 900 000 Einwohnern zur Millionenstadt machen, schon gar nicht. Sie bewundern die beeindruckende Architektur der Barockbauten, nehmen aber kaum etwas vom Mythos «Juve» wahr. In einer Stadt, die ohnehin eher mit dem Lokalrivalen FC Turin sympathisiert.

Draussen beim Allianz Stadium jedoch ist alles anders. Als am Mittwoch der FC Bologna zu einem gewöhnlichen Serie-A-Spiel erscheint, ist die Juve-Gemeinde völlig aus dem Häuschen. Nur schon die Ankunft des eskortierten Mannschaftsbusses ist ein Ereignis. Die Tifosi füllen sich auf den kilometerlangen Fressmeilen die Bäuche – welch ein Umsatz! – , stürmen die Fan-Shops – was für ein Geschäft! – und freuen sich auf den Sieg. Es wird ein 2:0.

Es sind gute Tage für Juve. Am Samstag erscheint Napoli zum Spitzenspiel. Varrese hat vergeblich versucht, ein Ticket zu ergattern. Das volle Stadion mit 41 000 Fans aus allen Ecken Italiens und Europas wird vibrieren. Dass am Dienstag Königsklasse ist und YB kommt, ist noch kein Thema. Zumal Ronaldo dann gesperrt fehlen wird.

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