WM 2018

«Unser Gefühl: Wir gegen die ganze Welt»

Weil Sperren drohten, ist die Nati noch näher zusammengerückt, sagt Michael Lang. Im Bild: Bundespräsident Alain Berset besucht die Nati.

Weil Sperren drohten, ist die Nati noch näher zusammengerückt, sagt Michael Lang. Im Bild: Bundespräsident Alain Berset besucht die Nati.

Keine Sperren gegen Xhaka, Shaqiri und Lichtsteiner, die Erleichterung im Schweizer Nationalteam ist gross – doch welche Folgen haben die Diskussionen?

Am Ende ist es doch ein kräftiges Aufatmen. Kurz vor 18.30 Uhr meldet die Fifa-Disziplinarkommission: keine Sperren gegen Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Stephan Lichtsteiner. Die drei Schweizer kommen mit einer Busse davon, 10'000 Franken müssen Shaqiri und Xhaka berappen, 5000 Franken Lichtsteiner.

Es ist ein Urteil, das eigentlich nur einen Schluss zulässt: Die Fifa erkennt im Doppeladler-Jubel weder eine politisch motivierte Handlung noch einen Akt der Provokation gegenüber den serbischen Fans. Etwas komisch wirkt hingegen, wenn die Fifa im schriftlichen Urteil dann doch darauf hinweist, dass im Wiederholungsfall härtere Sanktionen drohen.

Fifa hat entschieden: Geldstrafe aber keine Sperre

Die Fifa hat entschieden: Geldstrafe, aber keine Sperre.

Auch aufseiten der Serben gab es Bussen. Der Verband muss 54'000 Franken bezahlen wegen des Verhaltens eines Teils seiner Anhänger. Trainer Mladen Krstajic erhielt zur Busse von 5000 Franken zudem eine Verwarnung. Er liess sich zur Aussage hinreissen, man soll den Schiedsrichter des Spiels Schweiz -Serbien, Felix Brych, vors UNOTribunal in Den Haag stellen.

Wie weiter in Zukunft?

Die Erleichterung beim Schweizer Fussballverband ist nach Tagen der intensiven Diskussionen zu spüren. «Wir nehmen die Entscheide der Fifa-Disziplinarkommission zur Kenntnis und freuen uns, dass wir uns ab sofort nur noch auf das rein Sportliche konzentrieren können», lässt sich Claudio Sulser, Delegierter des Nationalteams, in einem Communiqué zitieren.
Eine gewisse Ratlosigkeit können die Schweizer Fussball-Bosse jedoch weiterhin nicht verhehlen. Denn es bleiben Fragen: Wie geht man mit der Thematik des Doppeladlers in Zukunft um? Wie mit jener der doppelten Flaggen (Schweiz und Kosovo) auf gewissen Schuhen? Soll man Debatten darüber weiterhin mit allen Mitteln verhindern? Eines ist gewiss: Das Thema Doppeladler lässt sich nicht einfach so aus der Welt schaffen. Je früher das sämtliche Beteiligten begreifen, desto besser.

Interessant wird zu beobachten sein, wie die Mannschaft auf die letzten Tage reagiert. Aus sportlicher Optik. Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie geht gestärkt aus den Diskussionen hervor. Oder sie hat auf den – persönlich so wahrgenommenen – Nebenschauplätzen zu viel Energie gelassen. Das Spiel gegen Costa Rica am Mittwoch in Nischni Nowgorod (20 Uhr) gibt einen ersten Aufschluss darüber. In dieser Partie geht es darum, die Achtelfinal-Qualifikation zu sichern. Ein Unentschieden reicht bereits. Es ist eine Ausgangslage, bei der eigentlich nichts mehr schiefgehen dürfte.

Die Hauptbeteiligten – Xhaka, Shaqiri und Lichtsteiner – sprachen am Montag nicht über die letzten Tage. Einen Einblick ins Innenleben des Teams gewährte am Montag Michael Lang. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der 27-Jährige dazu auserkoren wurde, zur Lage der Nation zu sprechen. Lang hat ein feines Gespür für die Equipe und ist wichtig für diese – auch wenn er seit je «nur» Backup von Captain Lichtsteiner ist.

«Lassen keinen alleine»

Lang lässt keinen Zweifel offen, welchen Einfluss die vergangenen Tage gehabt haben: «Was jetzt passiert, lässt uns noch näher zusammenrücken.» Insbesondere wertet es Lang auch als positives Zeichen, dass sich Captain Lichtsteiner mit seinen albanisch-stämmigen Teamkollegen solidarisierte (siehe auch «Nordwestschweiz» vom Montag), dies widerspiegle den Geist dieser Mannschaft. «Wenn etwas passiert, wenn einer von uns attackiert wird, dann stärkt das die Gruppe. Wir lassen keinen alleine und wir lassen nicht zu, dass ein Einzelner von uns den Leuten zum Frass vorgeworfen wird.» Und dann offenbarte Lang auch noch, was die Schweizer Nationalspieler in den Momenten der Ungewissheit gefühlt haben, als die Sperren drohten: «Wir gegen die Welt.»

Lang scheut sich auf nicht davor, noch einmal auf unangenehme Stunden zurückzublicken, die mittlerweile einige Zeit zurückliegen. Auf die Monate vor der EM 2016, als im Schweizer Nationalteam Gräben vorhanden waren. Lang sagt nun: «Dieses Mal war der Teamgeist von Anfang an gut. Das war vor zwei Jahren vor dem Camp in Lugano anders.» Nationaltrainer Vladimir Petkovic sagt rund um die WM-Barrage gegen Nordirland gar: «Wir hätten den EM-Achtelfinal gegen Polen gewinnen können, wenn wir nicht zu viel Energie in Dinge abseits des Platzes hätten investieren müssen.»

Der bemerkenswert gute Start der Schweiz an der WM 2018 lässt Träume entstehen. Zum Beispiel vom Einzug in den Viertelfinal. Auch ein solcher Erfolg würde die Diskussionen um den Doppeladler nicht gänzlich zum Verschwinden bringen. Doch vielleicht würde der eine oder andere die Gelegenheit nützen, etwas entspannter mit der Thematik umzugehen.

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